Tennis in Deutschland Der vergessene Markt

Die Tennis-Welt blüht, doch in Deutschland herrscht Dürre. Stadien bleiben leer, Sponsoren springen ab und es fehlt an "local heroes". Auch der internationale Dachverband ATP zeigt wenig Interesse am einstigen Spitzenmarkt. Eine fahrlässige Strategie, erklärt das "SPONSORS"-Magazin.
Tennis-Profi Kohlschreiber: Mit Deutschland im Abseits

Tennis-Profi Kohlschreiber: Mit Deutschland im Abseits

Foto: NIKOLA SOLIC/ REUTERS

Tennis steckt nicht in der Krise. Im Gegenteil. Tennis boomt, und zwar fast überall. Nach Analysen des US-Instituts IEG sind 2010 weltweit rund 600 Millionen US-Dollar an Sponsoring-Geldern in den Tennissport investiert worden - ein Wachstum von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

ATP-Events wie das Barclays World-Tour-Finale in London haben im vergangenen Jahr mit 262.000 Zuschauern eine globale Bestmarke für ein Wochenevent aufgestellt. Protagonisten wie Roger Federer oder Rafael Nadal genießen weltweiten Star-Appeal und veranlassen Experten zu der Einschätzung, dass Tennis auch in Zukunft wachsen wird.

Doch ausgerechnet die ehemalige Tennis-Hochburg Deutschland, einst größter Nettozahler der ATP, kann nicht folgen. Die deutschen Vorzeigeturniere in Hamburg, München, Stuttgart und zuletzt auch Düsseldorf kämpfen gegen den Verlust von Sponsoren und Zuschauern und damit ums Überleben.

Großflächige Medienpräsenz erlangt Tennis hierzulande meist nur noch im Umfeld von Wettskandalen oder durch Fotostrecken attraktiver Tennis-Damen. Damit ist Deutschland, zumindest im Spitzenbereich, zum Tennis-Entwicklungsland verkommen. Besserung ist bislang nicht in Sicht.

Schlafender Riese oder toter Patient?

Trotz dieser beunruhigenden Entwicklung lässt Laurent Delanney, Geschäftsführer der ATP Europe, nicht davon ab, das "riesige Potential" des deutschen Marktes und "die außerordentliche Bedeutung" für die Tennisorganisation zu betonen. Ganz unrecht hat er damit nicht: Nach jüngsten Zahlen der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (Awa) Sportprofile bietet der deutsche Markt mit etwa vier bis fünf Millionen aktiven Tennisspielern und 21,7 Millionen an Tennis interessierten Bürgern noch immer ein stärkeres Umsatzpotential als die meisten anderen Sportarten.

Auch der Deutsche Tennis-Bund (DTB) ist trotz rückläufiger Tendenz mit aktuell knapp 1,6 Millionen Mitgliedern noch immer der größte Tennisverband der Welt. Horst Klosterkemper, Vorgänger von Delanney und heutiger Vorsitzender des Power Horse World Team Cups (WTC), beschreibt Tennis-Deutschland daher auch eher als einen "schlafenden Riesen denn als toten Patienten."

Allein an einem fehlenden deutschen Weltstar liegt es nicht

Doch warum gelingt es nicht, das Potential umzusetzen? Oft wurde in der Vergangenheit die Schuld beim DTB gesucht, der es zweifelsohne nicht geschafft hat, in den vergangenen Jahren so etwas wie Aufbruchstimmung zu erzeugen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig wurde das Fehlen eines "local heroes" beklagt, und sicherlich würde ein deutscher Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier sofort vieles zum Guten bewegen. Doch allein daran kann es nicht liegen, da dieses Schicksal in den vergangenen Jahren auch vielen anderen Nationen zuteil wurde.

Dass der Boom allein aufgrund der Stärke des Produktes durchdringen kann, beweist beispielsweise der US-Markt - der ähnlich wie der deutsche - sportlich schon wesentlich erfolgreichere Zeiten erlebt hat. Dennoch ist Tennis nach Analysen der Sporting Goods Manufacturers Association momentan die am schnellsten wachsende traditionelle Sportart in den USA.

Mangelnde Unterstützung durch die ATP

Dagegen scheint die deutsche Tennislandschaft ohne sportlichen Helden auf Impulse von außen angewiesen zu sein. Prädestiniert für diese Rolle wäre die ATP, die jedoch nach Einschätzung vieler Beobachter den kriselnden Spitzenmarkt momentan eher schwächt, anstatt neu zu vitalisieren.

Vor allem die von der ATP vorgenommene Positionierung deutscher Turniere im Kalender missfällt, weil es die Attraktivität der Wettbewerbe deutlich geschmälert hat. Sowohl Hamburg als auch Düsseldorf müssen nun mit Veranstaltungen konkurrieren, die als geeignetere Vorbereitung auf ein Grand-Slam-Turnier gelten. "Das hat dazu geführt, dass die Verfügbarkeit der Topspieler für unsere Turniere drastisch gesunken ist", erklärt Klosterkemper.

Doch selbst wenn Spieler dieser Kategorie bei deutschen Turnieren an den Start gehen würden, dürften die Veranstalter nicht mit Begeisterung rechnen. Vor allem deshalb, weil selbst Spieler, die anderswo für Jubelstürme sorgen, hierzulande kaum noch bekannt sind. Die mangelnde Prominenz ihrer Topstars auf einem Markt, den sie selbst als "außerordentlich bedeutend" einstuft, sollte auch für die ATP ein unübersehbares Alarmzeichen sein.

Doch anstatt geschwächte Märkte zu unterstützen, zieht es die ATP dorthin, wo Geld und Zuschauermassen bereits warten. So verlagerte sie beispielsweise den Hamburger Masters-Status nach Madrid. Für Beobachter wie Klosterkemper ist das Vorgehen der Spielervereinigung jedoch zu sehr an kurzfristigen kommerziellen Interessen orientiert. Auf langfristige Sicht sei es fahrlässig, einen Markt mit so viel Potential und Tradition zu vernachlässigen.

Ein Top-Produkt, über das die ATP zur Zeit ohne Zweifel verfüge, könne mit der nötigen Unterstützung auch in Deutschland wieder populär gemacht werden. Auch ohne einen neuen Boris Becker.

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