T-Mobile-Bekenntnis Die Zukunft ist magenta

T-Mobile bleibt im Sattel. Einen Tag vor Start der Deutschland-Tour gibt der Telekom-Konzern dem Radsport eine neue Chance - und stellt dabei harte, aber wichtige Bedingungen.

Aus Saarbrücken berichtet


In Saarbrücken ist die Welt in Ordnung. In der Fußgängerpassage gleich hinter dem Bahnhof buhlen blaue und magenta-farbene Werbestände um Aufmerksamkeit. Ein überdimensionierter Radfahrerhelm in den T-Mobile- Farben strahlt selbst beim regenverhangenen Wetter am Startort der diesjährigen Deutschlandtour. Eine lebensgroße Milram-Kuh lockt Schaulustige. Hellblau-weiße Sprudelwasserflaschen von Gerolsteiner sind überall.

Teamchef Stapleton: "Was würde man erreichen?"
REUTERS

Teamchef Stapleton: "Was würde man erreichen?"

Und die Saarländer kommen. Sie plaudern, gucken, decken sich mit Werbematerial ein. Sie sind ein dankbares Publikum, sie freuen sich auf den morgigen Start der Rundfahrt. Weder bei ihnen noch beim Personal der Stände scheint die Glaubwürdigkeitskrise Spuren hinterlassen zu haben, die den deutschen Radsport – und seine Sponsoren – in diesem Jahr so erschüttert hat.

Die Werbe- und Sport-Idylle blieb auch heute ungestört. Alle Hütten konnten stehen bleiben, denn das Mobilfunk-Unternehmen T-Mobile, gemeinsam mit dem Mutterkonzern Telekom der wichtigste Geldgeber im deutschen Radsport, hatte auf einer mit Spannung erwarteten Pressekonferenz weitere Förderzusagen gegeben. "Die deutsche Telekom verlängert ihre Sponsoringaktivitäten über das Jahr 2007 hinaus und erfüllt den bis 2010 laufenden Vertrag.", übermittelte Unternehmenssprecher Christian Frommert. Der Sponsor äußerte Vertrauen in den eingeschlagenen Weg des Teams. "Der Anti-Doping-Kampf braucht engagierte Sportler, kritische Medien, klare Regeln und Geld." Daher habe man von einem Rückzug abgesehen.

Allerdings ist die Förderung bis 2010 an drei Bedingungen geknüpft: Sportler und Managment werden aufgefordert, Teile ihres Gehalts in einen Antidopingtopf zu geben, der vom Sponsor auf eine Million Euro aufgefüllt wird. Wieviel Geld jeder gibt, bleibt jedem selbst überlassen. Eine Mindestsumme, etwa zehn Prozent des Gehalts, wurde nicht festgelegt. "Dann könnte sich jeder ganz einfach das Gehalt unserer Sportler ausrechnen. Doch Vertragsdetails geben wir nicht bekannt", erläuterte Frommert.

Weiterhin will das Team gemeinsam mit Fachleuten neue Testmethoden entwickeln. Und für einen weiteren Dopingfall in der Mannschaft behält sich der Sponsor das Recht vor, umgehend aus dem Vertrag auszusteigen. Teammanager Bob Stapleton erklärte auf Nachfrage, dass dies nicht das automatische Ende bedeute. "Aber der Sponsor hat eine geschäftliche Entscheidung getroffen, die ich völlig verstehe. Bei einem neuen Dopingfall will er handlungsfähig sein", so der US-Milliardär.

Frommert will in den kommenden Wochen Sponsoren kontaktieren und diese dazu auffordern, "ebenfalls ihr Engagement weiterzuführen", so der Telekom-Sprecher. Auch der Sponsor des zweitgrößten deutschen Radrennstalls, Gerolsteiner, überlegt derzeit, ob er sein Sponsoring im Radsport fortsetzt. Ein Verbleib unter ähnlichen Bedingungen wäre ein gutes Zeichen: Denn die Maßnahmen sind ein weiterer Weg in die richtige Richtung. Sie erschweren Sportbetrug, gänzlich verhindern können sie ihn nicht. Sie erhöhen die Drohkulisse gegen Sportler, die mit aufgedeckten Manipulationen auch den Arbeitsplatz ihrer Kollegen vernichten. Den Verantwortlich ist jedoch auch klar: Die noch immer weit verbreitete Dopingmentalität kann damit nicht ausgetrieben werden.

Die zur Pressekonferenz geladenen Teammitglieder waren froh und erleichtert. "Ich habe mir überlegt, welche Folgen ein Ausstieg von Telekom auf den Sport insgesamt und besonders auf den Radsport haben könnte. Doch ich bin zu keinem Ergebnis gekommen", gestand Hoffnungsträger Linus Gerdemann. "Jetzt bin ich froh, dass mir diese Gedanken erspart bleiben."

Sein Chef Bob Stapleton kündigte an: "Wir werden unseren Weg konsequent weiter gehen." Er sieht sich in seiner Haltung mittlerweile auch über Deutschland hinaus bestätigt. "Nach den Dopingfällen bei der Tour de France hat jeder begriffen, dass sich der Radsport ändern muss. Auch Teamchefs, die sich noch vor Monaten der Zahlung der 30.000 Euro für den Antidoping-Fonds der UCI verweigerten, haben nun ihre Meinung geändert."

