Surf-Weltcup auf Sylt Abschied einer Legende

Der größte Windsurf-Wettkampf der Welt findet auf Sylt statt - dieses Mal nur fast ohne Wind. Die zahlreichen Stars mussten am Strand bleiben, einige paddelten auf ihren Brettern. Und dann wurde noch der Größte dieses Sports verabschiedet.

HOCH ZWEI

Die Surfer am Brandenburger Strand halten Paddel in ihren Händen, keine Segel. Iballa Moreno, Ricardo Campello, Robby Swift und Moritz Mauch gehören zur absoluten Weltspitze des Sports, doch weil die Windsurfer beim Worldcup auf Sylt seit fast einer Woche auf Wind warten müssen, haben sie umgesattelt: Statt spektakuläre Sprünge und Wellenritte zu zeigen, paddeln sie nun auf einem Surfbrett stehend um die Wette. So können die Zuschauer ihre Stars doch noch in Aktion erleben.

Kein Worldcup ist so gut organisiert wie der auf der Nordsee-Insel. Nirgendwo kommen mehr Zuschauer - dieses Jahr waren es 220.000. Nirgendwo gibt es großzügigere Sponsoren, nirgendwo fließen mehr Preisgelder. Nur auf Sylt werden Wettkämpfe in allen drei Disziplinen ausgetragen: in der Welle, im Freestyle und im Slalom. Das macht den Cup zum einzigen Super Grand Slam der Weltmeisterschaft. Einen Sieg will sich daher keiner entgehen lassen, 132 Surfer aus 29 Nationen waren dieses Jahr angereist.

Nur die Natur spielte dieses Jahr mal wieder nicht mit, das Warten auf Wind war fast immer vergebens. Der Spot am Brandenburger Strand gilt bei den Profis ohnehin als schwierig: "Der Wind kann von überall kommen, die Welle ist kurz und stark, man hat nicht viel Zeit", sagt Deutschlands Surfstar Philip Köster. In seiner Disziplin "Welle" kamen wegen der Flaute nicht einmal Ergebnisse zustande.

Zur Person
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    Philip Köster wurde mit 17 Jahren zum ersten Mal Windsurf-Weltmeister. Es war in der Disziplin Welle der erste WM-Titel für einen Deutschen, Köster wurde damit zum zweitjüngsten Weltmeister in der Geschichte des Windsurfens (nach Robby Naish). Im Jahr darauf konnte Köster seinen Titel verteidigen. Bereits mit zwölf Jahren hatte er am World Cup in Pozo (Gran Canaria) teilgenommen, den er mit 15 das erste Mal gewinnen konnte. Köster wurde 1994 auf Gran Canaria geboren und lebt dort bis heute, seine Eltern kommen aus Hamburg.
Für die Veranstalter des weltweit größten Windsurf-Events ist das eine Katastrophe. Sie wollten den Fans die Wellenritte und perfekt gelandeten Doppelloops von Köster zeigen, der mit gerade mal 20 Jahren schon zwei Weltmeistertitel in der Welle gewonnen hat. Auch das Trickser-Duell im Freestyle zwischen dem mehrfachen Weltmeister José "Gollito" Estredo aus Venezuela und dem Titelverteidiger Kiri Thode aus Bonaire versprach Spannung. Und natürlich wollten die Zuschauer sehen, ob Surf-Legende Björn Dunkerbeck dem französischen Serienweltmeister Antoine Albeau bei den Slalomrennen noch einmal gefährlich werden würde.

Stattdessen konnten Köster und die anderen Wellen-Experten nur kurz aufs Wasser, nach nicht mal einer Runde war Schluss mit dem Wind. Beim Slalomrennen konnte immerhin ein Sieger gekürt werden: Die wechselhaften Bedingungen spülten den bis dato kaum bekannten Israeli Arnon Dagan auf Platz eins.

Im Freestyle wirbelte der einzige Sylter Tag mit Wettkampfbedingungen sogar das Worldcup-Klassement durcheinander: "Gollito" Estredo gewann den Wettkampf und entriss Kiri Thode den sicher geglaubten Weltmeistertitel. Der Haken für die Zuschauer: Weil nur weit draußen der Wind stark genug blies, wurde der Kampf um die Freestyle-Weltmeisterschaft in 700 Metern Entfernung vom Ufer ausgetragen. Die Surfer waren nur als entfernte Punkte am Horizont zu erkennen, von ihren hochkomplexen Tricks ganz zu schweigen.

