Tennis-Sensation Mischa Zverev Die unglaubliche Reise des Inspektor Gadget

Vor zwei Jahren stand Mischa Zverev in der Weltrangliste außerhalb der Top 1000. Nun hat er mit Andy Murray den besten Spieler der Welt besiegt. Als Inspiration diente sein kommender Gegner.

Mischa Zverev
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Mischa Zverev

Aus Melbourne berichtet Philipp Joubert


Mischa Zverev lachte und warnte zugleich: "Das ist eine lange Geschichte." Dann erzählte der 29-Jährige sie natürlich trotzdem wieder, die Geschichte seiner Karriere. Zverev sprach über frühe Erfolge, die vielen Verletzungen, darüber wie er die Lust am Tennis wiederfand, als er mit jungen Spielern im Süden von Texas auf drittklassigen Turnieren arbeitete. Natürlich erwähnte er den zehn Jahre jüngeren Bruder Alexander, dessen Erfolge auch ihm Selbstvertrauen gaben, weshalb die Familienbande so eng und die beiden Zverevs so erfolgreich sind.

Schon seit seinem Erstrundensieg am vergangenen Montag war Mischa Zverev der heimliche Star des Medienzentrums bei den Australian Open. Geduldig, eloquent und charmant, erst auf Englisch und dann auf Deutsch, immer wieder hatte Zverev die gleichen Fragen beantwortet. Am Anfang der Woche waren es vor allem noch Erklärungen für den erstaunlichen Erfolg von Alexander gewesen, die gerade britische und amerikanische Journalisten interessiert hatten.

Jetzt sollte Zverev erklären, wie ein 29-Jähriger, der vor drei Jahren nicht einmal unter den besten 1000 Spielern der Welt stand, die moderne Tennismatrix geknackt hatte. Schließlich sind große Siege als Serve-and-Volley-Spieler in Zeiten von langsamen Plätzen und moderner Schlägertechnologie fast unmöglich.

"Das beste Spiel meines Lebens"

Mit 119 Netzangriffen hatte der Hamburger am Sonntagnachmittag Andy Murray 7:5 5:7 6:2 6:4 besiegt. "Das war sicherlich das beste Match meines Lebens," sagte Zverev. "Vor allem wenn man die Umstände berücksichtigt, bei einem Grand Slam Turnier und gegen die Nummer eins der Welt." Die Netzangriffe, sie waren der sichtbarste Ausdruck eines verzauberten Nachmittages für Zverev. Vor allem die Variationen beim Flugball zogen das Publikum schnell auf seine Seite.

"Mischa" - immer wieder riefen Zuschauer den Namen, nachdem er Volleys abtropfen ließ und sie anschließend tief ins Feld schob oder vom Körper wegdrückte. Gegner Murray gilt gemeinhin als bester Konterspieler der Welt, niemand schiebt Passierschläge so akkurat und gefühlvoll am Gegner vorbei. Doch gerade in den Sätzen drei und vier erinnerte Zverev an die Zeichentrickfigur Inspektor Gadget. Wo auch immer Murray den Ball platzierte, der Schläger von Zverev war schon da.

So effektiv und ästhetisch gefällig das Netzspiel von Zverev auch war, der entscheidende Faktor lag im Rückschlag des Deutschen. Nur 36 Prozent der Punkte konnte Murray gewinnen, wenn er über den zweiten Aufschlag gehen musste. Eine sehr niedrige Zahl für einen Spieler vom Kaliber Murrays und Ausdruck der schnellen, direkten Returns von Zverev. Oft stand der Deutsche im Feld. "Wir hatten auch ein paar längere Ballwechsel von der Grundlinie" blickte Zverev zurück. "Er mag es, wenn man ihm schnelle Bälle gibt. Daher habe ich versucht, das Tempo ganz langsam zu halten und ihm nicht zu viele Bälle in derselben Höhe oder in derselben Geschwindigkeit zu geben."

