Vor dem Super Bowl American Football laufen die Fans davon

Keine Liga verdient mehr Geld als die NFL. Doch zuletzt schalteten immer mehr Fans ab. Es liegt an Trump, sagt die Liga. Es liegt an mangelndem Patriotismus, sagt die politische Rechte. Oder ist der Videobeweis schuld?

New England Patriots (in Blau) gegen die Pittsburgh Steelers
DPA

New England Patriots (in Blau) gegen die Pittsburgh Steelers


Wie der 51. Super Bowl in der Nacht auf Montag (0.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE) ausgeht, wissen wir noch nicht. Sicher scheint aber schon zu sein, dass die Crew, die über das Spiel im deutschen Fernsehen auf Sat 1 berichten wird, ein sensationelles Spiel sehen wird. Kommentator Frank Buschmann und Experte Patrick Esume überschlagen sich gern und geizen nicht mit Superlativen. Die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung für das, worüber sie berichten, sind nicht immer klar unterscheidbar.

Vielen Zuschauern in Deutschland scheint das nichts auszumachen: Die Übertragungen der NFL haben ihr festes Publikum gefunden, bei den jüngsten Playoff-Spielen schalteten bis zu eine Million Menschen ein. Das ist sehr beachtlich für eine vermeintliche Randsportart und fast doppelt so viel, wie sich für Top-Spiele der Deutschen Eishockey-Liga interessieren.

In den USA sieht die Entwicklung deutlich schlechter aus: Die Zuschauerzahlen vor den Fernsehgeräten sind in der laufenden Saison um acht Prozent zurückgegangen, wie ESPN berichtet. Vor drei Jahren haben im Schnitt 1,7 Millionen Menschen mehr pro Spiel zugesehen, wenn die wertvollste Liga der Welt spielte.

Plan der NFL: Bis 2027 mehr als doppelt so viel Umsatz

Der Zuschauerschwund trifft die Liga in einer Phase der geplanten Expansion. Mehr als neun Milliarden Euro setzt die NFL pro Jahr um, mehr als die Hälfte davon durch Fernsehverträge. Commissioner Roger Goodell, der Ligaboss, hat 2010 das Ziel ausgegeben, diese Bilanz bis zum Jahr 2027 auf 23 Millarden auszubauen. Rückschläge waren für die NFL eigentlich nicht vorgesehen.

Umso erbitterter wird die Debatte darüber geführt, was die Gründe für das nachlassende Interesse der Fans sind. Die Präsidentschaftswahlen hätten viele Fans abgelenkt, glaubt die NFL selbst - ein bequemes Argument, wenn es denn stimmte, läge das Problem dann doch nicht bei der Liga selbst. Tatsächlich stiegen die Einschaltquoten nach der Wahl Donald Trumps wieder an. Das ist zum Ende der Saison allerdings nicht ungewöhnlich.

Rechte und Anhänger Präsident Trumps machten den Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, für den Zuschauerschwund verantwortlich. Kaepernick hatte im Sommer damit begonnen, gegen Polizeigewalt zu demonstrieren, indem er beim Abspielen der amerikanischen Nationalhymne kniete, statt zu stehen. Mehrere Profis verschiedener Teams schlossen sich an. Diese "antiamerikanischen" Proteste seien "sicher" der Grund dafür, dass immer weniger weiße Männer Football sehen wollten, schrieb die rechte Nachrichtenseite Breitbart News.

Zu viel Football im Fernsehen?

Aus europäischer Sicht interessanter ist eine andere Theorie. Mark Cuban, Milliardär und Besitzer des Basketball-Teams der Dallas Mavericks, prognostizierte bereits 2014, die NFL werde innerhalb von zehn Jahren "implodieren", weil sie durch immer mehr Übertragungstermine ihr Produkt verwässere. Cubans Vorhersage war mit Vorsicht zu genießen - schließlich ist er der Besitzer eines NBA-Teams und hat ein ganz konkretes Interesse daran, dass die NFL nicht so viele Abende im Fernsehen blockiert.

Dennoch deckte sich seine Argumentation mit dem Gefühl vieler Amerikaner: Profi-Football wurde traditionell am Sonntagmittag und -nachmittag gespielt. Erst 1970 wurde ein landesweit im Fernsehen übertragenes Montagsspiel eingeführt, seit 1987 gibt es auch am Sonntagabend Football zu sehen. Der Samstag gehört traditionell dem College-Football, der Freitag den Highschools. Diese Tage werden von der NFL gemeinhin nicht angetastet. Doch schon der Versuch, am Donnerstagabend regelmäßig ein weiteres Spiel zu übertragen und dem Profi-Football somit einen dritten Tag der Woche zu erschließen, gilt vielen als unerträgliche Inflation.

Wo im europäischen Fußball Verbände, Ligen und Vereine versuchen, immer mehr Spiele auszutragen und so eine fast ganzjährige Saison geschaffen haben, macht die NFL sich seit jeher rar. Die reguläre Saison dauert nur von September bis Anfang Januar, gefolgt von einem Monat Playoffs. Mehr als die Hälfte des Jahres pausiert der Spielbetrieb der Liga. Dass ein NFL-Team nur acht Heimspiele im Jahr austrägt, ändert nichts daran, dass 27 von 32 Mannschaften der Liga von der Fachzeitschrift "Forbes" zu den 50 wertvollsten Sportteams der Welt gezählt werden.

