Tennis in Deutschland Der vergessene Markt

Die Tennis-Welt blüht, doch in Deutschland herrscht Dürre. Stadien bleiben leer, Sponsoren springen ab und es fehlt an "local heroes". Auch der internationale Dachverband ATP zeigt wenig Interesse am einstigen Spitzenmarkt. Eine fahrlässige Strategie, erklärt das "SPONSORS"-Magazin.

Tennis-Profi Kohlschreiber: Mit Deutschland im Abseits
REUTERS

Tennis-Profi Kohlschreiber: Mit Deutschland im Abseits


Tennis steckt nicht in der Krise. Im Gegenteil. Tennis boomt, und zwar fast überall. Nach Analysen des US-Instituts IEG sind 2010 weltweit rund 600 Millionen US-Dollar an Sponsoring-Geldern in den Tennissport investiert worden - ein Wachstum von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

ATP-Events wie das Barclays World-Tour-Finale in London haben im vergangenen Jahr mit 262.000 Zuschauern eine globale Bestmarke für ein Wochenevent aufgestellt. Protagonisten wie Roger Federer oder Rafael Nadal genießen weltweiten Star-Appeal und veranlassen Experten zu der Einschätzung, dass Tennis auch in Zukunft wachsen wird.

Doch ausgerechnet die ehemalige Tennis-Hochburg Deutschland, einst größter Nettozahler der ATP, kann nicht folgen. Die deutschen Vorzeigeturniere in Hamburg, München, Stuttgart und zuletzt auch Düsseldorf kämpfen gegen den Verlust von Sponsoren und Zuschauern und damit ums Überleben.

Großflächige Medienpräsenz erlangt Tennis hierzulande meist nur noch im Umfeld von Wettskandalen oder durch Fotostrecken attraktiver Tennis-Damen. Damit ist Deutschland, zumindest im Spitzenbereich, zum Tennis-Entwicklungsland verkommen. Besserung ist bislang nicht in Sicht.

Schlafender Riese oder toter Patient?

Trotz dieser beunruhigenden Entwicklung lässt Laurent Delanney, Geschäftsführer der ATP Europe, nicht davon ab, das "riesige Potential" des deutschen Marktes und "die außerordentliche Bedeutung" für die Tennisorganisation zu betonen. Ganz unrecht hat er damit nicht: Nach jüngsten Zahlen der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (Awa) Sportprofile bietet der deutsche Markt mit etwa vier bis fünf Millionen aktiven Tennisspielern und 21,7 Millionen an Tennis interessierten Bürgern noch immer ein stärkeres Umsatzpotential als die meisten anderen Sportarten.

Auch der Deutsche Tennis-Bund (DTB) ist trotz rückläufiger Tendenz mit aktuell knapp 1,6 Millionen Mitgliedern noch immer der größte Tennisverband der Welt. Horst Klosterkemper, Vorgänger von Delanney und heutiger Vorsitzender des Power Horse World Team Cups (WTC), beschreibt Tennis-Deutschland daher auch eher als einen "schlafenden Riesen denn als toten Patienten."

Allein an einem fehlenden deutschen Weltstar liegt es nicht

Doch warum gelingt es nicht, das Potential umzusetzen? Oft wurde in der Vergangenheit die Schuld beim DTB gesucht, der es zweifelsohne nicht geschafft hat, in den vergangenen Jahren so etwas wie Aufbruchstimmung zu erzeugen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Häufig wurde das Fehlen eines "local heroes" beklagt, und sicherlich würde ein deutscher Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier sofort vieles zum Guten bewegen. Doch allein daran kann es nicht liegen, da dieses Schicksal in den vergangenen Jahren auch vielen anderen Nationen zuteil wurde.

Dass der Boom allein aufgrund der Stärke des Produktes durchdringen kann, beweist beispielsweise der US-Markt - der ähnlich wie der deutsche - sportlich schon wesentlich erfolgreichere Zeiten erlebt hat. Dennoch ist Tennis nach Analysen der Sporting Goods Manufacturers Association momentan die am schnellsten wachsende traditionelle Sportart in den USA.

Mangelnde Unterstützung durch die ATP

Dagegen scheint die deutsche Tennislandschaft ohne sportlichen Helden auf Impulse von außen angewiesen zu sein. Prädestiniert für diese Rolle wäre die ATP, die jedoch nach Einschätzung vieler Beobachter den kriselnden Spitzenmarkt momentan eher schwächt, anstatt neu zu vitalisieren.

