Surftalent Wunderkind im Wind

Mit 14 Jahren gegen die Großen: Windsurfer Jon-Hendrik Frey ist noch ein Teenager, aber misst sich in den Wellen schon mit der erwachsenen Konkurrenz. Gleichaltrige Gegner sucht er in Deutschland vergebens - er ist zu gut. Jetzt will er an die Weltspitze.

Von Philip Metzner


Wenn Jon-Hendrik Frey mittags von der Schule nach Hause kommt, interessiert ihn zuerst, ob der Wind stark genug ist. Während sich seine Klassenkameraden auf das Internet, die "Bravo" oder den Bolzplatz freuen, denkt der 14-Jährige nur ans Windsurfen. Und das schon fast sein ganzes Leben lang.

Jon-Hendrik zählt zu den größten deutschen Talenten im Windsurfen und hat ehrgeizige Pläne. Die Anlagen und Voraussetzungen, Nachfolger von Surflegende Björn Dunckerbeck zu werden, besitzt er schon. Sein größter Traum ist eine Laufbahn im Profibereich - dafür trainiert er so oft wie möglich, seit ihn der Vater, früher selbst ein guter Surfer, mit fünf Jahren aufs Brett gestellt hat. Auf einem Baggersee in der Nähe seines Heimatortes Neuenkirchen in Niedersachsen kam es zum ersten Kontakt mit Wind und Wasser. Seither kann er nicht mehr ohne.

Wenn es windig genug ist, werden Bretter, Segel und Neopren-Anzug ins Auto gepackt, und die dreiköpfige Familie macht sich gemeinsam nach Otterndorf auf. Das wenige Kilometer entfernte Nordseebad ist sein Lieblingsspot, wie es in der Surfersprache heißt. Die Nähe zur Nordsee und zur Elbe ist ein Glücksfall für ihn, hat aber auch großen Einfluss auf den Tagesablauf der Freys, der von Wind und Wetter diktiert wird. Die Fahrten ans Meer sind immer auch Familienausflüge, doch bleibt für gemeinsame Vater-Mutter-Sohn-Idylle dabei keine Zeit. Denn im Mittelpunkt steht der Sport.

Der erste und einzige Surflehrer von Jon-Hendrik ist sein an Parkinson erkrankter Vater. Er ist gleichzeitig Förderer und die treibende Kraft hinter seinem Sohn. So entstand vor zwei Jahren gemeinsam die Idee, an Wettkämpfen teilzunehmen. Das erste Mal gegen andere Surfer angetreten ist er 2006 auf Fehmarn. Schon im folgenden Jahr startete der damals 13-Jährige bei der DWC-Serie, dem Deutschen Windsurf Cup, wo er sich bald als erfolgreicher Surfer etablierte - und das, obwohl die Konkurrenz deutlich älter war. 2007 war er bester Jugendlicher (U17) beim DWC und Deutscher Meister der Junioren (U17) beim Volvo-Surf-Cup Sylt.

Entscheidend ist die Unterstützung seiner Eltern, die ihn zu allen Wettkämpfen begleiten. Auch seine Mutter ist früher gern gesurft, und so haben sich der Enthusiasmus und das Talent der Eltern in ihrem Sohn fortgesetzt. Ob er denn manchmal keine Lust habe? "Nein." Die Antwort ist kurz und entschieden.

Und so gibt es nur eine Sache, die ihm gehörig die Laune verderben kann: eine Flaute. Zum Glück kommt es dazu an der Nordsee nicht allzu oft. Es ist durchaus üblich, dass er in einer windigen Woche jeden Tag fünf Stunden auf dem Wasser verbringt. Da bleibt nicht viel Zeit für weitere Hobbys. "Außer Surfen gehe ich in meiner Freizeit höchstens noch ab und zu schwimmen", sagt Jon-Hendrik Frey. Das liegt nahe.

In seinem Freundeskreis muss er sich jedoch gegen seinen Willen einem noch größeren Thema widmen: Fußball. Gleichaltrige Freunde mit der gleichen Leidenschaft für das Surfen hat er nicht. In der Juniorenwertung des DWC ist er der alleinige Führende. Nur international gibt es vergleichbare Talente, wie sein vierter Platz bei den U15-Jugendweltmeisterschaften am Gardasee in Torbole beweist. Der auf Gran Canaria lebende Deutsche Philip Köster ist eines davon.

Ein ganz besonderes Highlight für Jon-Hendrik ist der World Cup auf Sylt. Im vergangenen Jahr ging er dort zum erstem Mal an den Start und musste in seinem Lauf gleich gegen Dunkerbeck antreten, der dieses Jahr im Slalom 42 gewann. Mit den Größen der Szene gemeinsam zu surfen macht sogar den sonst so coolen Norddeutschen ein bisschen nervös. Beeindruckend erscheint zudem die Kulisse: 2008 wurde ein Zuschauerrekord erreicht, als während der zehn Veranstaltungstage laut Ausrichter knapp 200.000 Zuschauer gezählt wurden.

Bei solchen Events kann er Surfprofis aus aller Welt erleben und sich mit ihnen austauschen. Dann sieht Jon-Hendrik seine internationale Karriere vor sich, auch wenn er weiß, dass der Weg bis dahin noch weit ist. Die Reisen um die ganze Welt und die Ausrüstung sind teuer, selbst wenn man Sponsoren hat. "Das deckt bisher bei weitem nicht alle Kosten", sagt er.

Bernd Flessner, Fahrersprecher des DWC und selbst einer der erfolgreichsten deutschen Windsurfprofis, sieht die Einsätze junger Fahrer bei solchen Veranstaltungen jedoch kritisch. Die Gefahr liege, so Flessner, in der körperlichen Unterlegenheit. "Ein so junger Fahrer hat definitiv noch keine Chancen mit den Etablierten mitzuhalten", sagt Flessner.

Natürlich höre es sich gut an, wenn ein 14-Jähriger mit den großen Namen der Windsurfszene mitfahre, meint Flessner: "Zum Problem wird es, wenn Talente über mehrere Jahre nur hinterher fahren und dadurch die Lust am Sport verlieren." Zwar habe auch er schon mit 13 Jahren den Traum vom Profiwindsurfer gehabt. "Doch rückblickend bin ich sehr dankbar, erst als 17-Jähriger an großen Regatten teilgenommen zu haben", so der 13-malige deutsche Meister.

Sich regelmäßig mit Gleichaltrigen zu messen vermisst auch Jon-Hendrik, der Flessner als großes Vorbild betrachtet. An seiner persönlichen Zukunft hat er trotz der großen Konkurrenz keinen Zweifel. Spätestens mit 20 Jahren will er dauerhaft bei der PWA-Serie mitfahren. "Davon gehe ich aus. Das ist mein Ziel."



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