Team T-Mobile 2008 Sauber siegen mit den Sündern

Nicht dopen ist zuwenig: Das T-Mobile-Team soll in Zukunft öfter gewinnen. Teamchef Bob Stapleton erklärt SPIEGEL ONLINE, warum man dafür umstrittene Fahrer wie George Hincapie und Erik Zabel benötigt. Über deren Vergangenheit redet er aber ungern. Sponsor Telekom ist irritiert.

Von Jörg Schallenberg, Stuttgart


Der Zeitpunkt war gut gewählt. Um die Verpflichtung eines Fahrers bekannt zu geben, der heftige Reaktionen auslösen würde, ist die Rad-WM ideal. In den vergangenen Tagen schlugen die Stadt Stuttgart als Veranstalter, der Weltverband UCI, der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und schließlich die Fahrer selbst verbal dermaßen aufeinander ein, dass eine der spannendsten Personalien dieser Saison in den Hintergrund geriet. Das Team T-Mobile gab gestern die Verpflichtung des US-Amerikaners George Hincapie, langjähriger Edelhelfer von Lance Armstrong bei US Postal und Discovery Channel, bekannt. Dazu verkündete T-Mobile-Teamchef Bob Stapleton erstmals offiziell sein Interesse an Erik Zabel.

US-Amerikaner Hincapie: Siegen für T-Mobile
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US-Amerikaner Hincapie: Siegen für T-Mobile

Am Abend dieses Tages sitzt Stapleton in der Lobby eines Hotels in Stuttgart-Vaihingen und versucht zu erklären, warum einer der prominentesten Fahrer zweier extrem dopingverdächtiger Rennställe der Richtige ist, um die vermeintliche Vorzeige-Anti-Doping-Truppe von T-Mobile zu verstärken. Hincapie, so erzählt der Teamchef, sei schon im vergangenen Jahr von sich aus auf den Magenta-Rennstall zugekommen. "George hat gesagt: Ich finde es sehr interessant, was ihr macht, denn es ist genau das, was der Sport braucht", berichtet Stapleton SPIEGEL ONLINE: "Er hat dann versucht, aus seinem Vertrag mit Discovery Channel herauszukommen. Aber sie wollten ihn behalten, auch weil er ihnen helfen sollte, einen neuen Sponsor zu finden."

Doch vor allem wegen des Dopingverdachts, der Discovery Channel stets so umwehte wie fauliger Geruch eine verdorbene Frucht, fand der Rennstall trotz des Sieges von Alberto Contador bei der Tour de France keinen neuen Geldgeber. Hincapie, der in Frankreich noch nach Kräften half, den umstrittenen Spanier ins Gelbe Trikot zu bugsieren, war frei. Eine ideale Gelegenheit für T-Mobile, findet Stapleton: "Wir haben zwölf Fahrer unter 25 Jahren im Team. Wahrscheinlich die besten jungen Talente, die man haben kann. Gerald Ciolek, Mark Cavendish, Linus Gerdemann … Wir wollen diesen Fahrern alles an die Hand geben, damit sie Erfolg haben. Und dazu brauchen sie erfahrene Teamkameraden, die ihnen dabei helfen, sich weiter zu entwickeln."

Stapleton setzt auf Hincapies Erfahrung

Hincapie, so Stapleton, "soll den jungen Fahrern Sicherheit geben. Er soll ihnen den Stress nehmen im Rennen, soll ihnen Vertrauen geben, das Gefühl, dass die wissen, was als nächstes passieren wird. Er soll die richtigen Entscheidungen auf dem Rad treffen." Zu oft, so lässt Stapleton durchblicken, fehlte es den Fahrern in Magenta in jüngerer Vergangenheit mangels Persönlichkeiten an der richtigen Führung und der passenden Strategie - das aber widerspricht dem zentralen Punkt in der Rennphilosophie des Teamchefs: "Man kann diesen Sport langfristig nur ändern, wenn die Athleten glauben, dass sie ohne Doping gewinnen können." Anders gesagt: Es reicht nicht, sauber zu fahren, man muss sauber fahren und gewinnen.

Was momentan arg nach der Quadratur des Kreises im immer noch schwer dopingverseuchten Profiradsport klingt, will T-Mobile erreichen, indem man auch Fahrer verpflichtet, die "sehr polarisieren", wie Stapleton einräumt. Dazu gehört Erik Zabel, "der sportlich sehr gut zu uns passen würde". Doch der 37-Jährige, der zuletzt von anderen deutschen Fahrern heftig kritisiert wurde, steht noch bis Ende 2008 beim Team Milram unter Vertrag. Nun, vielleicht lassen sich die Probleme auf kurzem Wege lösen: Während des Gesprächs mit Stapleton setzen sich einen Tisch weiter Rolf Aldag, Sportlicher Leiter von T-Mobile, und der kürzlich abgelöste Milram-Teammanger Gianluigi Stanga zusammen. Stanga soll laut Jörg Jaksche früher Fahrer zum Dopen verleitet haben, diese Vorwürfe sind einer der Gründe, warum die Milram-Zukunft noch ungewiss ist. Sein Nachfolger Gerry van Gerwen war ebenfalls im "Mercure Fontana", in dem ein Treffen der Leiter der Profirennställe stattfand.

