Mutterschaft im Profisport "Ich dachte, meine Karriere sei vorbei"

Was passiert, wenn Sportstars Mütter werden? Die frühere Weltranglistenerste Victoria Azarenka glaubte, sie spiele nie wieder Spitzentennis. Dann machte sie Druck auf die Regelhüter.

Victoria Azarenka: "Es fühlte sich an wie ein Segen, aber ich wollte immer noch meine eigenen Träume und meine eigene Karriere haben."
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Victoria Azarenka: "Es fühlte sich an wie ein Segen, aber ich wollte immer noch meine eigenen Träume und meine eigene Karriere haben."


Victoria Azarenka erinnert sich noch daran, wie sie am Telefon weinte. Anfang 2016 erzählte die weißrussische Tennisspielerin und ehemalige Weltranglisten-Erste ihrer Mutter von ihrer Schwangerschaft. Damals war sie die Nummer sechs der Welt, hatte gerade ihren 20. WTA-Titel gewonnen. Sie weinte am Telefon, weil sie glaubte, dass es sie als Profisportlerin von nun an nicht mehr geben werde.

"Ich dachte, meine Karriere sei vorbei. Ich würde nie wieder Tennis spielen." Das hat Azarenka gerade der BBC in einem bemerkenswerten Interview erzählt. Darin spricht die 29-Jährige über das Thema Mutterschaft im Spitzensport, ihre Ängste um ihre sportliche Laufbahn, und wie sie schließlich doch das Comeback schaffte.

Der erste Schock über die Schwangerschaft habe sich zwar bald in positive Gefühle gewandelt, sie stellte sich aber die Frage, ob sie wieder ihr Leistungsniveau erreichen würde, sagte Azarenka: "Es fühlte sich an wie ein Segen, aber ich wollte immer noch meine eigenen Träume und meine eigene Karriere haben."

Im Dezember 2016 brachte sie ihren Sohn Leo zur Welt. Schon im Juni 2017 kehrte Azarenka auf die Tennis-Tour zurück und schaffte es in Wimbledon gleich bis in die vierte Runde. "Ich bin mir sicher, dass viele Frauen das anders sehen, aber ich fühlte mich so viel besser nach der Schwangerschaft", sagte Azarenka. "Ich fühlte mich physisch so viel stärker und mein Körper wurde so viel besser. Ich hatte das Gefühl, dass mein Körper endlich zu einer Frau herangereift war."

Sorgerechtsstreit warf die Weißrussin zurück

Azarenka tritt bei den French Open an, die am Sonntag mit der ersten Runde beginnen. Aktuell belegt sie Platz 44 der Weltrangliste. Dass sie noch nicht wieder komplett in die absolute Weltspitze zurückgekehrt ist, hat auch private Gründe: 2017 verzichtete sie aufgrund eines Sorgerechtsstreits um ihren Sohn auf den Start bei den US Open. Bis zur Beendigung des Rechtsstreites Mitte 2018 durfte ihr Sohn Kalifornien, wo beide leben, nicht verlassen. Azarenka nahm erst danach wieder regelmäßig an Turnieren außerhalb des US-Bundesstaats teil.

Die Zahl von Profisportlerinnen, die eine Babypause machen und danach erfolgreich zurückkehren, ist überschaubar. Die weißrussische Biathletin Darya Domracheva kehrte 2017 schon drei Monate nach der Geburt ihrer Tochter in den Weltcup zurück. Grit Jurack, Deutschlands Rekord-Handball-Nationalspielerin, bekam während ihrer aktiven Zeit ein Kind, kehrte schon neun Wochen nach der Geburt wieder zurück und gewann kurz darauf die Champions League. Besonders erfolgreich waren auch Isabell Werth, die fünfmalige Olympiasiegerin im Dressurreiten, und Birgit Fischer, mit acht Gold- und vier Silbermedaillen die erfolgreichste deutsche Olympionikin.

Auch im Tennis schafften Sportlerinnen ihr Comeback: Kim Clijsters kehrte 2009 nach zwei Jahren Pause auf den Court zurück und gewann mit einer Wildcard die US-Open. Sie wiederholten den Erfolg 2010 und siegte 2011 bei den Australian Open. Lindsay Davenport, die frühere Weltranglisten-Erste, gelang 2007 nach einem Jahr Babypause ihr 52. Turniersieg. Doch es gab auch immer wieder Beschwerden darüber, dass der Wiedereinstieg durch die Regeln erschwert werde.

Der Kampf um einen besseren Schutz von Müttern

In Deutschland gibt es den Fall Tatjana Maria, die 2013 ein Kind bekam und vier Monate später wieder spielte. Sie habe aber "bei Null" anfangen müssen, sagte sie in einem "Deutschlandfunk"-Interview. Von Rang 129 rutschte sie während ihrer Babypause fast auf Rang 400 ab.

Nicht zuletzt gibt es auch das Beispiel Serena Williams: Die 23-fache Grand-Slam-Gewinnerin bekam im September 2017 eine Tochter und schaffte es 2018 ins Finale von Wimbledon und ins Endspiel der US Open. Heute steht sie in der Weltrangliste schon wieder auf Platz zehn.

Mit Serena Williams, ihrer Schwester Venus Williams und anderen aus dem WTA-Spielerinnen-Rat kämpfte Azarenka um einen besseren Schutz von jungen Müttern im Tenniszirkus. Mit Erfolg. Seit dieser Saison können Spielerinnen nach einer Babypause (oder einer Verletzung) bei zwölf Turnieren ihrer Wahl gemäß ihrer Platzierung vor der Pause antreten. Das gilt für drei Jahre. Zuvor waren es nur acht Turniere. Außerdem müssen sie in der ersten Runde nicht gegen eine gesetzte Spielerin antreten.

"Wir haben die Macht, die Regeln zu ändern, und wir haben es geschafft", sagte Azarenka. Sie wolle sich jetzt weiter für die Rechte von Müttern im Sport einsetzen: "Es soll mein Vermächtnis sein, dass ich dafür kämpfe, dass Frauen sich wohler fühlen, diese Klischees brechen und die Nadel ein wenig nach vorne bewegen." Mutterschaft und Spitzensport, das müsse sich keineswegs ausschließen.

mey

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monsieurlechef 20.05.2019
1. Väterzeit
Sollte natürlich auch für Männer in Väterzeit gelten.
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