Meisterschaft im Equality-Tanzsport "Rettet den Führungswechsel!"

Für Menschen, die lieber mit Partnern des eigenen Geschlechts tanzen, gibt es eine Alternative zum klassischen Paartanz: den Equality-Tanz. Bei der Deutschen Meisterschaft wurde kontrovers über Führungsfragen diskutiert.
Paar beim Equality-Tanz

Paar beim Equality-Tanz

Foto: Philipp Awounou

Bernd Müller und Gerhard Hummel schauen sich tief in die Augen. Die Blicke der Männer trennen sich nicht, als sie aufeinander zugehen, mit jedem Schritt steigt zwischen ihnen die Spannung. Als sie einander nah genug sind, greift Hummel nach Müllers Hand, der umgekehrt Hummels Schulter umschließt.

Und dann tanzen sie. Rumba, Salsa, Jive, Walzer, Quickstepp - Standard und Latein. Am Ende sind Müller und Hummel zweifache deutsche Meister im Equality-Tanz, im gleichgeschlechtlichen Paartanz.

Die Münchner gehören zu den 76 Tänzerinnen und Tänzern aus insgesamt sechs Nationen, die am Wochenende in Köln an der 14. Offenen Deutschen Meisterschaft im Equality-Tanzsport teilgenommen haben. "Vor vielen Jahren haben wir beide gemischtgeschlechtlich getanzt, aber wir haben gemerkt, dass wir lieber mit einem Mann tanzen wollen", sagt Müller. "Deshalb tanzen wir mittlerweile seit vielen Jahren im Equality-Bereich und finden das in jeder Hinsicht richtig."

"Man kann sich selbst verkörpern"

Diese Einstellung füllt das Tanzpaar auf dem Parkett mit Leben. Strahlend lässt es die Hüften kreisen und wirbelt durch die Halle. Man merkt: Müller und Hummel geben nichts vor. Sie fühlen die Verbindung, das Knistern und den Hauch Erotik, der dem Paartanz von Natur aus innewohnt. Müller und Hummel sind, wie die meisten teilnehmenden Paare, homosexuell.

Dass sich die Community heutzutage in professionell organisierten Wettkämpfen miteinander messen kann, verdankt sie Pionieren wie Claudia Neidig. In ihrer Jugend hatte die 58-jährige Berlinerin auf gemischtgeschlechtlichen Turnieren getanzt, sich dabei als lesbische Frau jedoch nie wirklich entfalten können. "Es ist einfach etwas anderes, ob man ein Rollenspiel spielt oder sich selbst verkörpern kann", sagt sie.

Die große Frage: Wer führt?

Die große Frage: Wer führt?

Foto: Philipp Awounou

Da es gleichgeschlechtlichen Paaren nicht gestattet war, an Tanzkursen teilzunehmen, gründeten Neidig und ihre Lebensgefährtin Anfang der Achtzigerjahre eine eigene Tanzschule, an der das Paar 18 Jahre lang unterrichtete. Andere Städte und Länder folgten diesem Vorbild und so entstand über die Jahre ein organisierter Turniersport auf internationalem Amateurniveau.

Frei von Kontroversen war und ist diese Entwicklung nicht. Von manch Außenstehendem wird Equality-Tanz bis heute belächelt oder verspottet. Das wohl größte Konfliktpotenzial bot in der jüngeren Vergangenheit eine interne Debatte: die Diskussion um den Führungswechsel.

Die Rollen können selbst während einer Kür getauscht werden

Im Equality-Tanz sind beide Partner gleichgestellt, die Einteilung in geschlechtlich festgelegte Rollen entfällt. Zwar entsprechen die Schritte und Figuren der einzelnen Stile jeweils denen im klassischen Tanzsport, doch gleichgeschlechtliche Paare können ihre Rollen tauschen, auch während einer Kür.

"Der Führungswechsel ist im Equality-Tanzsport elementar. Leider sehen wir in den letzten Jahren vor allem in den höheren Klassen immer weniger davon", sagt Hans-Jürgen Dietrich, der Vizepräsident des Deutschen Verbandes für Equality-Tanzsport (DVET). Dies sei eine Folge des kontinuierlich steigenden Tanzniveaus, schließlich sei es leichter, eine Rolle zu perfektionieren als zwei. Als Reaktion darauf wurde inzwischen eine eigene Kampagne ins Leben gerufen: "Rettet den Führungswechsel!"

"Wir treffen uns nicht nur zum Tanzen"

Für die deutschen Meisterschaften verzichtete man letztlich darauf, das Variieren der Rollen zum verpflichtenden Element zu erklären. Spätestens mit dem Start des Events rückte die Debatte ohnehin in den Hintergrund. Die Bühne gehörte ganz den Tänzerinnen und Tänzern mit ihren schnellen Schritten und bunten Kostümen. Ihr Wettstreit war geprägt von sportlichem Ehrgeiz, aber nicht nur.

"Wir treffen uns nicht nur zum Tanzen. Das ist anders als im Hetero-Bereich, wo es mehr um den reinen Wettkampf geht", sagt Neidig, die in der Seniorenklasse antrat. "Bei uns gibt es keine Preisgelder, hier geht es auch darum, die Gemeinschaft zu zelebrieren."

Diese harmonische Atmosphäre und die Möglichkeit, sich temporär freizumachen vom klassischen Rollenverständnis, führen zunehmend auch heterosexuelle Tänzerinnen und Tänzer in den Equality-Bereich. In der schwul-lesbischen Mehrheit der Szene sind sie willkommen, wie DVET-Vize Dietrich betont: "Wir sind eine offene Community und verfolgen kein politisches Ziel. Uns geht es einfach um die Freude am Tanzen."

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