Vor allem die von der ATP vorgenommene Positionierung deutscher Turniere im Kalender missfällt, weil es die Attraktivität der Wettbewerbe deutlich geschmälert hat. Sowohl Hamburg als auch Düsseldorf müssen nun mit Veranstaltungen konkurrieren, die als geeignetere Vorbereitung auf ein Grand-Slam-Turnier gelten. "Das hat dazu geführt, dass die Verfügbarkeit der Topspieler für unsere Turniere drastisch gesunken ist", erklärt Klosterkemper.

Doch selbst wenn Spieler dieser Kategorie bei deutschen Turnieren an den Start gehen würden, dürften die Veranstalter nicht mit Begeisterung rechnen. Vor allem deshalb, weil selbst Spieler, die anderswo für Jubelstürme sorgen, hierzulande kaum noch bekannt sind. Die mangelnde Prominenz ihrer Topstars auf einem Markt, den sie selbst als "außerordentlich bedeutend" einstuft, sollte auch für die ATP ein unübersehbares Alarmzeichen sein.

Doch anstatt geschwächte Märkte zu unterstützen, zieht es die ATP dorthin, wo Geld und Zuschauermassen bereits warten. So verlagerte sie beispielsweise den Hamburger Masters-Status nach Madrid. Für Beobachter wie Klosterkemper ist das Vorgehen der Spielervereinigung jedoch zu sehr an kurzfristigen kommerziellen Interessen orientiert. Auf langfristige Sicht sei es fahrlässig, einen Markt mit so viel Potential und Tradition zu vernachlässigen.

Ein Top-Produkt, über das die ATP zur Zeit ohne Zweifel verfüge, könne mit der nötigen Unterstützung auch in Deutschland wieder populär gemacht werden. Auch ohne einen neuen Boris Becker.



