Fotostrecke

Lisicki-Sieg gegen Williams: Himmel, Hölle, Himmel

Foto: CARL COURT/ AFP

Williams-Bezwingerin Lisicki Fräulein Furchtlos

Sie war Top-Favoritin, Titelverteidigerin - nun ist Serena Williams in Wimbledon ausgeschieden. Gescheitert an Sabine Lisicki, die eines der größten Matches ihrer Karriere zeigte. Die Deutsche und der heilige Rasen, das passt einfach. Nun scheint sogar der ganz große Triumph möglich.

Sabine Lisicki sackte zusammen, ließ sich auf den heiligen Rasen von Wimbledon fallen und heulte drauflos. Es war der Moment auf dem Centre Court, der an die großen deutschen Zeiten mit Boris Becker und Steffi Graf erinnerte. Der Moment, an dem der 23-Jährigen eine nicht für möglich gehaltene Sensation gelang. Sieg in drei Sätzen gegen Serena Williams, der Top-Favoritin, der Titelverteidigerin, der Weltranglistenersten, dem "Tennis-Titan", wie der "Daily Telegraph" titelte.

"Es ist unglaublich, was ich da geschafft habe. Ich zittere immer noch am ganzen Körper. Und mir fehlen die Worte", sagte Lisicki nach dem sensationellen Triumph im Achtelfinale des berühmtesten Tennisturniers der Welt. Sie, die Frau mit dem besonderen Gespür für Rasen, ist spätestens jetzt die Spezialistin für die außergewöhnlichen, spektakulären Momente an der Church Road im Südwesten Londons.

Schon im Vorjahr hatte Lisicki in der Runde der besten 16 einen schillernden Superstar der Branche gestürzt, die große Maria Scharapowa. "Angst vor großen Namen kennt Sabine nicht. Kannte sie noch nie", sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, die vor dem Duell prophezeit hatte: "Wenn hier eine Williams schlagen kann, dann Lisicki."

Monatelang hatte Lisicki eher unscheinbar ihr Arbeitspensum auf der Tour verrichtet und Ergebnisse produziert, die eher Kopfschütteln erzeugten als Aufsehen erregten. Doch in Wimbledon rückt Lisicki als Fräulein Furchtlos wieder zur Hauptdarstellerin im großen Grand-Slam-Theater auf. Ein Verwandlungsakt, an den sich mittlerweile auch ihre engsten Vertrauten gewöhnt haben: "Sabine ist hier eine ganz andere Spielerin. Voll mit Selbstbewußtsein. Voll mit Zuversicht und Kraft", sagt Vater und Coach Richard Lisicki.

Zum vierten Mal die French-Open-Siegerin bezwungen

Seine Tochter hatte den ersten Satz gegen die US-Amerikanerin dominiert (6:2), im zweiten keine Chance gehabt (1:6) und im dritten schon 0:3 zurückgelegen. Sie kam wieder ran, 2:3, 3:4, dann 5:4 und schließlich das 6:4, Satz- und Matchgewinn. "Das gehört zu mir. Nie aufzugeben, auch wenn man fast keine Chance mehr hat", sagte Lisicki, die auch eine fast magische Serie in Wimbledon fortsetzte: Zum vierten Mal in Folge schaltete Lisicki die amtierende French-Open-Siegerin aus - 2009 die Russin Swetlana Kusnetsowa, 2011 die Chinesin Li Na, 2012 Scharapowa und nun auch noch Williams. 2010 hatte Lisicki nicht teilgenommen.

Als Williams um 16.22 Uhr Ortszeit mit grimmiger Miene zum Netz stampfte, um Lisicki zu gratulieren, wusste sie wohl selbst nicht so recht, was soeben geschehen war. Sie war bezwungen worden von einer Spielerin, die bei den Big Points am Ende dieses Dramas schlicht besser war.

"Wer nichts wagt, kann auch nichts gewinnen", sagte Lisicki nach ihrer Galavorstellung, bei der sie wie auch in den vergangenen Wimbledon-Jahren für denkwürdige Szenen gesorgt hatte. Etwa, als sie im dritten Satz bei einem 3:4- und 0:40-Rückstand noch zum 4:4 ausglich, dann ein Break zum 5:4 schaffte und sich dann mit eigenem Aufschlag das Match holte. "Ich bin fast gestorben vor Aufregung", sagte Mutter Elisabeth später, "aber Sabine hat das genossen. Sie liebt diese Momente, diese Spiele, diese Bühne."

Verliererin Williams gab nach dem Spiel lapidar zu Protokoll: "Als es zählte, war Sabine besser. Mehr muss man kaum sagen." Die frühere Weltranglisten-Erste Tracy Austin analysierte. "In Grand Slam-Spielen wie diesen zeigt sich, was in einer Spielerin steckt. Und das ist bei Sabine eine ganze Menge."

Liscki trifft nun am Dienstag im Viertelfinale auf die Estin Kaia Kanepi, eine schlagstarke Außenseiterin. Nach dem Coup gegen Williams scheint alles möglich für die Blondine mit dem Spitznamen "Bum-Bum-Bine". Schließlich sind die ersten drei der Weltrangliste, Williams, Victoria Azarenka und Scharapowa schon ausgeschieden. Sogar der Turniersieg ist jetzt möglich für Lisicki. Es wäre der erste deutsche Erfolg bei einem Grand-Slam-Turnier seit Steffi Grafs Triumph bei den French Open 1999.