Missbrauch im südkoreanischen Profisport "Die Medaillen sind beschmutzt - weil junge Frauen dafür leiden mussten"

Südkorea gehört bei Olympischen Winterspielen zu den Topnationen. Doch zu welchem Preis? Was viele Athletinnen über Missbrauch durch ihre Trainer enthüllen, schockiert das Land zutiefst.

Die Shorttrackerin Shim Suk Hee ist ein Missbrauchsopfer in Südkorea
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Die Shorttrackerin Shim Suk Hee ist ein Missbrauchsopfer in Südkorea

Von , Seoul


Es ist nicht so, dass südkoreanische Profisportlerinnen nicht schon früher ihr Leid offenbart hätten. Es hörten ihnen nur sehr wenige Menschen zu, oder vielleicht störten ihre Berichte den Traum vom olympischen Gold.

Doch seit die zweifache Olympiasiegerin Shim Suk Hee im Dezember enthüllte, dass ihr Trainer sie misshandelte und, seit sie 17 Jahre alt war, immer wieder vergewaltigte, ist das Land zutiefst schockiert. Shim ist eine Nationalheldin, deren Erfolge im Shorttrack ihre Landsleute stolz machen.

Schon zuvor hatte sie unter Tränen vor Gericht ausgesagt, wie ihr Trainer Cho Jae Beom sie seit ihrer Kindheit geprügelt und beschimpft hatte. Einmal habe er ihre Finger mit einem Eishockeyschläger gebrochen. Kurz vor den Olympischen Spielen im südkoreanischen Pyeongchang im Februar 2018 habe er sie so heftig gegen den Kopf geschlagen, dass sie gedacht habe, "ich könnte jetzt hier sterben."

Shims Aussagen haben Südkorea aufgerüttelt. Fünf weitere Eisschnellläuferinnen bezichtigten Anfang des Jahres ihre Trainer ebenfalls der Gewalt und des sexuellen Missbrauchs. Profiathletinnen aus weiteren Sportarten wie Judo, Taekwondo und Wrestling berichteten von ähnlichem Leid.

Südkorea hat nun die bislang umfassendste Untersuchung eingeleitet, um den "systematischen, anhaltenden" Missbrauch im Sport zu untersuchen. Die Nationale Menschenrechtskommission will 30.000 Sportler, Trainer und Funktionäre interviewen. Zu lange hätten die Opfer geschwiegen, so die Kommissionsvorsitzende Choi Young Ae, weil es "immer nur um Ergebnisse und Medaillen" gegangen sei.

"Der Trainer hat die totale Kontrolle"

Diese Haltung, dass Medaillen alles rechtfertigten - also Gewinnen um jeden Preis - habe lange die Kultur im Land geprägt, sagt Chung Yong Chul, Professor für Sportpsychologie an der Sogang Universität in Südkoreas Hauptstadt Seoul. "Aber jetzt versteht die ganze Nation, dass die Medaillen beschmutzt sind - weil junge Frauen dafür leiden mussten."

Eine Untersuchung des südkoreanischen Sportministeriums, die vergangene Woche vorgestellt wurde, macht deutlich, welche Dimensionen der Skandal hat. Mehr als 37 Prozent aller Profisportlerinnen gaben an, im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal sexuell belästigt worden zu sein. Die Täter seien zu einem Drittel Trainer und zu einem Drittel ältere Athleten gewesen.

"Der Trainer hat die totale Kontrolle über die Karriere. Es ist schwer für die Athleten, sich zu wehren. Denn wer nicht mehr in der Gunst des Trainers steht, verliert alles", sagt Sportpsychologie-Professor Chung.

Schon Grundschulkinder werden systematisch zu Profisportlern aufgebaut. Die jungen Menschen leben in Trainingscamps, wo sie der Nähe ihrer Familien entzogen und Trainer ihre wichtigsten Ansprechpartner sind. Für diese jungen Athleten liege der einzige Fokus auf dem Sport, sagt Chung. Medaillen sicherten in Südkorea den Zugang zu prestigeträchtigen Universitäten. Wem der Erfolg versagt bleibe, der habe oft keinen alternativen Lebensweg.

Zum ersten Mal vergewaltigt mit zehn Jahren

Viele Sportlerinnen, die sexuell missbraucht wurden, trauen sich nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Weniger als fünf Prozent der Betroffenen meldeten ihren Fall den Behörden, fand die Umfrage des Sportministeriums heraus.

Auch die Tennisspielerin Kim Eun Hee verschwieg ihre Qualen jahrelang, auch sie wurde von ihrem Trainer vergewaltigt. "Ich war zehn oder elf Jahre alt, als es das erste Mal passierte", sagte sie in einem Interview mit der BBC. Zwei Jahre lang habe er sie immer wieder in sein Zimmer gerufen. Aus Angst habe sie sich niemandem offenbart. Erst Jahre später habe sie verstanden, "dass mir etwas Schlimmes passiert war, etwas, das nicht passieren durfte".

