Super Bowl Club-Kollekte für die Titelstadt

Erstmals seit 13 Jahren haben es die Green Bay Packers wieder in den Super Bowl geschafft. Gegen die Pittsburgh Steelers soll nun an die ruhmreiche Football-Vergangenheit angeknüpft werden. Der Club ist eine Besonderheit im US-Profisport: Er gehört den Fans.

REUTERS

Aus Arlington berichtet


In der 1265 Lombardi Avenue in Green Bay steht vor dem Haupteingang zum legendären Lambeau-Field eine fast fünf Meter große Bronzestatue eines der größten Trainer der Football-Geschichte: Vincent Thomas "Vince" Lombardi. In seiner typischen Haltung verewigt - die Hände auf dem Rücken gefaltet, mit Hut, Brille und Mantel. So haben sie ihn in Green Bay in Erinnerung, und so hat er zwischen 1961 und 1968 für fünf Meisterschaften gesorgt. "Gewinnen ist das ein und alles", war seine Maxime.

Das gilt umso mehr, wenn Montagnacht (0.30 Uhr) die Green Bay Packers in Dallas nach zwölf Spielzeiten ohne Finalteilnahme im Super Bowl, dem großen Finale der National Football League (NFL), auf die Pittsburgh Steelers treffen. Wenn es darum geht, die Vince-Lombardi-Trophy dorthin zu bringen, wo sie hingehört: nach Green Bay.

Wenige Meter entfernt von Lombardis Bronzestatue steht dort die Skulptur von Earl "Curley" Lambeau. Auch er ist eine Legende in der 100.000-Einwohner-Stadt in Wisconsin und war 1919 die treibende Kraft für den Beginn einer bis heute einzigartigen Erfolgsgeschichte im US-Sport.

Zusammen mit George Whitney Calhoun gründete Lambeau in jenem Jahr am 11. August den Verein. Calhoun war Sportjournalist bei der örtlichen "Press-Gazette", schrieb über Football. Lambeau arbeitete im Versand der "Indian Packing Company", einer Firma, die Fleisch in Dosen verpackte. Weil der Arbeitgeber ihm für 250 Dollar Trikots zur Verfügung stellte und die Footballer kostenlos auf der firmeneigenen Wiese trainieren durften, wurde das Team von vielen bereits mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht. Der Name war somit schnell gefunden - Green Bay hatte seine "Packers".

Von 1929 bis 1931 gelingt Green Bay der Titel-Hattrick

Die Anfänge waren schwer, doch wer wie Lambeau und Calhoun in Green Bay aufgewachsen war und den bis zu sechs Monate langen Wintern trotzen musste, hat das Kämpfen gelernt. Nachdem der Verein 1921 erstmals pleiteging, überzeugte Lambeau lokale Investoren, brachte so 300 Dollar zusammen, hauchte den Packers neues Leben ein - und revolutionierte den Sport. Football war bis dato vor allem ein Laufspiel, bei dem der Ball in die gegnerische Endzone getragen wurde. Spielertrainer Lambeau hingegen sah Pässe als ebenso gute Variante an, um einen Touchdown zu erzielen. Der Erfolg stellte sich bald ein, von 1929 bis 1931 gelang Green Bay der Titel-Hattrick.

Es folgten neun weitere Meisterschaften. Dass die kleine Gemeinde noch heute mit den Teams aus den Millionenmetropolen mithält und der Verein nicht schon längst nach Los Angeles, San Antonio oder eine andere Großstadt umgezogen ist, liegt an einer Besonderheit: Die Green Bay Packers sind seit dem 18. August 1923 eine gemeinnützige und gemeindeeigene Aktiengesellschaft. Derzeit befinden sich 4.750.937 Millionen Anteile im Besitz von 112.158 Aktionären. Diese sind keine milliarden- oder millionenschweren Mäzene wie in fast allen anderen nordamerikanischen Proficlubs, sondern schlichtweg Fans. Sie verzichten auf Gewinnausschüttungen und haben dem Verein bereits viermal (1923, 1935, 1950 und 1997) das Überleben gesichert.