Mit Stolz blickte er auf sein junges, motiviertes Team. Er bilanzierte 25 Siege der Männermannschaft, mehr als in den letzten zwei Jahren zusammengenommen. Allerdings fällt in diese Erfolgsrechnung auch der Sieg von Patrik Sinkewitz am Henninger Turm. Gut einen Monat nach diesem Triumph war der 26-Jährige im Trainingslager beim "instinktiven Doping" mit Testosteron erwischt worden. "Das war eine herbe Enttäuschung", blickte Stapleton zurück. Doch die positiven Kontrollen zeigten, dass das Kontrollsystem effektiv sei. "Mit nur 200 bis 300 Proben bei rund 150 Fahrern wurden diese Ergebnisse erzielt. Was würde man erreichen, wenn man zwölf Monate lang in dieser Intensität testen würde?", fragte er.

Keine größeren Differenzen

Die Entscheidung des Sponsors war so erwartet worden. Bereits die Besetzung des Podiums hatte auf eine Fortführung hingedeutet. Neben den Teammitgliedern Bob Stapleton, Rolf Aldag und Linus Gerdemann sowie dem Sprecher Stefan Wagner hatte von seiten des Unternehmens lediglich Kommunikationsdirektor Christian Frommert Platz genommen. Die Entscheidungsträger im Konzern waren am Vormittag mit der Bilanzpressekonferenz beschäftigt gewesen.

Die Entscheidung über Wohl oder Wehe des Profiradsports hatten sie nach Aussage Frommerts bereits am Dienstagabend getroffen. "Alle Vorstandsmitglieder des Konzerns waren in die Diskussion einbezogen. Es wurde ergebnisoffen diskutiert", sagte Frommert. Größere Differenzen hätten aber nicht überwunden werden müssen. Entscheidender Mann in der Führungsetage für das Radsportsponsoring ist Telekom-Vorstand Hamid Akhavan. Der Technologie-Experte, seit 2001 im Konzern, ist für die Mobilfunksparte verantwortlich.



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Seite 1
Umberto, 09.08.2007
1.
Zitat von sysopTrotz des Falls Sinkewitz, trotz der Tour de Farce: T-Mobile hat sich dagegen entschieden, sein Engagement im Radsport abzubrechen. Bis Ende 2010 soll der Rennstall des Handyunternehmens weiterfahren. Ist dies die richtige Entscheidung? Hat T-Mobile den Zeitpunkt für einen Ausstieg verpasst? Oder muss man sich gerade jetzt zum Radsport bekennen?
Warum sollten sie auch, dass Geschäft brummt doch mit Doping-Affären prächtig: In Deutschland gewann T-Mobile 1,28 Millionen neue Kunden, ein Drittel davon Vertragskunden. (http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,498985,00.html)
who 09.08.2007
2. zweierlei Laufen
Zitat von sysopTrotz des Falls Sinkewitz, trotz der Tour de Farce: T-Mobile hat sich dagegen entschieden, sein Engagement im Radsport abzubrechen. Bis Ende 2010 soll der Rennstall des Handyunternehmens weiterfahren. Ist dies die richtige Entscheidung? Hat T-Mobile den Zeitpunkt für einen Ausstieg verpasst? Oder muss man sich gerade jetzt zum Radsport bekennen?
Das ist die Frage, Weglaufen wäre der Ausweg und Weiterlaufen ist die Gefahr. Wer zwingt Telekom in diese unsinnige Situation - das Personal? Es steht der >K>opf von Christian Frommert auf dem Spiel...
Marathomas, 09.08.2007
3. Verpasst
Zitat von sysopTrotz des Falls Sinkewitz, trotz der Tour de Farce: T-Mobile hat sich dagegen entschieden, sein Engagement im Radsport abzubrechen. Bis Ende 2010 soll der Rennstall des Handyunternehmens weiterfahren. Ist dies die richtige Entscheidung? Hat T-Mobile den Zeitpunkt für einen Ausstieg verpasst? Oder muss man sich gerade jetzt zum Radsport bekennen?
Meines Erachtens hat T-Mobile den richtigen Absprung verpasst. Doping ist schon seit vielen Jahren ein heiß diskutiertes Thema (Mercks, Indurain, Armstrong etc), d.h. es geht um gewachsene Strukturen, verkörpert durch Personen udn Organisationen. Der Weg weg vom Dopingsport kann nur durch einen Neuanfang geschehen; dieser aber benötigt auch neue, unbelastete Leute und auch neue Organisationsstrukturen. So geht es aber nach außen hin sichtbar OHNE Bruch, also nahtlos weiter.
l.augenstein 09.08.2007
4.
Zitat von sysopTrotz des Falls Sinkewitz, trotz der Tour de Farce: T-Mobile hat sich dagegen entschieden, sein Engagement im Radsport abzubrechen. Bis Ende 2010 soll der Rennstall des Handyunternehmens weiterfahren. Ist dies die richtige Entscheidung? Hat T-Mobile den Zeitpunkt für einen Ausstieg verpasst? Oder muss man sich gerade jetzt zum Radsport bekennen?
Aus werbe- und marketingtechnischen Gründen ist diese Entscheidung wohl richtig. Die breite Masse pfeift auf Doping, die will ihre Spektakel sehen. Und Radsportschauen ist sogar noch kostenlos.
who 09.08.2007
5. auf des Messers
Zitat von l.augensteinAus werbe- und marketingtechnischen Gründen ist diese Entscheidung wohl richtig. Die breite Masse pfeift auf Doping, die will ihre Spektakel sehen. Und Radsportschauen ist sogar noch kostenlos.
Aber- ein neuer Fall im Team und der Urknall ist angekündigt . Abhängigkeit hat ihren Preis...
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