Zwar wurde ihr Trainer entlassen, als andere Eltern misstrauisch wurden - doch sie begegnete ihm 2016 bei einem Turnier wieder. Als sie verstand, dass er noch immer Kinder trainierte, ging sie an die Öffentlichkeit. "Ich möchte nicht, dass andere so verletzt werden wie ich, dass sie so etwas erleben müssen", sagt sie. Kims Trainer wurde zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Aber ihr Trainer ist einer der wenigen, die verurteilt wurden. Selbst wenn Frauen über ihre Erfahrungen sprachen - die Täter hatten in der Vergangenheit oft wenig zu befürchten. Sie mussten ihre Posten räumen, konnten aber andere Positionen annehmen. Strafrechtlich wurden sie oft nicht verfolgt. Dass die Welt des koreanischen Profisports immer noch männlich dominiert und von persönlichen Verbindungen durchzogen ist, fördert solche Strukturen.

#MeToo-Bewegung verändert Südkorea

Dabei hat sich die traditionell patriarchale koreanische Gesellschaft im vergangenen Jahr langsam verändert. Seit die #MeToo-Bewegung auch in Südkorea stetig bedeutsamer wurde, trauen sich immer mehr Frauen, solche Strukturen und Männer in Machtpositionen zu hinterfragen.

Die Aufmerksamkeit ist hoch, das Entsetzen über die sexuellen Übergriffe im Sport ist groß. Für Professor Chung ist daher nun der Moment gekommen, das System zu reformieren - Chung ist Teil des Mitte Februar eingesetzten "Sport-Innovationskomitee", in dem auch Vertreter von vier Ministerien sitzen. "Wir treffen auf viel Widerstand", sagt er. "Aber es ist eine wichtige und dringende Aufgabe. Vielleicht ist es auch unsere letzte Chance."

Er äußert Respekt für die Sportlerinnen, die sich an die Öffentlichkeit gewagt haben. Viele leiden noch immer unter dem jahrelangen Missbrauch. Shorttrack-Star Shim nimmt weiter an Wettkämpfen teil. Aber sie wird, wie sie im Prozess beschrieb, psychologisch behandelt wegen Angstzuständen, Depressionen, Schlafproblemen und posttraumatischer Belastungsstörung.

Auch andere Athletinnen haben lange, wenn nicht ihr Leben lang, mit den Folgen zu kämpfen - und sprechen öffentlich darüber. Zugleich wollen sie anderen Frauen Mut machen. Eine Betroffene, ebenfalls eine junge Eisschnellläuferin, die misshandelt wurde und die in einem BBC-Interview anonym bleiben wollte, sagt: "Niemand sollte allein leiden."



insgesamt 5 Beiträge
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gehdoch 06.03.2019
1. Mich macht das fassungslos...
...und sprachlos
PeterPetroleum 06.03.2019
2. Der moralische Kompas
Vielen starken und dadurch in Machtpositionen gelangenden Menschen, fehlt es an einem moralischen Kompas. Moral wird erlernt und erfahren, durch verlieren, unterlegen sein, schlecht und ungerecht behandelt werden. Starke Menschen, die in der Regel durch ihre Stärke in Machtpositionen kommen, haben in ihrem Leben mehr gewonnen oder gesiegt als verloren oder unterlegen. Aber durch Siege in der Leistungsgesellschaft wird man keinen guten moralischen Kompass ausbilden können. Ausnahmen bestätigen die Regel.
zooey_radieux 06.03.2019
3. Unfug
Zitat von PeterPetroleumVielen starken und dadurch in Machtpositionen gelangenden Menschen, fehlt es an einem moralischen Kompas. Moral wird erlernt und erfahren, durch verlieren, unterlegen sein, schlecht und ungerecht behandelt werden. Starke Menschen, die in der Regel durch ihre Stärke in Machtpositionen kommen, haben in ihrem Leben mehr gewonnen oder gesiegt als verloren oder unterlegen. Aber durch Siege in der Leistungsgesellschaft wird man keinen guten moralischen Kompass ausbilden können. Ausnahmen bestätigen die Regel.
So ein Unfug.
mats73 06.03.2019
4. @PeterPetroleum wirklich?
das Gegenteil ist eher der Fall! Menschen die selbst in ihrer Jugend missbraucht und gedemütigt wurden, werden paradoxerweise, obwohl sie genau wissen wie sich die Opfer fühlen müssen,, vielfiger selbst zum Täter! nicht die Position macht sie zu Tätern, Potenzielle Täter suchen gezielt Positionen, die die Möglichkeit bieten. Starke selbstbewusste Persönlichkeiten werden viel seltener zu Tätern!
Cascara LF 06.03.2019
5. @2 - PeterPetroleum
Moral erlernt man nicht durch Niederlagen! Moral und moralische Werte werden uns durch unsere Eltern oder anderen Bezugspersonen in früher Kindheit vermittelt - oder eben auch nicht. Daraus entwickeln wir mit zunehmendem Alter und Erfahrungen aus Situationen, gesehenen, gehörten und erlebten unsere eigenen Moralwerte. Was ist gut, was nicht, was ist falsch, was richtig, was wirkt wie auf wen/uns? Niederlagen können Demut lehren, Siege Selbstvertrauen, mit Moral hat das aber gar nichts zu tun.
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