Stapleton wirkt angesichts der Tischnachbarn einen Moment lang irritiert, entscheidet sich dann aber für die Offensive. Angst vor schlechter Presse habe er nicht, sagt er: "Unser Ziel sind echte Veränderungen in diesem Sport, was sicherlich auch eine positive Resonanz nach sich ziehen wird." Das klingt etwas ausweichend, wohl bedingt durch die ständige Erklärungsnot, die Stapletons Entscheidung mit sich bringen wird. Denn Hincapies Leistungsprofil weist ziemlich eindeutige Schwankungen auf. Der 34-Jährige gewann als ausgewiesener Klassiker-Spezialist und Flachlandexperte noch 2005 eine schwere Bergetappe bei der Tour, brach nach der "Operacion Puerto" 2006 aber völlig ein und beendete die Frankreich-Rundfahrt auf Platz 32, obwohl er einer der Favoriten auf den Gesamtsieg war.

Ob Stapleton denn glaubt, dass Hincapie bisher sauber gefahren ist? Antwort: "Wir kennen nicht die volle Vergangenheit vieler Fahrer. Das Entscheidende ist, dass er aus den richtigen Motiven hier ist und um die richtigen Dinge zu tun." Nachfrage: "Sie reden nicht gern über seine Vergangenheit?" Antwort: "Ich kenne die Vergangenheit sehr vieler Leute nicht. Es herrschen Bedenken gegenüber sehr vielen Fahrern und ich denke, viele davon sind berechtigt. Für mich ist die Frage entscheidend: Was kann er für die Zukunft in unserem Team beitragen?"

Zukunft schlägt Vergangenheit, und dafür kann man, auch wenn Stapleton das so nicht sagt, mal ein Auge zudrücken. Diese Herangehensweise mag pragmatisch sein, aber sie birgt einen Widerspruch. Selbst wenn man davon ausgeht, dass einstmals gedopte Fahrer jetzt geläutert sind und am Neuanfang mitarbeiten wollen, sind sie letztlich durch ihre Doping-Erfolge zu jenen sportlichen Erfolgen und Erfahrungen gelangt, die sie nun interessant machen. Mit seinem eigenwilligen Kurs ist Stapleton, wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, dann auch auf wenig Gegenliebe beim Hauptsponsor Deutsche Telekom gestoßen. Doch bei diesem Thema wird der sonst stets höfliche 49-Jährige schmallippig: "Diese Gespräche sind Privatsache." Kein Geheimnis ist dagegen, dass Stapleton und sein Team nun unter noch schärferer Beobachtung stehen als es ohnehin schon der Fall war: Und die Rad-WM ist morgen vorbei.



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Seite 1
Fidel Castr(at)o, 27.09.2007
1. ...in eine saubere Zukunft?
Na ich hoffe doch dass die verwendeten Mittelchen "sauber" sind, nicht dass durch Verunreinigungen evtl. Nebenwirkungen noch verschlimmert werden...
who 27.09.2007
2. saure Sauce
Zitat von sysopSie sahen sich selbst als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf. Mit ihren Planungen für die kommende Saison verlässt T-Mobile jedoch den sauberen Kurs. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE verpflichtet der Rennstall zwei Fahrer einer von Doping verseuchten Zeit - Erik Zabel und George Hincapie. Ist dies der richtige Weg?
Ich denke, dass dieser Weg nicht nur mit den beiden genannten sondern zusammen mit den avisierten Jaksche und Sinkewitz eine saure Sauce geben wird - höchst peinlich für ein Industrie-Unternehmen wie T-Mobile, dass eigentlich in der Öffentlsichkeit um Vertrauen ins System werben und daher den Initiator Frommert nachhaltig abservieren muss ...
Umberto, 27.09.2007
3.
Zitat von sysopSie sahen sich selbst als Vorreiter im Anti-Doping-Kampf. Mit ihren Planungen für die kommende Saison verlässt T-Mobile jedoch den sauberen Kurs. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE verpflichtet der Rennstall zwei Fahrer einer von Doping verseuchten Zeit - Erik Zabel und George Hincapie. Ist dies der richtige Weg?
Das Problem scheint mir zu sein, dass die Herren von T-Mobile die einzigen waren, die sich so sahen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen da weit auseinander. Wie kann man es im Anti-Doping-Kampf zulassen, dass Fahrer unterwegs sind, auf deren Helm und Hosen T-Mobile steht und gleichzeitig auf der Brust STADA ???
Andree Barthel 27.09.2007
4.
Am besten, man sperrt alle, die schon einmal erwischt wurden, aus, so dass uns Schlagzeilen, wie eben die in der Threateröffnung, erspart blieben, denn warum sollte T-Mobile beide nicht verpflichten dürfen, wenn sie ihre Strafen abgesessen haben, wobei Zabel ja nicht einmal wegen seines Vergehens zur Rechenschaft gezogen wurde. Eigentlich wäre es sinnvoller, über den Imageschaden zu diskutieren, den T-Mobile erleiden würde, sollte einer der beiden Fahrer beim Dopen erwischt werden. Der Radsport würde dies überleben, T-Mobile sicherlich nicht, auch deutsche Profiradsport bekäme große Probleme.
Hador, 27.09.2007
5.
T-Mobile ist die größte Heucheltruppe von allen. Aldag gibt Doping zu, zeigt dabei nichtmal wirkliche Reue, und bleibt dennoch sportlicher Leiter. Da passen die beiden Neuverpflichtungen doch perfekt dazu. Aber gedopt wird bei T-Mobile natürlich NIE.......und am 24.12. kommt der Weihnachtsmann
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