Immerhin gab es Gesprächsstoff für die Fans. Denn Dunkerbeck nutzte die größte Bühne seines Sports, um zu Beginn der Wettkampfwoche seinen Rücktritt anzukündigen. "Viele Leute haben gesagt, ich hätte schon als 30-Jähriger aufhören sollen. Jetzt mache ich das eben ein paar Jahre später mit einigen WM-Titeln mehr in der Tasche", sagte der 45-Jährige.

Zur Person
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    Björn Dunkerbeck ist mit 41 Weltmeistertiteln einer der erfolgreichsten Profisportler überhaupt. Er wurde zwölfmal Gesamt-Weltmeister im Windsurfen, hinzu kommen 29 Titel in Spezialdisziplinen. Dunkerbeck wurde 1969 als Sohn einer dänischen Mutter und eines niederländischen Vaters geboren und wuchs auf Gran Canaria (Spanien) auf. Während seiner 28-jährigen Karriere bestritt er Wettkämpfe für Spanien und die Schweiz. Seine größten Erfolge feierte Dunkerbeck in den Achtziger- und Neunzigerjahren. In den Jahren vor seinem Rücktritt beschränkte er sich auf die Disziplinen Slalom und Speed. Der vierfache Familienvater spricht sieben Sprachen fließend, darunter Deutsch.
Zwölfmal wurde Dunkerbeck Gesamtweltmeister im Windsurfen - ein Titel, der mittlerweile längst nicht mehr vergeben wird. "Heute konzentriert man sich auf eine Disziplin", sagt Jungstar Köster: "Auch, weil die Surfer andere körperliche Voraussetzungen haben."

Während beim Freestyle vor allem leichte und wendige Surfer antreten, sind beim Slalom kräftige Typen gefragt, die auch bei starkem Wind große Segel halten können. Kein Wunder, dass sich der 1,91 Meter große und mehr als 100 Kilogramm schwere Dunkerbeck in den vergangenen Jahren ausschließlich auf Slalomrennen und Speed-Rekorde spezialisiert hat.

Zuvor hatte Dunkerbeck allein in der Welle sieben Mal den Weltmeistertitel gewonnen. Heute zeigen Köster und die anderen in dieser Disziplin Sprünge, von denen Windsurf-Legenden wie Dunkerbeck oder sein alter Kontrahent Robby Naish früher nur träumen konnten.

Auch dank besserem Material ist Windsurfen über die Jahre immer spektakulärer geworden. Das Bittere für die Surf-Profis: Es ist eine Entwicklung, die weitgehend abseits des öffentlichen Interesses stattfindet. Während der Sport seine Legenden Dunkerbeck und Naish in den Neunzigerjahren zu Multimillionären machte, bringt er heute nur noch wenigen Top-Surfern wie Köster ein gutes Einkommen. Ein paar weitere können immerhin für den Moment von dem Sport leben, die Wettkämpfer auf den hinteren Plätzen zahlen für ihre Leidenschaft sogar drauf.

Das liegt auch daran, dass immer weniger Sponsoren Geld bezahlen wollen, wenn sie nicht sicher sein können, ob ein Wettkampf überhaupt stattfindet und spektakuläre Bilder produziert - oder ob er wegen Flaute abgesagt werden muss. Zumal das Windsurfen seit den glorreichen Achtzigerjahren durch viele andere Fun-Sportarten Konkurrenz bekommen hat.

Dunkerbeck selbst will dem Sponsorensterben im Windsurfen entgegenwirken. Schon in den vergangenen Jahren trat er immer seltener als Wettkämpfer in Erscheinung, sondern vielmehr als Sponsor und Botschafter seines Sports. In dieser Funktion wird er auch im kommenden Jahr wieder nach Sylt kommen. Und so verabschiedete er sich von seinen Fans auf Sylt mit einer Bitte: "Kommt nächstes Jahr alle wieder - und bringt mal ein bisschen Wind mit!"



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Kaffee Wien 06.10.2014
1. Haha, der Wind fehlt...
... für die Selbstinszenierung dieser Halligallischickimickis. Ich lach mich schlapp!
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