Zverev hatte den Tunnel zwischen Stadion und Kabine gerade erst betreten, um sich dort von John McEnroe als neuen Lieblingsspieler begrüßen lassen, wie er später lachend erzählte, da saß Murray schon im Pressekonferenzraum. Ruhig sah der Brite aus, nicht so niedergeschlagen wie nach ähnlichen Überraschungsniederlagen. Murray verteilte direkt Lob an seinen Gegner: "Er hat einfach fantastisch gespielt, vor allem als es am Ende richtig eng wurde. Ich hatte zwar in den ersten beiden Sätzen Chancen. Aber danach war er der bessere Spieler."

Federer als Ansporn für Zverev

Für Murray, so sehr er auch die Ausnahmeleistung Zverevs ohne Einschränkungen anerkannte, ist die Niederlage doppelt bitter. Der Brite hätte nicht nur in der Weltrangliste davonziehen, seine Position als Nummer eins auf absehbare Zeit festigen können. Durch das Ausscheiden von Novak Djokovic war er nach fünf Finalniederlagen in Melbourne auch der klare Favorit auf den ersten Australian-Open-Sieg seiner Karriere gewesen.

So bleibt nach Tag sieben ein Tableau, wie es im letzten Jahrzehnt des Herrentennis aus der Mode gekommen ist. Mit Murray und Djokovic sind die beiden besten Spieler der Welt ausgeschieden. Rafael Nadal, Roger Federer und Stan Wawrinka sind die einzig verbliebenen Grand-Slam-Sieger. Spieler wie Grigor Dimitrov und Nick Kyrgios werden zwar schon seit Jahren als kommende Stars ausgerufen. Aber eine neue Weltordnung im Tennis konnten sie noch nicht etablieren.

Für Mischa Zverev geht es am Dienstag gegen Federer. Der konnte trotz sechsmonatiger Verletzungspause bei seinem Sieg gegen Kei Nishikori erneut überzeugen. Zverev hatte Federer beim Siegerinterview als Lieblingsspieler bezeichnet und zum Wochenbeginn erzählt, wie ihn der Finalauftritt Federers bei den US Open 2015 angespornt hatte: "Er hat damals unglaubliches Tennis gespielt. Obwohl ich etwas jünger bin, hat er ein Zeichen für so Leute wie uns gesetzt. Da wollte ich halt auch hart weiter trainieren und arbeiten." Sollte Zverev auch noch Federer besiegen - das Chaos in der Tenniswelt wäre perfekt.



insgesamt 3 Beiträge
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globaluser 22.01.2017
1. Glückwunsch, aber eine Frage...
Den Zusammenhang zwischen langsamen Plätzen und dem serve and volley Spiel kann auch ich als Laie nachvollziehen. Vielleicht kann jemand, der sich mit der Materie auskennt, erklären, was sich da in der Schlägertechnologie getan hat.
Silversurfer2000 22.01.2017
2. Die modernen Schläger ...
... erlauben wesentlich härtere Grundlinienschläge als früher, der Spieler am Netz wird leichter passiert. Und da die modernen Schläger wesentlich leichter sind, kann der Verteidiger in letzter Sekunde den Schläger mit dem Handgelenk rumreißen, so dass der am Netz stehende Angreifer kaum noch reagieren kann. In Summe hat das dazu geführt, dass es kaum noch Serve-and-Volley-Spieler gibt, bzw. insgesamt die Netzangriffe erheblich abgenommen haben.
bza99 22.01.2017
3. Service and Volley ... besser geht es nicht
Als Schweizer und somit überzeugter Federer Fan muss ich sagen: Das heutige Match von Zverev gegen Murray war eines der besten Spiele, dass ich seit langem gesehen habe. Endlich wieder mal jemand der Service and Volley spielt. Eine Augenweide .... freue mich auf den Viertelfinal Federer-Zverev.
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