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Abraham vs. Taylor: Krachende Rechte, gerissene Hose

Foto: Matthias Kern/ Bongarts/Getty Images

Super-Six-Turnier im Boxen K.-o.-Sieg macht Abraham zum Tabellenführer

"Big Point" kurz vor Schluss: Dank einer platzierten Rechten hat sich Arthur Abraham an die Spitze der weltbesten Supermittelgewichtsboxer gesetzt. Doch der neu eingeführte Turniermodus der Super-Six-Serie birgt Risiken - und ist komplett auf die Märkte in Europa und den USA fixiert.
Von Martin Krauß

Arthur Abraham ist Tabellenführer. Den Begriff kannte man im Boxen bislang nicht, aber durch seinen K.-o.-Sieg am Samstagabend in Berlin über den Amerikaner Jermain Taylor setzte sich der Deutsch-Armenier Abraham an die Spitze der derzeit sechs weltbesten Supermittelgewichtsboxer. Die kämpfen nämlich ein Turnier namens "Super Six World Boxing Classic" aus, an dessen Ende im Jahr 2011 das stehen soll, wonach die Fans schon lange Ausschau halten: ein Weltmeister, der wirklich der beste Boxer seiner Gewichtsklasse in der ganzen Welt ist.

Abrahams K.-o.-Sieg vor 14.000 Fans in der ausverkauften Berliner Arena war der Auftakt des Super-Six-Turniers. In der zwölften Runde, gerade mal sechs Sekunden vor Ende des Kampfes, ging der 31-jährige Taylor, immerhin ein früherer Weltmeister aller wichtigen vier Verbände, durch eine gut platzierte Rechte Abrahams zu Boden. Und blieb erst mal benommen liegen. Wie später bekannt wurde, hatte Taylor, der zudem hart auf dem Ringboden aufgeschlagen war, eine schwere Gehirnerschütterung erlitten und muss noch einige Tage zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben.

Weil es kein normaler Boxkampf war, sondern einer innerhalb eines Turniers, war Abrahams K.-o.-Sieg ein "Big Point" - wieder so ein Begriff, den man aus dem Boxen bislang nicht kannte. Aber beim Super-Six-Turnier bringt ein K.-o.-Sieg drei Punkte, ein einfacher Sieg zwei, und ein Unentschieden nur einen Punkt.

Drei amerikanische und drei europäische Kämpfer

Abrahams Sieg über Taylor war der Auftakt des großen Turniers, das Schluss machen soll mit dem Verbände- und Buchstabenwirrwarr im Profiboxen, zumindest in der Gewichtsklasse des Supermittelgewichts. Arthur Abraham wird ebenso wie der Däne Mikkel Kessler von dem deutschen Boxpromoter Wilfried Sauerland betreut. Jermain Taylor ist bei dem Promoter Lou die Bella unter Vertrag, der Amerikaner Andre Ward bei Dan Goossen, der Amerikaner Andre Dirrell bei Gary Shaw und der Engländer Carl Froch hat seine boxerische Karriere in die Hände des Promoters Mick Hennessy gelegt - drei amerikanische und drei europäische Kämpfer.

Jeder Boxer bestreitet in der Vorrunde drei Kämpfe, dann kommt es zum Halbfinale, und im Jahr 2011 soll endlich der Sieger feststehen. Er wird den WM-Titel der einflussreichen Verbände WBA und WBC tragen. Sowohl die sechs Sportler als auch ihre fünf Promoter waren mit dem Vorschlag einverstanden, der ihnen von Kalle Sauerland, dem Sohn von Wilfried Sauerland, und - vor allem - vom US-Fernsehsender Showtime unterbreitet wurde.

Die Boxer gehen mit ihrer Teilnahme ein hohes Risiko ein: Sie könnten auch als sechstbester Mann ihrer Gewichtsklasse titellos in der Versenkung verschwinden. Arthur Abraham beispielsweise gab seinen WM-Titel im Mittelgewicht an den Verband IBF zurück und reihte sich ein in die Sechsergruppe der Weltbesten in der nächsthöheren Gewichtsklasse - mit dem Ziel, den deutschen Markt zu verlassen und endlich auch in den USA berühmt zu werden. Das bedeutet: Schluss mit der Praxis handverlesener Gegner, die nur verpflichtet werden, um den Titel des Boxers nicht zu gefährden und den Kampfrekord mit notierten "null Niederlagen" makellos halten. "Jeder Kampf wird schwer sein, macht euch da nichts vor", sagte Coach Ulli Wegener.

Den Wert der Ware Profiboxen wieder hochtreiben

Der nächste Auftritt von Arthur Abraham wird am 23. Januar sein, auf jeden Fall in den USA, auf jeden Fall gegen Andre Direll. Der verlor in der Nacht zum Sonntag in Nottingham in einer "Split Decision" (2:1-Entscheidung der Punktrichter) gegen den Engländer Carl Froch - was diesem zwei Punkte und den zweiten Platz der Super-Six einbrachte.

Mit dem Turniermodus versuchen der US-Sender Showtime und der deutsche Sauerland-Boxstall, den Wert der Ware Profiboxen wieder hochzutreiben. Denn statt an den Interessen der Verbände, die meist in der Hand einzelner Promoter sind, die wiederum oft Exklusivverträge mit Fernsehsendern haben, steht nunmehr die erwartete Nachfrage im Mittelpunkt. "Wir haben die Kämpfer ausgesucht, die in den wichtigsten Märkten USA und Europa das größte Interesse hervorrufen", sagte Kalle Sauerland. Das erklärt, warum die aktuellen Weltmeister der IBF und WBO, der Rumäne Lucian Bute und der Deutsche Robert Stiegler (Magdeburg), nicht zum "Super Six" geladen wurden. Die Europa-USA-Fixierung des Turniers hat aber auch zur Folge, dass starke Supermittelgewichtler, die nicht aus Europa oder den USA kommen, wie etwa der Mexikaner Librado Andrade oder der Kameruner Sakio Bika, gar nicht dabei sind.

Arthur Abraham störte es nicht. Der gebürtige Armenier deckt mit seiner Teilnahme den osteuropäischen Teil des Super-Six-Turniers ab, und er hat am Samstag eingehalten, was er versprochen hatte - dass "der schlauere Boxer gewinnt". Dass ihm ein K.-o.-Sieg über den früheren Weltmeister Jermain Taylor einen Vorsprung im Turnier verschaffen könnte, war Abraham während des Kampfes klar. "In den letzten zweieinhalb Minuten habe ich mich locker gefühlt und die Lücke gesucht", erzählte Abraham im Anschluss. "Und bums, habe ich zugehauen." So kam er zum Drei-Punkte-Sieg im Profiboxen und ist nun Tabellenführer.

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