Streit um Basketball-Schiris Top-Club droht mit Rückzug aus den Gremien

Es ist keine Affäre, aber die Herren mit der Pfeife stehen mal wieder im Rampenlicht: Tabellenführer Alba Berlin fühlt sich von den Schiedsrichtern in der Basketball-Bundesliga seit geraumer Zeit benachteiligt - und droht nun mit dem Rückzug aus den Ligagremien.
Von Sascha Klettke
BBL-Spiel Oldenburg gegen Trier: Kritik aus Berlin rückt Schiedsrichter in den Vordergrund

BBL-Spiel Oldenburg gegen Trier: Kritik aus Berlin rückt Schiedsrichter in den Vordergrund

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Einfacher kann ein Clubmanager wohl nicht für hämische Kommentare gegnerischer Fans sorgen: Alba Berlins Geschäftsführer Marco Baldi kritisiert nach der 76:70-Niederlage seines Teams gegen Frankfurt die Schiedsrichter der Basketball-Bundesliga. Und das nicht wegen des einen Spiels: "Es gibt seit Jahren eine unterschiedliche Behandlung - und zwar nicht zu unseren Gunsten."

Der Spitzenclub erhebt also schwere Vorwürfe gegen die Liga. Deren Antwort: "Wir müssen uns energisch gegen den Vorwurf verwahren, das Alba Berlin bewusst benachteiligt wird. Alle 18 Vereine werden gleich behandelt," sagt Pressesprecher Dirk Kaiser SPIEGEL ONLINE.

Doch eine bewusste Benachteiligung wirft Alba den Unparteiischen gar nicht vor. Weder Manager Baldi noch Sportdirektor Henning Harnisch äußern sich dazu, aus welchen Gründen ihrer Meinung nach die Schiedsrichter zu oft gegen den Tabellenführer pfeifen oder Fouls gegen Alba-Spieler möglicherweise ungeahndet lassen. Sie versuchen lediglich, die Hintergründe ihres medialen Wutausbruchs zu erklären. Harnisch sagt: "Ich hoffe nicht, dass der Eindruck entsteht, dass da ein paar Durchgeknallte am Werk sind."

Videoversand an die Liga

Die Vorgeschichte aus der Sicht von Alba Berlin: Seit etwa zwei Jahren tausche sich der Club mit der Bundesliga über die Pfiffe der Schiedsrichter aus. Assistenztrainer Konstantin Lwowsky schneide Videos mit Spielszenen zusammen und schicke sie mit Fragen an die für die Schiedsrichter zuständige Liga-Abteilung, erklärt Harnisch. Dabei gehe es darum, wie bestimmte Aktionen auf beiden Seiten des Spielfeldes gepfiffen werden. Zum Beispiel, ob das Eingreifen des Verteidigers beim Schnellangriff auf der einen Seite auch als Foul gepfiffen wird, wenn die andere Mannschaft den Ball hat. "Die Liga gibt uns in der überwiegenden Zahl der Fälle recht", sagt Manager Baldi, "doch es ändert sich nichts."

Die Basketball-Bundesliga bestätigt, dass es Austausch mit den Vereinen gibt und dass dabei auch Fehler eingeräumt werden. Sprecher Kaiser verweist aber auf die stetige Arbeit an der Professionalisierung der Schiedsrichter. So würden in Kooperation mit der Universität Potsdam bei ausgewählten Spielen kritische Szenen sofort zusammengeschnitten und bald nach Abpfiff von den Schiedsrichtern und einem Beobachter ausgewertet.

Schnelles Spiel, viel Gerangel

Foulentscheidungen beim Basketball sind eine schwierige Angelegenheit: Das Spiel ist ziemlich schnell, beim Gerangel unter dem Korb stehen die Akteure eng zusammen - und erschweren so den Schiedsrichtern die Sicht. Auch die Regeln lassen Entscheidungen oft weniger eindeutig erscheinen als beim Fußball: So können selbst leichte Berührungen am Wurfarm ein Foul sein - werden aber alle Kontakte abgepfiffen, dann stehen die Spieler nur noch an der Freiwurflinie. Die Schiedsrichter müssen also die Balance finden - zwischen erlaubten und illegalen Kontakten, zwischen Spielfluss und Stillstand. Und sie müssen mit den unterschiedlichen Taktiken der beiden Teams umgehen.

Das Spiel von Alba, so Sportdirektor Harnisch, beruhe auf der Grundlage, im Normalfall kein Foul zu begehen. "Wir spielen eine sehr saubere, technisch ausgereifte Verteidigung." Andere Mannschaften setzten dagegen in der Verteidigung stärker auf Fouls. Ein Beispiel für das, was die Berliner kritisieren: Ihr wichtigster ist Punktesammler ist Julius Jenkins. Albas Top-Scorer läuft im Angriff schnell durch die Reihen der Gegner, um gute Positionen für einen Wurf zu bekommen. "Die Verteidiger haben verschiedene Möglichkeiten, um ihn zu stoppen: Zerren, halten, in den Weg stellen. Da müssen die Schiedsrichter entscheiden, ob sie das zulassen oder nein sagen."

Liga-Geschäftsführer Jan Pommer kennt das Problem: "Nicklichkeiten und Gezerre sind gegen Top-Spieler ein Dauerthema - das bedarf der besonderen Aufmerksamkeit. Vielleicht gehen die Schiedsrichter damit auch nicht immer richtig um. Aber abwegig finde ich es, das Gefühl zu entwickeln, dass davon vor allem Alba betroffen sei."

Trotz Videodokumentation und Erklärungen: Erstmal müssen die Berliner mit den Auswirkungen ihrer Schiedsrichter-Schelte leben. Die Gegner und ihre Fans werden jetzt genau darauf achten, ob das Pendel nicht in die andere Richtung ausschlägt. Schnell wird Alba bei ihnen in den Verdacht geraten, von den Schiedsrichtern geschont zu werden. Und die Männer und eine Frau mit der Pfeife könnten durch besonders strenges Vorgehen gegen Berlin zeigen wollen, dass sie sich von der Kritik nicht beeinflussen lassen. Der Preis dafür, dass die Ligaführung sich Albas Problemen mit den Schiedsrichtern annimmt, dürfte also viel Gegenwind in den Hallen sein.

Doch das ist es den Berliner Clubchefs vielleicht wert. Bislang haben sie zwar mit dem Rückzug aus den BBL-Gremien gedroht, aber konkret angekündigt haben sie ihn noch nicht. Deutlicher konnten sie das Thema nicht auf die Tagesordnung setzen, ohne die Tür zur Liga ganz zu zuschlagen. Und so kündigte Jan Pommer bereits an, dass er sich mit Marco Baldi demnächst darüber unterhalten möchte, wie der zu seiner Einschätzung gelangt sei. Und förmlich muss Baldi seine Äußerungen möglicherweise auch noch erklären: Öffentliche Schiedsrichterschelte wird in der BBL mit Geldstrafen geahndet, vorher darf der Betroffene noch eine Stellungnahme abgeben.

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