Tennis am Rothenbaum Zukunft auf Sand gebaut

Das Wetter war schlecht, die Topstars fehlten, die Deutschen scheiterten früh: Das Tennis-Masters am Hamburger Rothenbaum muss in diesem Jahr einiges verkraften. Obwohl das Turnier finanziell gesichert scheint, steht es vor einer ungewissen Zukunft.

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Hamburg - Die vergangene Woche hätte so schön werden können für Walter Knapper, Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum. Der Tennisklassiker feierte in diesem Jahr seine 100. Auflage und alles deutete auf ein gelungenes Jubiläum hin. Das Wetter in den Tagen vor Turnierbeginn war gut und der Kartenvorverkauf lief glänzend. Doch mit dem ersten Wettkampftag verließ Knapper das Glück.  

Die Topspieler Roger Federer und Rafael Nadal sagten die Teilnahme wegen Erschöpfung ab, am Mittwoch verabschiedeten sich die letzten deutschen Teilnehmer. "Desaster am Rothenbaum", schrieb die "WAZ", "Friedhof Totenbaum", fabulierte die "Bild". Wie gereizt die Stimmung an der Hallerstraße tatsächlich war, offenbarte ein lächerlicher Disput zwischen Knapper und dem deutschen Daviscup-Teamchef Patrick Kühnen über die Qualität der Plätze.

Doch trotz allem brachen die Zuschauerzahlen nicht ein. 2006 kamen etwa 105.000 Besucher zum Rothenbaum, einige hundert mehr als im vergangenen Jahr. Ein Großteil der Tickets soll jedoch - wie schon 2005 - als Freikarten oder Teil von Sponsoringpaketen unter das Volk gebracht worden sein. Dass es sich dabei Medienberichten zufolge um mehr als 50 Prozent der Karten handeln soll, dementierte DTB-Pressesprecher Toralf Bitzer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Großen Anteil am Vorverkauf hatten ohne Frage Federer und Nadal, nach deren Absagen Hamburg zu einem Turnier der Underdogs wurde. Darunter hatte vor allem das Deutsche Sportfernsehen zu leiden. Der Sender übertrug täglich live vom Rothenbaum – mit enttäuschenden Einschaltquoten. "Wir sind dennoch der Meinung, dass es durchaus richtig war, dieses Turnier zu übertragen", sagte DSF-Sprecherin Christiane Alenfeld SPIEGEL ONLINE. "Der Turnierverlauf war natürlich bitter, aber grundsätzlich wollen wir Tennis weiter fördern."

Im Schnitt hatten etwa 120.000 Zuschauer eingeschaltet. "Wir hängen natürlich an dem Abschneiden der Deutschen und an den Topstars", so Alenfeld weiter, "es ist einfach dumm gelaufen." Das DSF sei aber durchaus gewillt, die Zusammenarbeit im nächsten Jahr fortzusetzen.  

Der undurchsichtige Scheich

Daran hat auch Scheich Mohammed Bin Faleh Al-Thani, Vorsitzender des Tennisverbandes von Katar, großes Interesse. Die Katarer sind mit 25 Prozent am Hamburger Turnier beteiligt und wollen es als Werbeplattform für Touristen nutzen.

"Hamburg ist eines der besten Turniere in Europa", schwärmt der Scheich, "vielen Dank an die Organisatoren für den phantastischen Job, den sie gemacht haben." Der Ausfall der Topspieler? "Halb so wild, das Feld war immer noch gut." Die Leistungen der Deutschen? "Sie haben einen guten Job gemacht."

Bei so viel Wohlwollen ist es wenig überraschend, dass Al-Thani weitere finanzielle Hilfe verspricht für den Fall, dass wieder ein kombiniertes Damen- und Herrenturnier in Hamburg stattfinden soll. Nicht wenige (unter anderem Michael Stich, der bislang letzte deutsche Sieger am Rothenbaum) unterstellen ihm jedoch Ambitionen, ein kombiniertes Turnier irgendwann ganz nach Katar holen zu wollen - trotz aller gegenteiligen Beteuerungen. 

Doch auch von anderer Seite droht Gefahr. Die ATP, Ausrichter der neun Turniere umfassenden Masters-Series, überlegt seit längerem ein Neustrukturierung seines kriselnden Premium-Produkts. Angedacht ist unter anderem eine Verknappung auf sieben oder acht Turniere. Hamburg ist dabei einer der Streichkandidaten. Der Turniertermin direkt nach dem Masters in Rom und nur eine Woche vor Beginn der French Open ist denkbar ungünstig.

Turnierdirektor Knapper und DTB-Präsident Georg von Waldenfels wissen um diese Problematik und sind auf der Suche nach Lösungen, um einem sportlichen Debakel wie in diesem Jahr vorzubeugen. Die Idee, das Turnier in den Herbst zu verlegen und auf Hardcourt auszutragen, was nebenbei auch die Chancen der deutschen Spieler erhöhen würde, ist eher unrealistisch.

Knapper sieht die Zukunft weiterhin auf Sand und erwägt eine Reduzierung des Starterfeldes von 64 auf 56 Spieler. Dann könnten die Topspieler zu Turnierbeginn ein Freilos bekommen und hätten damit einen Tag länger Pause. Auch eine Verkürzung der Finals auf zwei Gewinnsätze oder einen Modus mit Gruppenspielen schließt Knapper nicht aus - bei Letzterem wären zumindest mehrere Spiele mit deutscher Beteiligung garantiert.

So wie bisher könne es jedoch in keinem Fall weitergehen. "Es muss und es wird irgendetwas passieren", so Knapper, "wir werden uns zusammensetzen und alle Möglichkeiten diskutieren." Von Waldenfels schloss sich an: "Patentlösungen gibt es nicht, ich bin jedoch davon überzeugt, dass dieses Turnier bestehen bleibt." 

Immerhin werde das Turnier 2006 finanziell besser abschneiden als im vergangenen Jahr, in dem einige 100.000 Euro Verlust gemacht wurden, so der DTB-Präsident. Für eine schwarze Null in der Endabrechnung wird es wohl dennoch nicht ganz reichen.



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