Fotostrecke

Fotostrecke: Capoeira für Flüchtlingskinder

Foto: Bidna Capoeira

Capoeira in Syrien Tanzen mitten im Krieg

Lachen, tanzen, Musik hören, das geht auch im Krieg: Im syrischen Rakka unterrichtet Pulo do Gato die brasilianische Tanzkunst Capoeira. Den Kindern im Kriegsgebiet will er so ein wenig Hoffnung und Spaß wiedergeben.

Um ihn herum tobt der Krieg, doch das Leben von Pulo do Gato dreht sich um Capoeira, eine brasilianische Tanzsportart. "Capoeira bringt einen auf andere Gedanken", erzählt der 27-jährige Syrer. "Hier weiß man nie, wann man stirbt, oder wo man als Nächstes etwas zu essen herbekommt."

Fast jeden Tag gibt der junge Sportler Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren Capoeira-Unterricht. Dabei stellen sich die Kinder in einem Kreis auf. Gemeinsam wird Musik gemacht. Dazu fordern sich im Kreis jeweils zwei Capoeira-Tänzer spielerisch mit akrobatischen Bewegungen heraus. "Meistens warten schon über 60 Kinder auf mich, wenn ich zum Unterricht komme", erzählt Pulo do Gato.

Der Lehrer arbeitet für "Bidna Capoeira", Arabisch für "Wir wollen Capoeira". Die Nichtregierungsorganisation wurde 2007 von dem Deutsch-Syrer Tarek Alsaleh gegründet. Von Anfang an wollte der Verein etwas Freude ins Leben von Kriegskindern bringen. So organisierte Alsaleh regelmäßige Capoeira-Kurse für palästinensische Flüchtlingskinder und Irak-Flüchtlinge. Über dieses Projekt machte Bidna Capoeira eine Video-Dokumentation .

Pro Unterrichtseinheit können 20 bis 30 Kinder teilnehmen, sonst wird es zu viel. Insgesamt hat Pulo do Gato um die 300 Kinder in Rakka unterrichtet. Für die Kinder ist der Sport eine willkommene Ablenkung vom Elend und der Gewalt des Krieges. Sonst gibt es nicht mehr viel. Im Schulunterricht waren viele seit über einem Jahr nicht mehr. Die Schulen von Rakka sind zu Flüchtlingslagern umfunktioniert. Pulo do Gatos Capoeira-Unterricht findet in den Gängen zwischen den Klassenzimmern statt.

Pulo do Gato ist der einzige Capoeira-Trainer in Rakka, einer Stadt im Norden Syriens, die von verschiedenen islamistischen Rebellengruppen kontrolliert wird. Die Sicherheitslage ist prekär. Immer wieder schlagen Raketen ein. Auch kommt es unter den Rebellengruppen zu Konflikten. "Die Dinge verändern sich immer sehr schnell. Manchmal ist alles still und auf einmal ist wieder Krieg", sagt Pulo do Gato. "Ich will einfach nur leben, ohne dass mir etwas zustößt."

"Capoeira passt super zu arabischer Dabke-Musik"

Wie viele kam auch Pulo do Gato auf der Suche nach Sicherheit nach Rakka. Lange war es dort verhältnismäßig ruhig geblieben, während im Rest des Landes bereits Krieg herrschte. Die Uno schätzt die Zahl der Binnenflüchtlinge in Syrien auf über vier Millionen - bei einer Bevölkerung von einst rund 23 Millionen. Eigentlich wuchs Pulo do Gato in Damaskus auf.

Pulo do Gato, auf Portugiesisch "der Sprung der Katze", ist sein Capoeira-Spitzname. "Als ich das erste Mal Capoeira gemacht habe, habe ich so viele Rückwärtssaltos gemacht, dass mich der Trainer so genannt hat." Bevor er zum Capoeira kam, hatte er lange Bodenturnen, Tanz und Kickboxen gemacht. Auf YouTube stieß er auf Capoeira-Videos. "Ich mag die Musik fast noch lieber als die Bewegungen", sagt Pulo do Gato. "Capoeira passt auch super zu arabischer Dabke-Musik ."

Den Anstoß für seine Capoeira-Karriere gab Tarek Alsaleh. Der inzwischen 37-jährige Deutsche war 2007 aus Köln nach Damaskus gezogen und hatte seinen Wahlsport mitgebracht. Eigentlich wollte er nur ein paar Monate Auszeit nehmen vom Arbeitsleben in Deutschland. Schließlich wurden sieben Jahre daraus.

"Ich hatte mich damals gefragt, gehe ich nach Brasilien oder Syrien?", erinnert sich Alsaleh. Er entschied sich für Syrien und fand schnell seine Nische. Der Kölner machte sich als Makler selbständig und vermittelte unter anderem Ferienwohnungen an die immer zahlreicher ins Land strömenden Europäer. Nebenbei gründete er den Tanz-Verein. Bidna Capoeira bildete sechs Syrerinnen und sechs Syrer zu Trainern aus, darunter auch Pulo do Gato.

"Capoeira in Syrien hat uns oft riesige Kopfschmerzen bereitet", erinnert sich Alsaleh an die mühselige Bürokratie. Am Ende entschied er sich dazu, die Organisation lieber in London statt in Damaskus registrieren zu lassen. "Das ist jetzt unser Glück. Denn so können wir weiterarbeiten", sagt er. Von London aus unterstützt Alsaleh mit Spenden den Bidna-Capoeira-Ableger in Rakka. Die Hilfe kommt über die Türkei und den Libanon bei Pulo do Gato an.

Inzwischen ist Bidna Capoeira auch in Palästina aktiv. Das Uno-Palästinenserhilfswerk UNRWA war auf den Verein in Syrien aufmerksam geworden und lud Alsaleh ein. Als Nächstes will Alsaleh auch im Libanon und Jordanien Kurse für die syrischen Flüchtlingskinder dort anbieten und wirbt dafür um Spenden. Knapp zwei Millionen Syrer sind inzwischen in den Nachbarländern bei der Uno als Flüchtlinge registriert. Wie viele geflohen sind, sich jedoch nicht registriert haben lassen, ist unbekannt.

"Es ist gut, dass es in Rakka Capoeira gibt", sagt Pulo do Gato. "Es gibt den Kindern etwas, auf das sie sich stützen können." Die meisten von ihnen haben Verwandte und Angehörige verloren, ihr Zuhause, ihre Heimat, alles, was ihnen vertraut war. "Capoeira gibt ihnen das Gefühl, irgendwo dazuzugehören."