Team Gerolsteiner Letzte Chance Tour de France

Ein neuer Sponsor muss her, sonst steht der Rennstall von Hans-Michael Holczer vor dem Aus. Der Teamchef hofft jetzt auf Erfolge in Frankreich - und darauf, dass Skandale ausbleiben. Sein bester Fahrer gibt den Medien die Schuld an der Situation und lobt schon einmal die Konkurrenz.

Aus Brest berichtet Jörg Schallenberg


Eigentlich ist es peinlich, wenn mitten in der Pressekonferenz das Mobiltelefon klingelt. Vor allem, wenn man derjenige ist, der die Konferenz gibt. Aber manchmal scheint die vor sich hin düdelnde Melodie aus der Hosentasche auch ein Wink des Himmels zu sein.

Als sich am Freitagnachmittag in einem Vorort von Brest das Handy von Hans-Michael Holczer zur Unzeit meldete, da griff der Teammanager des Gerolsteiner-Rennstalls routiniert zum Kleingerät, um es auszuschalten. Doch plötzlich ertönten laute Rufe von seinen Fahrern: "Geh ran, Hans, geh ran! Das ist der neue Sponsor!" Holczer brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was man von ihm wollte - dann blickte er konsterniert in die Runde: "Jetzt hab ich ihn weggedrückt." Schallendes Gelächter.

Eine dumme Situation hat immer auch ihre komischen Seiten. Dumm für Holczer und sein Radprofi-Team ist, dass der bisherige Sponsor Gerolsteiner am Ende des Jahres sein Engagement beendet und immer noch kein Nachfolger gefunden ist. Als das Telefon ertönte, hatte Holczer gerade all seine Hoffnung darauf gelegt, dass der Magnet Tour de France zögerliche Geldgeber doch endlich überzeugen möge. Sonst wäre nach T-Mobile die nächste deutsche Rad-Equipe der Oberklasse Geschichte.

Dabei hatte alles so gut ausgesehen. Als der Mineralwasser-Hersteller aus der Eifel im vergangenen Herbst seinen Rückzug ankündigte, da, sagt Holczer heute, "hatte ich sofort drei Anrufe auf dem Handy, alle von Unternehmen, die drei-, vier-, fünfmal so groß sind wie Gerolsteiner". Er ist damals sogar ans Telefon gegangen, aber eingestiegen ist bislang trotzdem niemand. Mehr als zwei Dutzend Kontakte gab es, mit "gut einer Handvoll Unternehmen", so Holczer, wurde ernsthaft verhandelt. Doch am Ende scheiterte es, offiziell, stets am Geld. Gerolsteiner soll etwa zehn Millionen Euro pro Jahr gezahlt haben.

Dass ausgerechnet Holczers Rennstall bislang partout keinen Geldgeber findet, verwundert. Die Mannschaft hat ein klares Profil mit jungen deutschen Fahrern, ist gut geführt, nicht eben erfolglos - und vor allem, abgesehen von einigen Querelen um Stefan Schumacher, kaum vom Thema Doping beschädigt worden. Holczer selbst gilt trotz mancher Anfeindungen immer noch als eine der glaubwürdigsten Figuren in einem Metier, in dem man viel zu vielen schon längst nicht mehr vertrauen kann. Durch ihre Vergangenheit schwer belastete Teams wie T-Mobile-Nachfolger High Road, CSC und Quick Step haben in den vergangenen Wochen neue Sponsoren gefunden oder ihre Verträge verlängert.

Für Holczer ist die Zurückhaltung in Deutschland vor allem ein Standortproblem: "Wir sind ja bis in die Vorstandsetagen gekommen. Nur bevor die entscheiden, wird schnell noch eine Umfrage zum Standing des Radsports eingebaut. Aber wenn man sich danach richtet, dann wird das nichts. Man muss Courage haben, um jetzt einzusteigen." Sein Teamkapitän Markus Fothen weiß genauer, wer die Stimmung vergiftet hat: "Die Berichterstattung der Medien in Deutschland ist mit schuld. Man sollte aufklären, wenn etwas im Argen liegt, aber keine Hysterie betreiben."

In Dänemark allerdings wird ebenso kritisch berichtet, trotzdem brauchte das von Bjarne Riis dirigierte CSC-Team "gerade mal drei bis vier Wochen, bis die jemanden gefunden haben", wie Holczer registriert hat. Er selbst hingegen musste sich, wie er mit einiger Fassungslosigkeit erzählt, sogar mit zwielichtigen Geschäftsleuten herumschlagen, die ihn in ein Mailänder Café lotsten, um ihm dort verstehen zu geben, dass sie gern ihr Schwarzgeld im Team waschen würden. Was auch einiges über den Ruf aussagt, den der Radsport sich erobert hat.

Dass Holczer nun ausgerechnet auf einen günstigen Verlauf der Tour de France als letzte Chance setzt, ist gewagt. Es lässt sich nicht einschätzen, ob die nächsten Doping-Skandale nicht schon programmiert sind. Sollten die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, in denen Noch-Sponsor Gerolsteiner während der Tour reichlich Rad-Werbespots plaziert hat, sich wie im vergangenen Jahr ausklinken, wäre es das Ende für Holczers Team.

Auch sportlich birgt die Konstellation Risiken. Die Fahrer müssen sich präsentieren, um im Zweifel anderswo unterzukommen. Das könnte dem Teamgeist abträglich sein und den Versuch, Fothen weit vorn im Gesamtklassement unterzubringen, erheblich stören. Noch aber schwören alle auf den guten Geist bei Gerolsteiner, nicht ohne, wie Fothen, schon mal potentielle neue Arbeitgeber zu loben: "Was Milram macht, gefällt mir. Es wäre eine Herausforderung, wieder mit einem Team zu wachsen."

Tatsächlich will das Team Milram seinen Kader verändern. Martin Mischel, Vorstandsmitglied des Sponsors Nordmilch, erklärte wenige Stunden nach der Gerolsteiner-Pressekonferenz: "Wir werden sehr viel mehr deutsche Fahrer haben in Zukunft." Sollte es keine Zukunft für Holczers Equipe geben, wäre Milram das einzige verbliebene Profi-Radteam der höchsten Kategorie - "was uns in Sachen Marketing sehr entgegen käme", wie Mischel sagt. Die Aussichten für Holczer beurteilt er skeptisch: "Es ist eine schwierige Situation. Stünden wir jetzt vor der Entscheidung, würden wir auch nicht neu in den Radsport einsteigen."

Auszuschließen ist aber sicher nicht, dass die Faszination Tour doch noch einen jener Interessenten überzeugt, die in den kommenden Wochen zu Holczer in den Begleitwagen steigen werden, um sich, wie er sagt, "mal eine Etappe anzuschauen und das auf sich wirken zu lassen".

Wenn es alles nichts hilft, bleiben dem Chef selbst wohl zwei Alternativen. Entweder er übernimmt ein anderes Team, allerdings nur als Leiter, denn "das zweite Auto zu fahren, das geht jetzt fast gar nicht mehr". Oder der bis Sommer 2009 beurlaubte Mathematiklehrer Holczer kehrt in den Schuldienst zurück: "Da sehe ich gar kein Problem. Ich behaupte, ich gehe rein ins Klassenzimmer und lege los." Wenn er sich da mal nicht verrechnet.

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