T-Mobile 2008 Rennstall für Sünder

T-Mobile sieht sich selbst als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf. Umso erstaunlicher sind zwei Neuverpflichtungen, von denen SPIEGEL ONLINE erfuhr: Erik Zabel und George Hincapie kommen ins Team - ein Doping-Geständiger und ein Doping-Verdächtiger.

Heute präsentiert das T-Mobile sein Team für die Radsaison 2008. Doch schon im Vorfeld sind erstaunliche Verpflichtungen des Bonner Rennstalls durchgesickert. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE werden nicht nur der Brite Bradley Wiggins (Cofidis) und das deutsche Talent Marcel Sieberg (Milram) die Mannschaft im kommenden Jahr verstärken. Mit Erik Zabel und George Hincapie schlüpfen auch zwei Radsportler ins Magenta-Trikot, die der Kategorie "alte Bekannte" zuzuordnen sind - was in Zeiten nahezu täglicher Dopingmeldungen schon lange kein Gütesiegel mehr ist.

Zabel, Aldag, Stapleton im Mai dieses Jahres: 2008 vereint bei T-Mobile

Zabel, Aldag, Stapleton im Mai dieses Jahres: 2008 vereint bei T-Mobile

Foto: Getty Images

Beide Verpflichtungen sind sportlich uninteressant, sowohl der Sprinter Zabel mit seinen 37 Jahren als auch der US-Amerikaner Hincapie, immerhin auch schon 34, werden T-Mobile keine großen Erfolge mehr bescheren. Der rein strategische Charakter der Personalentscheidung macht sie noch unverständlicher.

Der US-Amerikaner Hincapie ist in Deutschland vor allem als treuer Adjutant des siebenmaligen Toursiegers Lance Armstrong bekannt, der zumindest 1999 nachweislich gedopt war, aus juristischen Gründen jedoch nicht verurteilt werden konnte. Verdächtig ist jedoch nicht nur seine Freundschaft zum Rekordsieger: Als der in Europa heftig umstrittene Armstrong zurücktrat, konnte bei Hincapie ein deutlicher Leistungsverfall beobachtet werden. Nur 32. wurde er als Kapitän des Discovery-Teams bei der Tour 2006.

Die selbst ernannten Saubermänner von T-Mobile, die mit jungen, unbekannten – und damit unverdächtigen – Fahrern den steinigen Weg zu einem sauberen Sport beschreiten wollten, haben mit diesen Verpflichtungen eine Kehrtwende vollzogen: Sie sprinten mit voller Kraft zurück.

Zabel ist in erster Linie als Mentor für das Talent Gerald Ciolek ausersehen. In dieser Position darf er üben für seine zweite Karriere, wenn er vom Radsattel auf den Fahrersitz eines T-Mobile-Begleitfahrzeugs umsteigt. Für den Posten als Sportlicher Leiter im Bonner Rennstall ist Zabel schon länger auserkoren, doch ebenso wie sein Freund und ehemaliger Zimmergenosse Rolf Aldag, ist er dort fehlbesetzt. Für ein T-Mobile-Team mit seinem Sauberkeits-Anspruch sind zwei ehemalige Dopingsünder nicht tragbar.

Auch bei den Fahrern ist diese Erkenntnis inzwischen angekommen. Bereits während der Tour de France im Juli konnte beobachtet werden, wie sich einzelne junge Sportler vom ehemaligen Sprintidol distanzierten. Am Start zur 16. Etappe sorgte Zabel für Verwunderung unter seinen potenziellen Nachfolgern, als er den Fahrerprotest für eine stärkere Dopingbekämpfung zumindest teilweise auflöste, indem er, statt zu verharren, in die Pedale stieg und das Rennen vor den protestierenden Teams in Angriff nahm. T-Mobile-Nachwuchshoffnung Marcus Burghardt bemerkte damals süffisant: "Diejenigen, die früher losgefahren sind, sind halt losgefahren. Die anderen sind stehengeblieben." Die Nachricht kam an.

Die Summe der Ereignisse hat Zabels Ruf im Feld geschadet. Aus Unverständnis über die Nominierung des Oldies für die Rad-WM in Stuttgart reichte Dieter Kühnle, bis dahin Vize-Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, seinen Rücktritt ein. Und selbst Teamkollegen brechen in diesen Tagen ihr Schweigen: "Ich bin enttäuscht, dass Erik nicht den Jungen den Vortritt lässt", sagt Sebastian Lang, für Deutschland bei der WM im Zeitfahren am Start. Und er spricht aus, was viele in diesen Tagen umtreibt. Zabel hatte stets beteuert, nur eine Woche mit Epo gedopt zu haben. Lang sagt: "Ich glaube ihm nicht."

Zabels Beichte im Mai, in der er lediglich die Vorwürfe des ehemaligen Masseurs Jef d'Hont bestätigte, weitere Verfehlungen aber bestritt, wirken angesichts der umfassenden Geständnisse der früheren Team-Telekom-Kollegen wenig glaubwürdig. "Mehr Konsequenz" hätte sich der Gerolsteiner-Profi Lang gewünscht. Was das für ihn heißt, fügt er an: "Udo Bölts hat damals sofort seinen Ausstieg aus dem Radsport erklärt, das hat mich beeindruckt."

Zabel wird dem Radsport jedoch noch eine Weile erhalten bleiben, ebenso Hincapie. Auch der US-Amerikaner wurde nicht nur zum Fahrradfahren verpflichtet. Sein Vertrag sieht eine Option für den Posten eines Sportlichen Leiters des Rennstalls vor. Die Idee Stapletons hinter dieser Strategie ist klar: Der US-Milliardär holt sich einen Landsmann ins Team, der den nach dem Ausstieg des Discovery-Rennstalls verwaisten amerikanischen Markt bedienen soll. Der 49-Jährige war Mitbegründer und Vorsitzender von US-T-Mobile, eine Verlagerung der Bonner Equipe in Richtung Übersee wirkt naheliegend. Auch weil sich dort der Radsport eines besseren Images erfreut. Dank des Teams Discovery-Channel mit seinem Kapitän Armstrong. Oder trotz?

Es könnte schwierig werden für Bob Stapleton und Rolf Aldag, die Neuen zu vermitteln. Der Teammanager und sein Sportdirektor werden viel zu erklären haben. Dass Hincapie niemals positiv getestet wurde, ist in diesen Zeiten kein geeignetes Argument für die bevorstehenden Diskussionen.

T-Mobile wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, im Herbst 2007 die hehren Ziele des Herbstes 2006 verraten zu haben.

Mehr lesen über Verwandte Artikel