Streit um den Videobeweis

Aber nicht nur, was die TV-Präsenz angeht, unterscheidet sich die amerikanische Perspektive von der europäischen. Denn wo im Fußball gerade der Videobeweis getestet wird, da überlegt man in den USA, ob die Rolle des Videoschiedsrichters nicht überdreht worden ist. Grundsätzlich funktioniert das System: Trainer können strittige Entscheidungen in der Regel überprüfen lassen, riskieren dafür aber einen von drei Timeouts pro Halbzeit, falls ihr Protest grundlos war. Entscheidungen werden nur geändert, wenn sie sich im Videostudium der Referees als eindeutig falsch herausstellen. In Zweifelsfällen bleibt die Tatsachenentscheidung.

So weit, so schlüssig. Allerdings haben die Unterbrechungen durch den Videobeweis dazu beigetragen, dass ein durchschnittliches NFL-Spiel inzwischen schon drei Stunden und acht Minuten dauert - mehr als das Dreifache der Nettospielzeit. Schuld sind natürlich nicht nur Videopausen, sondern vor allem die vielen Werbeunterbrechungen. Sie bilden die eigentliche Basis des Reichtums der Liga. Der ist auch durch das veränderte Nutzungsverhalten der Zuschauer in Gefahr. Ohnehin sehen gerade jüngere Menschen mehr Videostreams auf Abruf, anstatt die klassischen Fernsehprogramme zu nutzen.

Dazu kommt aber, dass die Liga selbst ihren Anhängern seit einiger Zeit das Programm "NFL Red Zone" bietet - eine Art Konferenz, in der die Schlüsselszenen aller Begegnungen live übertragen werden. Der Fan kann damit sonntags sieben Stunden am Stück Football sehen - ohne Werbepausen, mit fast pausenloser Action. Ursprünglich für Nerds und Hardcorefans gedacht, erfreut sich das Angebot immer größerer Beliebtheit.

Die auch daraus resultierenden sinkenden Einschaltquoten kosten die NFL zwar nicht unmittelbar Geld. Die Verträge mit den Fernsehsendern laufen noch bis 2022, zunächst leiden die Sender, wenn sie nicht mehr so viel Geld für Werbung nehmen können. Die Fachzeitschrift "Advertising Age" berichtete, die Sender hätten ihren Werbekunden schon Gratis-Spots gegeben, um sie für die schwächeren Quoten zu entschädigen.

Diese Probleme haben Sat 1 und Pro Sieben Maxx einstweilen nicht. So gesehen ist es folgerichtig, dass dort durchgängig im Superlativ kommentiert wird.

rae

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insgesamt 73 Beiträge
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noalk 05.02.2017
1. Gier
von 9 auf 23 G$ in 10 Jahren ... das entspricht einem Wachstum von 10% p.a. Vielleicht würgt sich die NFL damit selber ab.
innpörspecktiff 05.02.2017
2. Inflation der Spieltage
Es sind wahrscheinlich mehrere Gründe, die den Zuschauerschwund verursachen. Die Steigerung der Anzahl Spieltage und die "Entzerrung" der Termine gehört meiner Meinung nach dazu. Ich bin von der Spieltageplanung der DFL nur noch genervt. Vier Spieltage pro Woche und dann noch unattraktive Anstoßzeiten nerven. Insbesondere in der zweiten Liga treibt es denn DFL auf die Spitze. Freitagabend 18:30 und in englischen Wochen teilweise Dienstag oder Mittwoch 17:30 ist einfach eine Frechheit. Der dahinterstehende Gedanke, damit Übertragungszeiten zu maximieren lässt den Spaß verschwinden.
reiner160367 05.02.2017
3. Schlecht recherchiert!
Der Zuschauerschwund liegt nicht nur an Colin Kapernick, es liegt an den politisierten Halbzeitshows, dem Feministischen Werbespots, 2017 von Budweiser und Audi, rund um den Super Bowl der einfach eine große Gruppe von Fans nervt und die sich dann abwenden! Dazu kommen noch all die Änderungen wo weitere Fans sich abwenden lässt. Doch jetzt aber nur dem Spielregeln und anstosszeiten zu zu wenden aber politisch andersdenke beschimpfen und in schmuddelecken zu stellen lässt nur weitere Fans sich abwenden!
dondon71 05.02.2017
4. preise
Genau wie beim Fussball in Europa - die Preise ziehen an und/oder die Einkommen stagnieren oder sinke, Desweiteren ist Football auch einfach nur voll langweilig. Bei Rugby sind die wirklich harten Kerle mit power. Keine Anabolikaverseuchten Zombies denen nach einem 50 meter lauf die Puste ausgeht...
Navygo 05.02.2017
5.
Ein Punkt der hier gar nicht beleuchtet wird, ist der gerade wieder anstehende Umzug mehrerer NFL-Teams in andere Städte. Dadurch werden Millionen von Fans verärgert. Im Fall der Chargers zum Beispiel sind die Fans aus San Diego sauer und viele in LA wollen das Team gar nicht haben. Man stelle sich mal vor Schalke 04 würde nach Dortmund umziehen, na da wär was los ^^
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