Debatte nach Stefan Henzes Tod Woran das brasilianische Gesundheitssystem krankt

Der Tod des deutschen Kanutrainers Stefan Henze hat in Brasilien eine Debatte über die staatliche medizinische Versorgung entfacht. Ein Arzt erhebt nun schwere Vorwürfe.

Stefan Henze
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Stefan Henze

Von Jens Gluesing, Rio de Janeiro


Die Behandlung des am Montag verstorbenen Kanu-Trainers Stefan Henze hat sich verzögert, weil der Deutsche nach seiner Aufnahme in einem staatlichen Olympia-Referenzkrankenhaus weitertransportiert werden musste. Das bestätigte einer der Ärzte, die Henze unmittelbar nach dem Unfall in Empfang nahmen, der brasilianischen Zeitung "Extra".

"Obwohl das Krankenhaus Lourenço Jorge (in das Henze zunächst eingeliefert wurde, Anm. d. Red.) täglich Opfer schwerer Unfälle auf den umliegenden Schnellstraßen aufnimmt, verfügt es über keine Neurochirurgen", sagte der Arzt, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Man verliert wertvolle Zeit dabei, eine Computertomografie zu erstellen, einen Krankenwagen zu besorgen und die Verlegung zu organisieren". Ob Stefan Henze überlebt hätte, wenn er schneller behandelt worden wäre, lässt sich nicht beantworten.

Die staatliche Unfallklinik Miguel Couto im 20 Kilometer entfernten Stadtteil Leblon, wo Henze schließlich operiert wurde, ist ebenfalls als Olympia-Referenzkrankenhaus ausgewiesen. Aber sie "nimmt nur einen Patienten auf, wenn er mit einer Tomografie eingeliefert wird, aus der ersichtlich wird, dass er operiert werden muss. Der Weg, den dieser Deutsche auf sich nehmen musste, spiegelt die Wirklichkeit aller Einwohner von Rio, die in Barra verunglücken und schwere Schädelverletzungen erleiden. Das ist absurd", klagte der Arzt.

Wenige Tage vor dem Unfall in der Nacht zum Freitag vergangener Woche hatte der Präsident der Ärztegewerkschaft von Rio de Janeiro, Jorge Darze, gegenüber dem SPIEGEL die unzureichende Ausstattung des Hospitals Lourenço Jorge beklagt. Die Abteilungen für Neurochirurgie, Gefäßchirurgie und Thoraxchirurgie waren vor vier Jahren geschlossen worden. Der bevölkerungsreiche Stadtteil Barra da Tijuca, in dem das Olympiagelände liegt, sei dramatisch unterversorgt, was die Behandlung von Schwerverletzten betrifft, so Darze. "Es ist ein Lotteriespiel, ob ein Patient in Rio rechtzeitig behandelt wird".

Der schwerverletzte Henze musste einen Teil des Weges doppelt zurücklegen: Der Unglücksort in Höhe der Hausnummer 500 der vielbefahrenen Avenida das Américas liegt auf dem Weg nach Leblon, wo er schließlich fachgerecht behandelt werden konnte. Dennoch brachte der Rettungswagen der Feuerwehr ihn zunächst ins näher gelegene Krankenhaus Lourenço Jorge, das sich in der entgegengesetzten Richtung befindet.

Kliniken dramatisch überfüllt

Mitte Juli, also wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele, hatte der Ärzterat von Rio de Janeiro nach einer Visite in den fünf Olympia-Referenzkrankenhäusern davor gewarnt, dass diese Kliniken dramatisch überfüllt seien. Sie "sind nicht auf Behandlungen während der Oympiade vorbereitet", so das Ständeorgan.

Im Krankenhaus "Salgado Filho", das in der Nähe des Olympiastadions im Stadtteil Meier liegt, würden Patienten mit mittelschweren Erkrankungen in eine stillgelegte Kantine ausgelagert. Dort gebe es nicht einmal Sauerstoffgeräte. Kapazitäten, um neue Patienten aufzunehmen, habe keines der überprüften Krankenhäuser. "Es gibt eine große Anzahl von Patienten, die auf improvisierte Weise untergebracht wurden" - auf Fluren, Transportliegen, Sesseln und Stühlen.

Nach dieser Kritik hatten die zuständigen Behörden systematisch Patienten in den Olympia-Referenzkliniken abgewiesen und die Anzahl der Einweisungen reduziert, ergaben Recherchen des SPIEGEL. Kranke würden auf andere Kliniken umverteilt, um Platz für mögliche Olympia-Patienten zu schaffen, klagten Ärzte, die nicht namentlich genannt werden wollten. Im Krankenhaus Carlos Chagas, das in der Nähe des Olympia-Komplexes Deodoro liegt, sei die Anzahl der Behandlungen drastisch reduziert worden. So sollte eine Reserve geschaffen werden für den Fall, dass das als Referenz-Krankenhaus für die Region vorgesehene Albert-Schweitzer-Krankenhaus überfüllt sei, bestätigte ein Arzt.

