Olympiasieger Sun Yang vor dem Cas 200 Dopingtests, 200 Milliliter Blut, 200 Fragen

Die Hammer-Affäre um eine zerstörte Dopingprobe des chinesischen Schwimmstars Sun Yang bleibt kurios: Bei der Anhörung vor dem Sportgerichthof gab es absurde Szenen - und gute Argumente der Gegenseite.

Sun Yang (M.) muss sich vor dem Cas verantworten
JEAN-CHRISTOPHE BOTT/EPA-EFE/REX

Sun Yang (M.) muss sich vor dem Cas verantworten

Aus Montreux berichtet


"Entschuldigung, was passiert hier gerade? Wer ist das?"

Cas-Richter Franco Frattini war sichtlich irritiert, als ein Mann im hellblauen Hemd die Absperrkordel zwischen Anhörungsraum und Zuschauerplätzen ignorierte, um sich rechts neben Sun Yang zu setzten und mit ihm zu diskutieren. Chinas Schwimmstar hatte gerade seine Schlussanmerkung unterbrochen, um diesen Mann energisch herbeizuwinken. Weil er besorgt sei, dass die Inhalte seiner Rede nicht vollumfänglich transportiert würden. So zumindest übermittelte es die bereits links neben Sun sitzende Übersetzerin.

Es war ein bemerkenswertes Ende für einen nicht weniger bemerkenswerten Tag, der zehn Stunden zuvor bereits mit Sprachproblemen begonnen hatte.

Gleich zu Beginn der Anhörung vor dem Sportgerichtshof Cas sollte Sun seine Sicht auf die mittlerweile berüchtigte Hammer-Affäre um eine zerstörte Dopingprobe darlegen, für die er laut Welt-Antidopingagentur Wada bis zu acht Jahre gesperrt werden sollte. Einzig: Zu verstehen war kaum etwas.

Als Sun um kurz nach neun Uhr morgens den Zeugenstand betrat, wurde schnell klar: Viel schlauer wird hier niemand werden, war die Übersetzerin doch des Englischen kaum mächtiger, als Sun es wohl selbst gewesen wäre. Manchmal unterstütze der dreifache Olympiasieger, dessen Augen zu Beginn seiner Ausführungen zwar noch nervös zuckten, dessen Stimme im Laufe der Befragung jedoch immer fester und dessen Züge immer ruhiger wurden, seine Aussagen mit Gesten. Nur waren seine Aussagen für die Richter und die Anwälte kaum nachzuvollziehen. Denn anstelle von erklärenden Übersetzungen kamen während der fast zweistündigen Befragung meist nur sinnlose Fetzen über die Lautsprecher.

Eine absurde Situation, herbeigeführt von Sun selbst. Sein Team hatte die Übersetzer bereitgestellt. So sehen es die Cas-Regeln vor, der Angeschuldigte solle sich schließlich bestmöglich präsentieren können. "Ein Desaster", nannte es Wada-Anwalt Richard Young. Keine Chance auf ein vernünftiges Kreuzverhör. Es ging so weit, dass sich Suns Anwalt - offenbar von anderer Seite bei der Übersetzung unterstützt - einmischte, um darauf hinzuweisen, dass soeben "200 Dopingtests" mit "200 Milliliter Blut" übersetzt worden waren.

Sprachprobleme als Strategie?

War Sun der mehrfach wiederholten Frage, ob er nach 200 Dopingtests in seiner Karriere wirklich nicht wisse, welche Konsequenzen es haben würde, wenn das Kontrollteam die Proben nicht mitnehmen könne, also gar nicht mehrfach ausgewichen, hatte er sie schlicht nicht verstanden? Beantwortet hat er sie jedenfalls nicht. Kein größeres Problem für Young, der sich seiner Sache sicher scheint.

Young ist nicht irgendein Anwalt. Er hat beispielsweise die Antidopingagentur der USA gegen Lance Armstrong und dessen Kollegen Floyd Landis sowie die Sprinterin Marion Jones vertreten. Die Wada hatte sich herausgehalten, als Sun 2014 rückwirkend und zunächst unbemerkt drei Monate gesperrt worden war, und auch im Skandal um russisches Staatsdoping gab sie keine gute Figur ab. Die Welt-Antidopinginstanz hat also viel zu verlieren, hatte sie doch gerade erst Besserung angekündigt.

Der Fall Sun Yang ist erst der zweite öffentliche Prozess des Cas
JEAN-CHRISTOPHE BOTT/EPA-EFE/REX

Der Fall Sun Yang ist erst der zweite öffentliche Prozess des Cas

Tatsächlich bleibt nach zehn Stunden und neun Zeugenaussagen vor dem Schiedsgericht der Eindruck, dass Suns Seite diesen Kampf nicht gewinnen wird. Wann immer sich einer von Suns fünf Zeugen in die Enge gedrängt fühlte, zogen sie sich auf die immer gleichen Aussagen zurück: Das Kontrollteam habe sich nicht ausreichend ausweisen können. Keine Vollmacht, keine ordnungsgemäße Dopingkontrolle, kein Vergehen. Der Kern ihrer Verteidigung. Mittlerweile hatten sich die Parteien im Übrigen darauf geeinigt, dass eine Wada-Mitarbeiterin die Übersetzung übernimmt.

