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23. Juli 2019, 09:58 Uhr

Skandal-Athlet

Warum Sun Yang die Schwimmwelt aufregt

Aus Gwangju berichtet

Trotz offenbar zerstörter Dopingprobe darf der Chinese Sun Yang seinen WM-Titel verteidigen. Der Schwimm-Weltverband scheint darin kein Problem zu sehen - doch die Athleten werden immer lauter.

Plötzlich tobte es in der Mensa im Athletendorf. Mack Horton war gerade durch die Tür gekommen - begrüßt von "mega Applaus", wie es Jacob Heidtmann beschreibt, Athletensprecher der deutschen Schwimmer. Horton hatte zuvor für das Bild dieser Schwimm-WM gesorgt, als er bei der Siegerehrung über 400 Meter Freistil aus Protest gegen den Sieger und jene, die ihm die Bühne bieten, hinter dem Podium Stellung bezog und ein gemeinsames Foto mit Weltmeister Sun Yang verweigerte.

"Eine starke Geste", nannte es Olympiasieger Gregorio Paltrinieri im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Nicht jeder hätte sich das getraut, wir brauchen jemanden wie Mack, der das tut", sagte der Italiener nach dem Vorlauf über 800 Meter Freistil, in dem sich Sun Yang mit der achtschnellsten Zeit ins Finale am Mittwoch gerettet hatte.

Wer ist dieser Schwimmer, an dem sich der Protest der Athleten manifestiert, dieser chinesische Superstar, dem Tag für Tag Dutzende junger Frauen in roten T-Shirts lautstark zujubeln?

Sun Yang tauchte international erstmals vor zehn Jahren auf, als er in Rom WM-Bronze über 1500 Meter Freistil gewann. Zwei Jahre später galt er bereits als größte Hoffnung der Gastgeber für die WM in Shanghai. Doch wenige Tage, nachdem Chinas Basketball-Star Jao Ming in seiner Heimatstadt Shanghai seinen Rücktritt bekannt gegeben hatte, reichte es auch für den damals 19-Jährigen nur zu Rang zwei. Warum nur Silber und nicht Gold, war anschließend die erste Frage eines heimischen Reporters.

Titel und Trimetazidin

Sun Yang gelobte Besserung, gewann Gold über 800 Meter, brach über 1500 Meter den bis dato ältesten Weltrekord. Der Rest ist chinesische Schwimm-Geschichte: olympisches Gold 2012 über 400 und 1500 und Silber über 200 Meter Freistil, WM-Gold 2013 über 400, 800 und 1500 Meter.

Schon damals sorgte der 1,98-Meter-Mann auch abseits des Beckens für Aufsehen, legte sich mit Trainer und Verband an, war ohne Führerschein in einen Unfall verwickelt, musste eine Woche in Haft. Sun Yang wurde daraufhin gesperrt, kehrte im Mai 2014 zurück - und wurde bei den chinesischen Meisterschaften positiv auf das verbotene Herzmittel Trimetazidin getestet. Die Öffentlichkeit erfuhr davon jedoch erst Ende November, da war die rückwirkend verhängte Sperre bereits abgesessen. Sun Yang kraulte anschließend bei den Asienspielen zu drei Titeln.

Bei der WM 2015 hielt der Chinese nach seinem Titelgewinn über 400 Meter eine flammende Rede für die hart trainierenden Chinesen, die zu Unrecht immer des Dopings verdächtigt würden. Seinen überraschenden Verzicht auf das 1500-Meter-Finale erklärte der Titelverteidiger später mit Herzproblemen. Zum Athleten der WM wurde er von der Fina dennoch erklärt, trotz zweier Weltrekorde des Briten Adam Peaty.

Schon 2016 wird Mack Horton laut

Das alles muss man wissen, wenn man die Geschichte von Mack Horton erzählt. Ebenso, dass der Australier schon bei den Spielen 2016 eine Diskussion über bereits des Dopings überführte Sportler auf den Startblöcken ausgelöst hat, als er Sun Yang einen Dopingbetrüger nannte. Es folgten Proteste von Sportlern, Trainern und Zuschauer, die der internationale Schwimmsport und sein skandalträchtiger Dachverband so noch nicht gesehen hatte - schon gar nicht auf der ganz großen Bühne. Horton gewann anschließend gegen Sun Yang. Nachdem der Chinese später Gold über 200 Meter gewonnen hatte, drückte ihn Fina-Generalsekretär Cornel Marculescu fest an seine Brust.

Und auch aktuell steht Sun Yang im Mittelpunkt einer erstaunlichen Affäre. Bei einer unangekündigten Doping-Kontrolle in China soll ein Sicherheitsmann des dreifachen Olympiasiegersiegers eine Blutprobe mit einem Hammer zertrümmert haben. Suns Anwälte argumentieren, es habe erhebliche Zweifel an den Papieren der Kontrolleure gegeben.

Der Weltverband hatte Sun im Januar freigesprochen, da man die ganze Wahrheit wohl "nie erfahren" werde. "Unglaublich und inakzeptabel" fand das die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, legte Einspruch beim Sportgerichtshof Cas ein, der nun aber erst im September verhandelt wird. Nach der WM. Weder Wada noch Fina hatten es dem Cas zufolge für nötig befunden, ein beschleunigtes Verfahren zu beantragen.

"Athleten müssen für sich selbst einstehen"

"Die ganze Geschichte ist jetzt ein Jahr her, und wir wissen immer noch nichts. Wir brauchen mehr Transparenz in diesen Dingen", sagte Olympiasieger Paltrinieri. Lilly King, die bei den Spielen 2016 den Sieg gegen die ebenfalls bereits überführte Julia Jefimowa als "Sieg für den sauberen Sport" feierte und die auch heute bei der WM im Finale über 100 Meter Brust auf die Russin treffen wird, glaubt nicht "dass irgendjemand von der Fina sich für die Athleten starkmachen wird. Also müssen die Athleten für sich selbst einstehen".

Vor diesem Hintergrund also hat sich Mack Horton zu seinem stillen Protest entschieden; dieser bringt ihn aktuell etliche Hassnachrichten in chinesischen Schriftzeichen auf Instagram ein. Still wohl auch deshalb, weil der Australische Schwimmverband seinen Schwimmern offenbar untersagt, sich bei internationalen Meisterschaften zu Themen abseits der eigenen sportlichen Leistung zu äußern. Keine unübliche Ansage übrigens in den Verbänden. Denn, auch das muss festgehalten werden: Viele nationale Verbände haben kein Interesse daran, sich mit der mächtigen Mutter Fina anzulegen.

Somit geht es bei dem Protest von Horton längst nicht mehr nur um den Fall Sun Yang. Es geht darum, für sich und die Werte eines ohnehin unter Dauer-Dopingverdacht stehenden Sports einzustehen. Es geht um Respekt von einem Verband, der Doping-Sünder lieber hofiert, als für sauberen Sport geradezustehen.

Horton und der Australische Verband wurden von der Fina inzwischen verwarnt. Während man "das Prinzip der Redefreiheit respektiert", müsse dies doch im richtigen Kontext ausgeübt werden. Fina-Events sollten nicht dazu genutzt werden, "persönliche Aussagen oder Gesten zu machen".

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