Der SPIEGEL hatte in den vergangenen Wochen diskret die Lage in mehreren Krankenhäusern in Rio de Janeiro recherchiert und war dabei auf zahlreiche Missstände gestoßen. So mangelt es in vielen Kliniken an Medikamenten und Operationsmaterial. Wichtige Diagnosegeräte sind seit Monaten kaputt oder fehlen. Toiletten für Ärzte und Patienten sind verdreckt, weil die Reinigung an Drittfirmen ausgelagert wurde. Die bezahlen zum Teil seit Monaten ihre Angestellten nicht.

Am schlimmsten sind die Zustände in den Kliniken, die vom Bundesstaat Rio de Janeiro unterhalten werden - der Bundesstaat ist praktisch pleite. In den Krankenhäusern, die von der Stadtverwaltung und der Bundesregierung finanziert werden, ist die Lage etwas besser. Die Regierung des Bundesstaats erschwert Journalisten den Zugang zu den öffentlichen Hospitälern. Viele Gesprächspartner waren gegenüber dem SPIEGEL nur zu Aussagen bereit, wenn sie nicht namentlich genannt wurden, sie fürchteten Repressalien.

Brasilien verfügt neben den staatlichen Krankenhäusern über zahlreiche private Kliniken, doch die Mehrheit der Bevölkerung ist auf das kostenlose staatliche Gesundheitssystem angewiesen, sie kann sich private Krankenkassen nicht leisten. Mit der Wirtschaftskrise hat der Ansturm auf die öffentlichen Institutionen drastisch zugenommen, weil die private Gesundheitsversorgung auch für viele Mittelschicht-Brasilianer zu teuer geworden ist. In der Notfallversorgung sind die staatlichen Krankenhäuser trotz aller Missstände in der Regel besser als die privaten Häuser, weil die Ärzte dort über mehr Erfahrung verfügen.



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doctoronsen 16.08.2016
1. Der Zynismus des IOC
Dass das IOC beim Thema Gesundheit nicht konsequent auf die selbst gesetzten Standards geachtet hat, zeigt einmal mehr, wie zynisch diese Organisation inzwischen mit den Menschen umgeht, von deren Fleiß, Mut, Talent und Geld sie lebt. Es wird Zeit, dass die Sportler weltweit die Kraft finden, dieses Trauerspiel zu beenden. Olympia ist ein Zombie.
WutRutwiess 16.08.2016
2.
Die Missstaende im brasilianischen Krankenhaeusern sind leider bekannt ... Im vergangenen Jahr verunglueckte die Koelnerin Sandra Eichenhofer in einem Galopprennen in Sao Paolo. Obwohl sie nach so einem schweren Unfall mindestens 24h unter Beobachtung im Krankenhaus haette bleiben muessen, wurde sie nach Kurzaufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen, und verstarb noch in der Nacht im Hotel (Obduktion in D ergab schwere innere Verletzungen). http://www.express.de/sport/reiterin-starb-mit-23-tod-von-jockey-talent-sandra-eichenhofer-wirft-fragen-auf-23057714
vhn 16.08.2016
3. Unfallursachen
Lt. englischsprachigen Seiten war Henze nicht angeschnallt und der andere Deutsche hat direkt vor dem Unfall plötzlich ins Lenkrad gegriffen. Das nur als Info...
realist4 16.08.2016
4. So ist das leider
Ich habe lange in Brasilien gearbeitet und kann den Bericht nur bestätigen, es ist so oder noch schlimmer. Rio ist seit vielen Jahren besonders schlecht verwaltet. Es gibt sehr gute Privatkliniken, wenn man Geld oder eine entsprechende Versicherung hat, aber im Falle eines Unfalls wird man üblicherweise ins staatliche Gesundheitswesen verfrachtet weil Privatkliniken Patienten nur mit Nachweis der Zahlungsfähigkeit aufnehmen. Dafür müsste man aber sich auskennen, die Sprache beherrschen und ansprechbar sein.
Aha!11!eins 16.08.2016
5.
Ob Henze in einem gut ausgerüsteten Krankenhaus überlebt hätte, bleibt Spekulation. Interessant zu erfahren wären aber mal die näheren Umstände des Unfalls. Wie konnte es dazu kommen?
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