60 Tests - keine Beschwerde

Die Wada hatte Suns Argumenten zweierlei entgegenzusetzen: Zum einen war da Wada-Mitarbeiter Stuart Kemp, der als einer der Verfasser des weltweit gültigen Testregelwerks ISTI verdeutlichte, dass es sich bei den von Suns Seite als Beweis für fehlende Dokumentation zitierten Passagen um die sogenannten Wada-Richtlinien handele. Empfehlungen also, die nicht rechtsverbindlich seien. Für das ISTI reiche es demnach völlig aus, wenn das Team eine Vollmacht vorweisen könne, wie im aktuellen Fall geschehen.

Außerdem brachte die Wada Zahlen ins Spiel: 19.000 Tests habe der schwedische Dienstleister IDTM im Jahr 2018 mit der in Frage gestellten Vollmacht durchgeführt. Und nie habe ein Sportler Einwände gegen die Vollmacht gehabt. Sun selbst sei von IDTM bereits 60 Mal getestet worden, habe aber nie protestiert.

Der Unterschied diesmal offenbar: Der Assistent, der Sun bei der Abgabe der Urinprobe hätte begleiten sollen, habe sich als Fan geoutet und Fotos und Videos von Sun gemacht - und den 27-Jährigen damit erst misstrauisch gemacht. Natürlich sei das, falls so geschehen, hochgradig unprofessionell, sagte die Wada. Sie verwies aber auf das übliche Prozedere, im Zweifel die geforderten Proben abzugeben und gleichzeitig die eigenen Einwände schriftlich festzuhalten.

Dass weder der Assistent, noch die Kontrolleurin oder die Krankenschwester, deren Qualifikation ebenfalls infrage gestellt wurde, als Zeugen von der Wada präsentiert wurden, habe mit "Fragen der Einschüchterung und Sicherheit" zu tun, sagte Young, ohne weiter ins Detail zu gehen.

Sun will seinen Arzt verantwortlich machen

Zwischen den Zeilen ließ sich noch eine weitere Verteidigungsstrategie heraushören: Die Sun-Seite bietet den bereits zweifach wegen Dopingvergehen gesperrten Ba Zhen als Sündenbock an. Ursprünglich sagte Sun, er habe jene Probe an sich genommen, die später zertrümmert wurde. Nun soll es Dr. Ba gewesen sein. Ba, seit zehn Jahren Suns Arzt, hatte erstmals die Frage nach der fehlenden Vollmacht aufgebracht. Zu einem Zeitpunkt, als Sun längst ohne Einwände Blut abgegeben hatte. "Sportler können die Verantwortung nicht übertragen", sagte indes Young: "Das ist keine glaubhafte Verteidigung."

Nach der Anhörung präsentierte sich Sun Yang mit seiner Mutter Ming - sie war in der Tatnacht dabei gewesen
REUTERS/Denis Balibouse

Nach der Anhörung präsentierte sich Sun Yang mit seiner Mutter Ming - sie war in der Tatnacht dabei gewesen

Eine Entscheidung wird das Schiedsgericht frühestens im Januar verkünden. Es deutet jedoch wenig darauf hin, dass die Richter lediglich die Verwarnung der Fina bestätigen.

In seiner Schlussbemerkung wies Sun, der die gesamten zehn Stunden fast regungslos neben seinem Anwalt gesessen hatte, noch einmal darauf hin, dass er für die Rechte der Athleten kämpfe, dafür "die Integrität des Sports zu beschützen". Und er fragt: "Wenn die Kontrolleurin nicht autorisiertes Personal mitbringt, wie kann ich mich da schützen?"

Der Mann mit dem blauen Hemd war zu diesem Zeitpunkt vom vorsitzenden Richter Frattini bereits wieder in den Zuschauerraum geschickt worden. Er habe zwar zum Übersetzerteam von Sun gehört, das aber habe man nicht gewusst, teilte ein Cas-Sprecher mit. In anderen Worten: Der Mann, dem Sun Yang vertraute, war nicht ordnungsgemäß autorisiert.



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Bärwurz 1412 17.11.2019
1. Absurd ist geschmeichelt!
Absolut nicht nachvollziehbar. Eine Anhörung scheitert an vernünftigen Übersetzern, defekter Technik oder was weiß ich noch. Egal für welche Seite man Sympathien hegt, das ist unwürdig. Damit ist mein Glaube an Gerechtigkeit im Sport noch weiter in den Minusbereich gerutscht.
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