Steiner Bayreuth Mythos aus der Provinz

Noch bevor Bayer Leverkusen und Alba Berlin Serienmeister waren, gab es in der fränkischen Provinz einen Verein, der den deutschen Basketball in Atem hielt und das Potenzial für langjährige Dominanz hatte. "FIVE"-Autor Jörg Bähren blickt zurück auf die Geschichte von Steiner Bayreuth.


Die Basketball-Bundesliga der heutigen Tage ist spannend. Sie ist bunt. Sie ist geprägt von Typen, die polarisieren und begeistern. Aber vor allem ist sie unberechenbar. Viele Mannschaften haben legitime Titelchancen. Das war nicht immer so. Alba Berlin genoss sieben Meisterjahre in Folge. Bayer Leverkusen dominierte Anfang der Neunzigerjahre. Das alles scheint in einer ausländerunbeschränkten BBL schon so unsagbar lange her. Doch was war davor? Wer oder was stellte den deutschen Spitzenbasketball dar, als weder die Farben- noch die Hauptstädter auf dem Bundesligathron Staub ansetzten?

Steiner-Profi Bade (Mitte, in den Neunzigern): Rasanter Aufstieg eines Provinzclubs
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Steiner-Profi Bade (Mitte, in den Neunzigern): Rasanter Aufstieg eines Provinzclubs

Die Antwort findet sich in der ländlichen Provinz, in Bayreuth. Denn Mitte der Achtziger entstand in der Wagnerstadt das, was durchaus eine kleine Basketball-Dynastie hätte werden können – und dann doch ganz schnell in sich zusammenfiel: Steiner Bayreuth.

Am Anfang war Tischtennis. Bereits im Jahre 1970 wurde unter Federführung der Brüder Carl und Horst Steiner die "TTBG Steiner-Optik Bayreuth" gegründet. Eine Abteilung mit dem Charakter eines Betriebssportvereins, in dem sich Arbeitnehmer und -geber nach Lust und Laune austoben konnten. Carl Steiner war – und ist bis zum heutigen Tage – Geschäftsführer der nach seinem Nachnamen benannten Firma, die hauptsächlich Ferngläser produziert. Sein Bruder Horst verdingt sich als Chef einer großen Steuerrechts- und Prüfungskanzlei. Gemeinsam fungierten sie als präsidiale Spitze, die den Verein lenkte. Unter ihrer Leitung schaffte es die BG zwischenzeitlich sogar bis in die erste Tischtennis-Bundesliga.

Im Jahre 1984 gerät jedoch der ebenfalls in Bayreuth ansässige Basketballverein, der "Olympia USC", vor der anstehenden Zweitligasaison in finanzielle Probleme. Für die Gebrüder Steiner fast schon eine Herzensangelegenheit, dass sie als Retter einspringen. "Zu der ursprünglichen Tischtennis-Abteilung wurde Basketball als zweite Abteilung mit übernommen", erklärt Horst Steiner. "Die Firma Steiner war in diesem Zusammenhang eher zweitrangig. Wir waren Basketball-Fans und wollten etwas dazu beitragen, den Sport in Bayreuth zu erhalten."

Und so ziehen viele in der Stadt mit. Steiner: "Wir hatten beispielsweise fast nie Probleme mit der Hallenbelegung, da uns Herr Kreitmeier, der Sportamtsleiter, immer voll unterstützt hat." Mit einem Etat, den Steiner nicht genau beziffern möchte, aber mit "vielleicht einem Fünftel im Vergleich zu den heutigen Budgets" umschreibt, wird eine Mannschaft auf die Beine gestellt, die in der damaligen zweiten Liga ihresgleichen sucht. Als logische Konsequenz folgt der Aufstieg ins Oberhaus. Und als ob das nicht schon Erfolg genug gewesen wäre, schafft es die Steiner-Truppe im Pokal bis ins Finale – wo der Höhenflug gegen den ASC Göttingen mit einer 72:85-Niederlage gebremst wird.

Die Initialzündung aber ist erfolgt. Mit einem gewachsenen Stamm an Spielern schafft die punktuell verstärkte BG 1985/86 die Playoffs, man stößt bis ins Halbfinale vor. Auch im Pokal bleibt Bayreuth erfolgreich. Erneut geht es bis ins Finale, mit dem ersten Titel wird es dennoch nichts – diesmal ziehen die Bayreuther mit 68:80 gegen den TSV Leverkusen den Kürzeren.

Die schnellen (Teil-)Erfolge wecken Begehrlichkeiten. Entsprechend hoch sind die Erwartungen vor der anstehenden Spielzeit 1986/87. Teaminterne Querelen, die zumeist an Headcoach John Treloar festgemacht werden, verhindern jedoch eine Steigerung. Nach der Playoff-Viertelfinalpleite gegen Gießen folgen personelle Konsequenzen – der Trainerposten wird neu ausgeschrieben.

Ein Ring in der Provinz

Dann kommt er. Der Mann, der alles in die richtigen Bahnen lenken sollte: Lester Habegger. Ein kleiner, unscheinbar wirkender Mann mit einem Blick, der vor Selbstvertrauen nur so strotzt. Und in seinem Gepäck hat er etwas, das schon damals als ultimative Krönung des globalen Basketballs gilt: einen NBA-Meisterschaftsring. 1979 hatte er als Assistenz-Trainer der Seattle SuperSonics den Titel gewonnen. Das macht Eindruck. Nicht nur auf die bereits in Bayreuth wohnhaften Basketballer, sondern auch auf die Konkurrenz. Steiner hatte mit seinem rapiden Aufstieg bereits die deutsche Basketballlandkarte gehörig aufgemischt, Habeggers Ankunft setzte allem die Krone auf. Mit seinen Schweizer Wurzeln und einer umgänglichen Art besteht kein Zweifel, dass er wie geschaffen ist für das kleine Nest Bayreuth.

Während Habegger an der Seitenlinie die richtigen Impulse gibt, gesellt sich auf dem Parkett ein weiteres Landei zum Steiner-Kader, das bereits in Gießen als hoffnungsvolles Talent auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die Verpflichtung des 21-jährigen Shooting Guards Michael Koch katapultiert das Team in der vorsaisonalen Rangliste ganz nach oben. Auch wenn in der Meisterschaft abermals im Halbfinale gegen den BSC Saturn Köln Endstation ist, im Pokal platzt im dritten Anlauf endlich der Knoten. Das mittlerweile in "BG Steiner-Optik" umbenannte Team erreicht abermals das Endspiel und entzaubert Köln 105:88. "Es war die Perspektive, die Bayreuth damals so interessant für mich gemacht hat", erinnert sich Koch, heute Cheftrainer in Bonn. "Ich war vor meinem Wechsel Starter in Gießen, Bayreuth war eine aufstrebende Mannschaft. Und mit Les Habegger einen Ex-NBA-Champ als Trainer zu haben, war ungemein wertvoll – nicht zuletzt für meine Entwicklung."

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Wie es endlich mit dem ersten Meistertitel für Steiner klappte - und warum es der einzige blieb.



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