Weltranglistenerster Andy Murray Ein Besessener am Ziel

Andy Murray hat als erster Brite die Führung in der Weltrangliste übernommen. Sein Weg dorthin war voller Rückschläge. Dass er nie aufgegeben hat, verdankt er auch seinem Trainer.

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Eigentlich war die Karriere von Andy Murray zum Scheitern verurteilt. Als der ambitionierte Schotte 2005 im Alter von 17 Jahren Profi wurde, war ein Ende der beeindruckenden Dominanz von Roger Federer noch längst nicht abzusehen. Zudem ließ ein gewisser Rafael Nadal aufhorchen, der die French Open als 18-Jähriger gleich im ersten Versuch gewinnen konnte. Im Schatten der großen Stars arbeitete sich ein serbisches Top-Talent namens Novak Djokovic in der Weltrangliste nach vorn.

Die Befürchtungen der britischen Tennis-Fans schienen sich zu bewahrheiten. Vor seinem ersten Grand-Slam-Titel im September 2012 verlor Murray sechs Halbfinals und vier Endspiele bei einem der begehrten Majors. Andere Spieler wären an solchen Rückschlägen zerbrochen. Nach dem verlorenen Finale in Wimbledon 2012 gegen Roger Federer gestand er unter Tränen, dass er seinem großen Widersacher immerhin etwas nähergekommen sei. Es war eine Kampfansage, der Murray schon wenig später Taten folgen ließ.

Nun, viereinhalb Jahre und 21 Turniersiege später, ist Murray auf dem Zenit seines sportlichen Schaffens. Der Schotte ist nach dem Sieg beim Masters in Paris erstmals die Nummer eins der Welt und hat den zwischenzeitlich weit enteilten Djokovic von der Spitze verdrängt. Zwar hat dieser aktuell mit Verletzungen und Formkrisen zu kämpfen. Den Sprung auf Platz eins verdankt Murray jedoch vielmehr seiner unglaublichen Ausdauer als den Problemen seines Kontrahenten.

Ivan Lendl, der Schlüssel zum Erfolg

Murray ist ein Besessener. Wie kaum ein anderer quält sich der Brite vor jeder Saison in der Sonne Kaliforniens und absolviert Trainingseinheiten, die Tommy Haas im Interview mit dem SPIEGEL vor zwei Jahren als "utopisch" bezeichnete. ("Da müsste ich an den Tropf"). Doch seine Einheiten zahlen sich auf dem Platz aus. Seine Konter- und Sprintqualitäten, die von den Gegnern viel Geduld erfordern, sind sein Markenzeichen.

Doch da ist auch der andere Murray. Jener Exzentriker, der in kritischen Momenten auf dem Platz beinahe jeden Punkt lautstark kommentiert und es mitunter übertreibt. Nicht selten verliert er sich in Diskussionen mit dem Stuhlschiedsrichter und zieht den Zorn des Publikums auf sich. Doch Murray braucht diese emotionalen Aussetzer, den Kontakt zu seiner Box, in der Mutter Judy und Ehefrau Kim nicht minder emotional agieren. Der 29-Jährige ist auf dem Platz ein Poker-Face, mal humpelt er über den Court, als stünde er kurz vor der Aufgabe, mal leistet er sich reihenweise unerklärliche Fehler, um im Folgespiel urplötzlich wieder sein bestes Tennis abzurufen.

Doch wenn man nach einer Erklärung für den Erfolg des 29-Jährigen sucht, kommt man an einem Namen nicht vorbei: Ivan Lendl. Der gebürtige Tscheche, der insgesamt 270 Wochen die Weltrangliste anführte, trainierte Murray erstmalig zwischen 2012 und 2014. In diese Zeit fielen die Siege in Wimbledon, New York und London bei den Olympischen Spielen. Anschließend versuchte es Murray mit der ehemaligen Spitzenspielerin Amélie Mauresmo, die großen Titel blieben aus, er stagnierte in seiner Entwicklung.

Andy Murray und Ivan Lendl 2014
AP/dpa

Andy Murray und Ivan Lendl 2014

Wohl auch deshalb einigten sich Lendl und Murray im Juni auf eine weitere Zusammenarbeit. Mit dem 56-Jährigen kehrte auch schnell der Erfolg zurück. Murray verteidigte als erster Spieler überhaupt die Goldmedaille bei Olympischen Spielen, zudem triumphierte er erneut in Wimbledon. Die Weltranglistenführung war die logische Konsequenz jahrelanger harter Arbeit. Lendl bildet den idealen Gegenpol zum emotionalen Murray, in der Box sitzt er meist stoisch und vermeidet auch bei langen, spektakulären Ballwechseln Gefühlsausbrüche. Diese Ruhe und Zuversicht, die der Coach ausstrahlt, überträgt sich auf das Spiel des Schützlings.

In den Ballwechseln verliert Murray selten die Geduld, bleibt beharrlich und wartet auf den geeigneten Zeitpunkt, den entscheidenden Winner zu schlagen. Diesen wird er auch beim abschließenden Turnier der besten acht Spieler des Jahres in London (13. bis 20. November) brauchen. Die inoffizielle Tennis-WM hat Murray noch nie gewonnen. Die Chancen auf einen Erfolg standen noch nie besser.



insgesamt 2 Beiträge
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Celegorm 06.11.2016
1.
Sicher verdient und auch erfreulich, dass Leute wie Murray doch noch dafür belohnt werden, nie aufgegeben zu haben. Ähnlich wie Wawrinka, der nach langen eher glücklosen Jahren doch noch einen golden Herbst erlebt (hat?). Zudem sicher auch positiv fürs Tennis als solches, schliesslich ist der momentane Zustand wieder wesentlich offener und damit auch spannender. Und auch witzig in anbetracht dessen, dass auch hier bis vor kurzem noch eine jahrelange Djokovic-Ära beschworen wurde, in welcher dieser alle Rekorde brechen und die Nummer 1 nicht mehr verlieren würde. Aber im Tennis kann es halt sehr schnell gehen, selbst mehrere tausend Punkte Vorsprung verpuffen in Windeseile wenn jemand auch nur ein wenig nachlässt..
ulisses 06.11.2016
2. Herzlichen Glückwunsch
Super von Andy. Hoffentlich schafft er noch ein paar Majors. was man auch erkennt: es wird immer schwerer, sich nach ganz oben zu spielen. Der letzte Jungspund, der schnell oben ankam, war Rafael Nadal. Zverev und Co müssen noch warten und noch sehr viel schwitzen und d beweisen, bis sie, wie Murray, ganz oben stehen und um Grand Slams mitspielen. Wilander, Chang, McEnroe, Borg, Becker, Sampras...die waren schon sehr jung Grand Slam Sieger. Das ist heute kaum möglich. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Murray und Djokovic demnächst so stark nachlassen. Federer und Nadal sind auch noch nicht weg. Wawrinka ist auch mit dabei, er hat das Superpotential. Und nicht zu vergessen seien die vielen Superspieler, die in der Lendl-Ära wohl alles gewonnen hätten: Tsonga, Raonic, Berdych, Ferrer etc. Aber das sollte den jungen Wilden nicht den Mut nehmen, sondern ganz im Gegenteil: Murray zeigt, dass es geht. Es dauert nur heute länger.
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