Sumo-WM Funktionäre sorgen für Unmut

Erstmals wurde eine WM der Sumotori außerhalb Japans ausgetragen. Doch nicht alle hatten Spaß an der Veranstaltung in Riesa. Besonders die Traditionalisten aus Asien erwiesen sich als schwer zu befriedigende Klientel.


Schaukampf in Riesa: "Kult der Dickbäuche"
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Schaukampf in Riesa: "Kult der Dickbäuche"

Riesa - Schwere Zeiten für die Schwabbel-Bäuche: Bei den achten Sumo-Weltmeisterschaften in Riesa kämpften die Schwergewichte nicht nur um Medaillen, sondern auch um sportliche Anerkennung und Marktanteile. Argwöhnisch wird die weltweite PR-Tour von Japan, Ausrichter aller bisherigen Weltmeisterschaften, beäugt. Das Sumo-Mutterland ist zwar Initiator der Internationalisierung des japanischen Volkssportes Nummer eins, sieht aber gleichzeitig uralte Traditionen in Gefahr.

"Die Japaner kommen hier her und bestimmen alles. So kann das nicht weitergehen", schimpfte Günter Romenath. Der gerade für vier Jahre wiedergewählte deutsche Präsident der Europäischen Sumo-Union (ESU) war in Riesa vor allem als Diplomat gefragt. Eine 80-köpfige Delegation aus Fernost machte den Organisatoren das Leben schwer.

Der originalgetreu nachgebaute Dohyo (Kampfring) wurde ebenso bemängelt - die 36 Tonnen Lehm waren in der Halle 20 Zentimeter zu hoch aufgeschüttet - wie Zeitplan, Siegerzeremonie, Werberichtlinien und Show-Einlagen. "Wir sind doch hier nicht in einem japanischen Tempel. Da leben einige Funktionäre scheinbar noch in der Zeit der Samurai", wetterte Romenath.

Kritisierter Damenwettbewerb: Karin Kutz (r.) im Kampf gegen Victoria Kazounina (Russland)
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Kritisierter Damenwettbewerb: Karin Kutz (r.) im Kampf gegen Victoria Kazounina (Russland)

Dabei müssen auch die Sumoringer auf dem "alten Kontinent" im harten Kampf um Einschaltquoten und Medienpräsenz mit Attraktionen locken. So sollte es in Riesa erstmals auch um Frauen-Titel gehen. Die Japaner lehnten ab. Der von den Asiaten dominierte Weltverband (ISF) legte auf seinem Kongress in Riesa flugs fest, dass an einer WM mindestens 16 Nationen aus vier Kontinenten teilnehmen müssen. In Sachsen waren "nur" 14 Frauen-Teams aus drei Erdteilen angereist.

Trotz aller Hindernisse sah Romenath seine Sumotori "an der Jahrtausend-Schwelle auf der sportlichen Überholspur". Immerhin verfügt die ESU bereits über 26 Mitglieder. Vor allem der Zuwachs aus Osteuropa war in letzter Zeit rasant. Und mit den Kämpfern aus dem Osten stieg auch die Qualität des selbst für Laien einfach zu durchschauenden Ring-Geschiebes erheblich. "Das Niveau hier war erstklassig. Das war echter Leistungssport", analysierte Romenath. Die nur mit einem etwa acht Meter langen Lendengürtel (Mawashi) beschürzten Sumo-Kämpfer rekrutieren sich fast ausnahmslos aus dem Lager von Ringern und Judoka. "Dort holt man sich die athletischen Grundlagen und Grifftechniken", erklärte Romenath, der im Hauptberuf Sportdirektor des Deutschen Judo-Bundes (DJB) ist. Attraktiv sei der Sport aber auch für bislang ungeübte Übergewichtige. "Die Dicken können es bei uns zu echten sportlichen Leistungen bringen."

Trotz Fast-Food-Generation und Zivilisations-Speck hält sich der Zulauf in Deutschland noch in engen Grenzen. Ganze 150 Kämpfer betreiben die bereits vor 1000 Jahren am japanischen Kaiserhof betriebene Disziplin regelmäßig. Immerhin sind mittlerweile im erst 1998 gegründeten Sumo-Verband Deutschlands (SVD) die ersten drei Landesverbände (Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin) etabliert. Mit Sachsen kommt demnächst ein vierter hinzu.

Im Jahr 2008 wollen die Japaner Sumo in das Programm der Olympischen Spiele (Osaka ist Ausrichter-Kandidat) hieven. Deshalb versucht der fernöstliche "Kult der Dickbäuche" derzeit den Spagat zwischen Tradition und weitweiter Öffnung. Die nächste WM ist für Dezember 2000 nach Sao Paulo vergeben. Romenath: "Dort muss sich der Rest der Welt einfach stärker gegen die Japaner wehren."



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