insgesamt 6 Beiträge
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Denken!, 25.03.2011
1. fehlgeleitetes Würgen
Zitat von sysopDie Tennis-Welt blüht, doch in Deutschland herrscht Dürre. Stadien bleiben leer, Sponsoren*springen ab und es fehlt*an*"local heroes".*Auch der internationale Dachverband ATP zeigt*wenig Interesse am einstigen Spitzenmarkt. Eine fahrlässige Strategie, erklärt das "SPONSORS"-Magazin. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,752864,00.html
Aus einem eleganten Techniksport ist ein Würgersport geworden. Fechter benutzen ergonomische Waffen, Golfer diverse Sportgeräte, Biathlon ist da ganz weit vorne. Im Tennis gilt seit Jahrhunderten: Ein Fliegenfänger mit achteckigem Keulengriff. Für den richtigen Schwung muss man unsinnige Griffhaltungen trainieren. Und so schlappen sie in dicken Hosen wie Winkerarmkrabben auf knochenbrechenden Plätzen rum. Leider ahmen die bandagiert Unsportlichen in den Tennisklubs (nirgendwo gibt es mehr Unsportliche als im Tennis) diese Verrenkungen nach. All' die kaufen teure Großkopfschläger mit optimaler Dämpfung, natürlich immer mit dem typischen Bauernknüppelgriff; notfalls als Zubehör ein griffiges Griffband. Als Ergonomiker bin ich fasziniert bis ratlos, wenn ich die örtlichen, regionalen bis weltmeisterlichen Tennisspieler mit Würgegriffen in Aktion sehe. - Arbeit kann wohlig müde machen, muss aber nicht wehtun. R. Federer schlägt seine Rückhand - ohne Affengriff - recht erfolgreich, auch, weil er damit taktisch seine Vorhand stärkt. Ich empfehle den Marketing-Experten analog zum Kickboxen das Kick-Tennis. Diese Regeln können sie umsetzen, von Ergonomie und Eleganz haben die Gelackten ohnehin keinen Schimmer.
Jordan, 25.03.2011
2. Super Sport
Tennis ist an sich ein super Sport. Leider zerstören eine unsägliche Vereinsklüngelei und schlechte, unambitionierte Trainer jedes Interesse vor allem jugendlicher Spieler. Da betrachten sich die Ü60-Spieler immer wieder gerne als dazu ausersehen, auf dem Platz für ´Ruhe und Ordnung´ zu sorgen und die Jüngeren harsch zu disziplinieren. Trainer reißen ihre Stunden ab und sehen sich als lebende Ballmaschine, anstatt mal mit der Ballmaschine und Videoanalyse zu arbeiten. Und wer als Anfänger mal versucht hat, in einem Verein einen Partner zu finden, der wird spätensten nach einem Jahr frustierender Absagen aufgeben und sich dem Golf zuwenden. Die Vereine leben immer noch in den 80er Jahren. Warum nicht mal neue Wege gehen? Wie wär´s mal, allen Mitgliedern - vor allem Anfängern - eine permanent installierte Ballmaschine zur Verfügung stellen? Oder vermehrt Turniere anzubieten, bei denen vom Anfänger bis zum Spitzenspieler alle mitwirken könnten (wenn auch in verschiedenen Gruppen)? Mannschaftsspiele verstärken m. E. nur die Abschottung nach außen. Dies sind nur zwei Beispiele. Es gibt noch viel mehr zu tun.
Hador, 25.03.2011
3. Nein, keinen Titel
Der Artikel betreibt doch Schönfärberei. Die Turniere in Deutschland sind ja nicht erst durch das Verhalten der ATP in die Bredouille gekommen. Schon Jahre bevor die ATP sie zurückstufte hatten die Turniere mit sinkenen Zuschauerzahlen, mangelnder Medienpräsenz und viel zu geringem Sponsoreninteresse zu kämpfen. Wenn die deutsche Sporthistorie eines zeigt, dann das bis auf ganz wenige Ausnahmen immer nur die Sportarten erfolgreich vermarktet werden konnten in denen auch deutsche Athleten erfolgreich sind. Egal ob Skispringen, Formel 1, Biathlon, Ski Alpin oder Motorrad Grand Prix. Die Popularität der Sportart, oder zumindest der Sportveranstaltungen steht und fällt mit dem Erfolg deutscher Athleten. So ists nunmal hierzulande. Als ein Toni Mang noch Motorrad Grand Prixs fuhr war das auch mal eine Sportart, die zur Primetime live übertragen wurde und hohe Einschaltquoten brachte.....heute kräht kein Hahn mehr danach. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so drastisch, beim Ski Alpin der Herren: Als ein Markus Wasmeier um Weltcupsiege fuhr waren die Rennen Publikumsmagnete und Sponsoren standen Schlange. Heute führen die Herren ein Schattendasein im Vergleich zu den Damen bei denen Maria Riesch Erfolge feiert.
fessi1 26.03.2011
4. was haben F1 und Tennis gemeinsam???
Zitat von sysopDie Tennis-Welt blüht, doch in Deutschland herrscht Dürre. Stadien bleiben leer, Sponsoren*springen ab und es fehlt*an*"local heroes".*Auch der internationale Dachverband ATP zeigt*wenig Interesse am einstigen Spitzenmarkt. Eine fahrlässige Strategie, erklärt das "SPONSORS"-Magazin. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,752864,00.html
Alles und Nichts Die USA als Beispiel für Deutschland zu nehmen, halte ich für fragwürdig. Wir sind ebend nicht wie die Amerikaner. In der Formel 1 zum Beispiel ist es genau anders herum. Kein großartiges Interesse auf Seiten der Amerikaner, obwohl die F1 weltweit boomt. Fangen deshalb die Amerikaner an zu hinterfragen warum dies so sei??? Ich glaube nicht. Bernie fragt sich das... seit Jahrzehnten mitlerweile. Und dem geht es ums Geld. So what. Der "Deutsche" braucht offenbar seine eigenen Heroen. Nicht die anderer Nationalitäten. Was ist so schlimm daran? Kommt wieder einer im Tennis, wird die Popolarität schnell wieder zurückkehren. Siehe momentan im Golfsport. 2 Männer und zwei Frauen dominieren seit 10 Jahren, oder mehr (?) den Tennissport (siehe Wimbledon Sieger ab 2000). Dominanz ist gut für eine gewisse Zeit, schadet aber, wenn sie zu lange dauert. Schumacher ist ein gutes Beispiel. Nach 7 WM Titeln (5 in Folge) hat man ihn aufs Altenteil komplimentiert... Sicher nicht zu Unrecht, aus Bernies Sicht...
picard95, 30.03.2011
5. Andrea Petkovic...
...hat gerade die beiden besten Spiele ihrer Karriere in Miami gespielt, die Nummer 1 und Nummer 7 der Weltrangliste geschlagen und wird von den deutschen Medien praktisch ignoriert. Zum Glück gibt es Eurosport, die ihre Spiele Live gezeigt haben. Wenn ich wochentags wenn ich arbeiten muss bis 1 Uhr gebannt vor dem Fernseher sitze will das was heissen.
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