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23. Januar 2018, 18:20 Uhr

Tennys Sandgren bei den Australian Open

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In der Weltrangliste steht Tennys Sandgren nur auf Platz 97, in Melbourne kämpft er um den Halbfinaleinzug. Eine Heldengeschichte? Ja, wären da nicht Tausende gelöschte Tweets.

Ja, er heißt wirklich so. Tennys Sandgren spielt Tennis und das ziemlich gut. Er steht im Viertelfinale der Australian Open. Dass Tennys Sandgren auch noch aus Tennessee stammt - geschenkt. Dass es sich lohnt, sich nicht nur mit Sandgrens Potenzial für Wortspiele zu beschäftigen, sondern mit der Person, hat der US-Amerikaner in den vergangenen Tagen in Melbourne gezeigt.

Er besiegte zuletzt Österreichs Dominic Thiem in fünf Sätzen. Es war sein zweiter Top-Ten-Erfolg nach dem klaren Sieg über den nach einer Knie-OP noch strauchelnden Stan Wawrinka.

Sandgren steht im Viertelfinale der Australian Open, und statt eines Matchs zwischen Dominic Thiem und Novak Djokovic heißt das Spiel in der Nacht auf Mittwoch nun Sandgren gegen Hyeon Chung - die Nummer 97 gegen die 58 der Welt. Zuletzt standen sich beim Wimbledon-Turnier 2008 mit Rainer Schüttler gegen Arnaud Clement zwei Spieler außerhalb der Top 50 in einem Grand-Slam-Viertelfinale gegenüber, in Melbourne muss man gar ins Jahr 1991 und auf Patrick McEnroe und Cristiano Caratti zurückblicken.

Spätstarter in der Weltspitze

Sandgren ist mit seinen 26 Jahren kein Newcomer im Tenniscircuit. Er kam über das amerikanische College-Tennis auf die Tour, es ist ein Weg, den auch die deutschen Profis Benjamin Becker oder Yannick Hanfmann gegangen sind: Studium in den USA, oft dank eines Stipendiums, recht spät dann erst der Einstieg ins Profitennis, in Sandgrens Fall im Alter von 20 Jahren. Ein Jahr später knackte er zwar die Top 300 der Welt, zum großen Durchbruch kam es im Anschluss jedoch nicht, 2014 fiel Sandgren aufgrund einer Hüft-Operation lange aus.

Zwar steht Sandgren mittlerweile unter den ersten einhundert der Welt, aber gäbe es seinen Vornamen nicht, hätten viele noch nie von ihm gehört. Vor den diesjährigen Australian Open hatte er bei den Grand-Slam-Turnieren noch kein Spiel gewonnen, überhaupt auf Tourlevel erst zwei Matches, ein Mal davon dank der Aufgabe seines Gegners.

Nun der Lauf in Melbourne, den Sandgren recht gefasst annimmt. "Ich weiß, dass ich gut genug bin, um das zu leisten", sagt er. Sandgren ist zudem erfahren genug, um zu wissen, wie er sich seine Kräfte einteilen muss. Jüngere Spieler verausgaben sich nach ersten großen Erfolgen häufig beim Jubeln, so Sandgren.

"Das passt im Tennis nicht zusammen, vor allem nicht in einem Match über drei Gewinnsätze. Da hast du nicht genug Energie, um sie bei Gefühlsausbrüchen zu verschwenden", gibt sich Sandgren weise, obwohl er vor den Australian Open erst zwei Matches über den Best-of-Five-Modus gespielt hatte.

Djokovic-Doppelgänger Chung: Einer aus der #NextGen

Sein kommender Gegner feierte seinen noch größeren Erfolg noch gefasster. Hyeon Chung ist mit 21 Jahren zwar jünger, aber auf Major-Ebene erfahrener. Im Gegensatz zu Sandgren wird er als kommender Mann für die Spitze gelabelt und kam in Australien mit den Lorbeeren des Sieges bei den Next Gen ATP Finals an.

Das Event in Mailand brachte im November die acht besten U21-Spieler zusammen, nur der Beste unter ihnen fehlte, weil er bereits für die "echten" ATP Finals qualifiziert war: Alexander Zverev. Ausgerechnet ihn nahm Chung in Runde drei aus dem Rennen, einerseits weil Zverev nach einer 2:1-Satzführung einbrach - andererseits, weil Chung groß und nervenfrei aufspielte.

Auch gegen Novak Djokovic bewies der Südkoreaner spielerische Klasse, er wirkte teilweise wie das Ebenbild seines Vorbilds gegenüber zu dessen besten Zeiten. "Wenn er in Not war, hat er unglaubliche Bälle ausgepackt", lobte der ehemalige Weltranglistenerste und ließ einen Satz folgen, den seine Gegner jahrelang nach Matches gegen ihn gepachtet hatten: "Von der Grundlinie war er wie eine Wand."

Sandgren oder Chung - einer von den beiden wird also ins Halbfinale einziehen und somit die größte Überraschung des Turniers werden, nach dem Briten Kyle Edmund, der nach seinem Sieg über Weltmeister Grigor Dimitrov auch erstmals in der Vorschlussrunde eines Majors steht.

Fragwürdige Twitter-Aktivitäten

Die eigentlich schöne Geschichte vom Überraschungsturnier wird jedoch getrübt durch ein weniger schönes Thema, das seit Montag in Melbourne die Runde macht. Sandgren werden, aufgehängt an seinen Twitter-Aktivitäten, Sympathien für die Alt-Right-Bewegung in den USA nachgesagt. Sandgren folgt dort vielen Personen mit sehr rechten Ansichten, klickte bei deren Äußerungen oft den "Gefällt mir"-Knopf, kommentierte oder teilte sie.

In der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Thiem wies er diese Anschuldigungen zurück, "welche Informationen man aufnimmt, sagt nicht aus, was man denkt", sagte Sandgren. Er finde manche Inhalte interessant, unterstütze diese Bewegung aber keinesfalls. In einem späteren Interview sprach er davon, gerne alle Seiten zu hören und lernen zu wollen, weil er erst 26 Jahre alt sei.

Bis zum Dienstagvormittag waren viele seiner rund 5.000 Tweets aus den vergangenen fünf Jahren gelöscht.

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