Tennis-Wetten Alle glauben an Betrug - keiner kann's beweisen

Deutsche Tennisprofis stehen unter Verdacht, Spiele verschoben zu haben. Beim DTB ärgert man sich zwar über die anonymen Vorwürfe - doch kaum jemand bezweifelt, dass eine Wettmafia am Werk ist.

Der Mann, der das deutsche Tennis erschüttert, gibt sich nicht zu erkennen. Mit künstlich verzerrter Stimme packte gestern ein deutscher Tennisprofi im WDR über den Wettskandal auf der ATP-Tour aus. Der anonym bleibende Insider behauptete, dass manche Profis durch Betrug höhere Summen kassieren als mit ihrem eigentlichen Preisgeld. Auch deutsche Spieler sollen an den Manipulationen beteiligt sein.

Dieser Vorwurf sorgt beim Deutschen Tennis-Bund (DTB) für große Aufregung - nicht nur wegen der vermeintlichen Manipulationen. "Die Feigheit dieser Person hat mich sehr geärgert", sagte DTB-Präsident Georg von Waldenfels SPIEGEL ONLINE. "Statt einen wirklichen Beitrag zur Aufklärung zu leisten und Namen zu nennen, helfen diese anonymen Beschuldigungen nicht weiter. Das führt doch zu keiner Lösung des Problems", so von Waldenfels

Der 63-Jährige hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Sollte bewiesen werden, dass deutsche Profis Spiele verschoben haben, wäre dies ein harter Schlag für seinen Verband. Dennoch zeigte sich der Präsident wenig überrascht: "Nachdem internationale Spieler von dubiosen Angeboten gesprochen haben, musste man davon ausgehen, dass so etwas auch in Deutschland möglich ist. Kriminelle Energie macht vor nationalen Grenzen ja nicht halt", sagte von Waldenfels.

Dass es Wettbetrug im Profitennis gibt, lässt sich kaum bestreiten. Zu viele Spieler haben schon von merkwürdigen Offerten berichtet: Dazu gehören der Schotte Andy Murray, der Österreicher Werner Eschauer, die Franzosen Michael Llodra und Arnaud Clement. Dem Weltranglistendritten Novak Djokovic sollen nach dessen Angaben über 150.000 Euro für eine Niederlage geboten worden sein.

Der internationalen Spielervereinigung ATP liegt eine Liste mit 140 Spielen vor, die zwischen Juli 2002 und September 2007 manipuliert worden sein sollen. Angeblich tauchen darauf auch sieben deutsche Profis auf. Die Verbände haben bei der Jagd auf die Betrüger jedoch ein großes Problem: Sie können ihnen kaum etwas beweisen und sich nur auf Indizien aus der Wettbranche verlassen. Denn wie wollen die Fahnder erkennen, ob ein Doppelfehler absichtlich produziert wurde?

"Das ist das grundsätzliche Problem bei der ganzen Geschichte. Es lässt sich einfach nichts nachweisen“, sagte DTB-Sportdirektor Klaus Eberhard. Der frühere Trainer des deutschen Fed-Cup-Teams glaubt nicht, dass es Wettbetrug bei großen Turnieren gibt: "Das macht bei den hohen Preisgeldern und den vielen Weltranglistenpunkten doch gar keinen Sinn", so Eberhard. Bei kleineren Veranstaltungen dagegen hält er Wettbetrug dagegen für durchaus möglich.

Es war schließlich auch ein Turnier der kleineren Sorte, bei dem im August der Wettskandal öffentlich wurde. Im polnischen Sopot hatte Nikolai Dawidenko gegen den Argentinier Martin Vassallo Arguello im dritten Satz wegen einer Fußverletzung aufgegeben. Zuvor waren beim Wettanbieter "Betfair" ungewöhnlich hohe Summen gegen den favorisierten Russen gesetzt worden. Das britische Unternehmen war alarmiert und erklärte alle Einsätze für ungültig.

"Wir hatten bei diesem Spiel einen Umsatz von etwa fünf Millionen Euro, doppelt so viel wie bei vergleichbaren Matches in Sopot"“, sagte Peter Reinhardt, Deutschland-Chef bei "Betfair". Das Unternehmen übergab daraufhin alle Daten an die ATP, die eine Untersuchung gegen Dawidenko einleitete – bislang ohne Ergebnis.

Schiedsrichter verhöhnt Tennis-Star

Der 26-Jährige beteuerte seine Unschuld, doch sein Ruf ist ruiniert. Wie sehr der Skandal an Dawidenkos Nerven zehrt, wurde vergangene Woche beim Masters-Turnier in Paris sichtbar. Dort präsentierte sich der Titelverteidiger völlig verunsichert, produzierte Doppelfehler in Serie und schied in der dritten Runde 2:6, 2:6 gegen Marcos Baghdatis aus. Während des Matches musste er sich von Schiedsrichter Cedric Mourier absurde Vorschläge anhören: "Schlag doch auf wie ich. Wenn du das tust, spielst du den Ball einfach nur in die kleine Box hinein. Das ist alles", riet Mourier dem verdutzten Dawidenko beim Seitenwechsel.

Das Schicksal des Weltranglistenvierten, der sich nun für jede schwache Leistung verteidigen muss, dürfte auch anderen Profis blühen, die unter Verdacht geraten. Darin sieht Eberhard eine große Gefahr für den Sport: "Das wäre ja Wahnsinn", so der DTB-Sportdirektor, "es darf nicht so weit kommen, dass sich Spieler für jede verschlagene Vorhand rechtfertigen müssen".

Daher sei es für den DTB umso wichtiger, die Aufklärungen im Wettskandal voranzutreiben. Denn die Versuchung, zu betrügen, wird auch in Zukunft groß sein. "Tennis ist in Mitteleuropa hinter Fußball der zweitgrößte Wettmarkt", sagte Experte Reinhardt. Fachleute sprechen von Milliarden Euro, die umgesetzt werden.

Maulkorb für Profis

Angesichts dieser Summen und angesichts eines möglichen kriminellen Netzwerks mit mafiösen Strukturen wird auch verständlich, dass ein Profi im Fernsehen lieber anonym auspackt. Die Kritik von Waldenfels am TV-Interview scheint das eigentliche Thema zu verfehlen.

Der DTB-Präsident setzt nun auf die Zusammenarbeit mit dem internationalen Tennisverband ITF und der ATP. Doch selbst die mächtige Spielervereinigung wirkt hilflos und setzt zunächst nur auf Abschreckung: Profis müssen "unmoralische Angebote" innerhalb von 48 Stunden melden, sonst droht ihnen eine lebenslange Sperre.

Einstweilen scheint es, als ob den Aktiven ein Maulkorb verpasst wird. Die Spieler, so rät die ATP dringend, sollten sich in nächster Zeit nicht mehr öffentlich zum Thema Wettbetrug äußern.