Um zu garantieren, dass die Packers ewig ein Verein des Volkes bleiben, darf kein Aktionär mehr als 200.000 Anteile besitzen. "Das Erste, worauf die Leute bei uns schauen, ist, dass es keinen Besitzer gibt. Viele Fans sehen sich als Eigentümer, als jemand, der persönlich ins Team investiert hat", sagt Quarterback Aaron Rodgers. Der 27-Jährige vergleicht das Leben in Green Bay mit einem College. Überall seien die grünen und gelben Vereinsfarben zu sehen. Rodgers spricht mit Stolz von einer "besonderen Verbindung zwischen Spielern und Fans".

"Ihr werdet nie wieder ein Finale verlieren"

Diese spezielle Beziehung geht auf die Anfänge zurück. Die erste Spielstätte war 1919 der Hagemeister Park, die Spielfläche eine Wiese, ohne Zaun und Tribünen. Eintritt gab es nicht, die Fans standen direkt am Platz oder verfolgten die Partien von den Dächern ihrer Autos. Wenn der Wind gerade im Winter stark aus Richtung Norden blies, bildeten die Zuschauer in der Halbzeitpause einen schützenden Ring um die Mannschaft und George Whitney Calhoun reichte einen Hut in die Runde, bat um eine kleine Club-Kollekte.

Die erfolgreichste Zeit erlebten die Packers in den Sechzigern. Lombardi wurde am 2. Februar 1959 Chefcoach und leitete eine Ära ein, wie es sie seitdem nicht mehr im Football gegeben hat. Als er am 26. Dezember 1960 gegen die Philadelphia Eagles in seinem ersten Endspiel als Trainer seine einzige Finalniederlage hinnehmen musste, (13:17) versprach er seinen Team: "Dies wird nicht noch einmal passieren. Ihr werdet nie wieder ein Finale verlieren."

Lombardi behielt recht. Green Bay wurde zum Dauersieger, gewann bis 1968 fünf Meisterschaften, darunter die Super Bowls 1967 und 1968. Das Magazin "Time" widmete den Packers in seiner Dezember-Ausgabe 1962 die Titelstory, bezeichnete den Verein als "das Gesicht der NFL". Green Bay selbst nannte sich zu dieser Zeit längst "Title-Town". Von 1960 an war jedes Heimspiel ausverkauft.

Als Lombardi 1970 starb, benannte die NFL ihre Super-Bowl-Trophäe sieben Tage später, am 10. September, nach ihm. Anschließend mussten sie in Green Bay 22 Jahre warten, bis der Verein wieder jemanden hatte, der die Clubgeschichte nachhaltig prägte: Brett Favre. Der Quarterback kam 1992 in den hohen Norden und blieb 16 Spielzeiten. Er führte Green Bay 1997 zum dritten Super-Bowl-Sieg, absolvierte 252 Spiele in Serie, war dreimal MVP und der personifizierte Packer. Favre traut seinem ehemaligen Team gegen Pittsburgh den Titel zu: "Green Bay hat alles, um Meister zu werden."



insgesamt 31 Beiträge
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muffpotter 06.02.2011
1. Danke!
Schöner Artikel über einen einzigartigen Club! Mein Tip heute: Pittsburgh Steelers @ Green Bay Packers 17:28
zwaps 06.02.2011
2. mein tipp
Steelers gewinne knapp +7
DorianH 06.02.2011
3. ....
ich schau mir football immer gern an, habe aber keine tieferen kenntnisse die teams betreffend. daher hoffe ich einfach nur auf ein ähnlich unterhaltsames und spannendes spiel wie im letzten jahr. aber wer gewinnt? keine ahnung :-)
UnsPaule 06.02.2011
4. Rodgers for president
Go Pack Go!!!
Robert Rostock, 06.02.2011
5. Stilton? Wensleydale? Oder lieber doch Appenzeller?
Zitat von muffpotterSchöner Artikel über einen einzigartigen Club! Mein Tip heute: Pittsburgh Steelers @ Green Bay Packers 17:28
Jau. Nach x Artikeln und Threads über eher Nebensächlichkeiten wie Werbespots oder Einschaltquoten endlich mal ein Artikel über das Wesentliche beim Superbowl. Ich hoffe ja auch, dass die Lomardi-Trophy nach Hause kommt. Wird mal wieder Zeit.
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