Speer-Gold für Röhler Der große Wurf

Er war der große Favorit, und er hielt dem Druck stand. Thomas Röhler gewann Gold im Speerwurf - und polierte damit auch die magere Bilanz der deutschen Leichtathleten auf.

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Aus Rio de Janeiro berichtet Michael Wilkening


Thomas Röhler bedient sich eines Tricks, um den Speer weiter zu werfen als die Konkurrenten. Der 24-Jährige sucht sich einen Punkt im Stadion, auf den er zielt, um einen perfekten Winkel für die Flugkurve zu finden.

Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro war sein anvisiertes Ziel die Goldmedaille. Er hat es erreicht.

Röhler stand nach dem Wettkampf im Bauch des "Estádio Olimpico João Havelange", und vor seiner Brust baumelte die Goldmedaille. Ein Bild, das dem Deutschen Leichtathletik-Verband die Spiele gerettet hat.

Es hatte längst Kritik gegeben, weil nach den Schwimmern, die in Rio gänzlich ohne Medaille geblieben waren, mit den Leichtathleten auch die deutschen Starter der zweiten olympischen Kernsportart hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren. Es hatte Gold und Bronze im Diskuswurf der Männer gegeben, anschließend reichte es zu keiner Medaille mehr, ehe Röhler der aufkeimenden Debatte jetzt die Schärfe genommen hat.

"Druck lastete auf den Schultern"

"Das war schon eine schwierige Woche, das muss man sich eingestehen", sagte Röhler: "Da gab es schon einen Druck, der uns heute auf den Schultern gelastet hat." Am finalen Tag der Wettbewerbe im Olympiastadion sollten die Speerwerfer die Bilanz schönen. Schließlich wurden alle drei deutschen Starter zu den Anwärtern auf eine Medaille gezählt, Röhler hatte in dieser Saison sogar als einziger Athlet weiter als 90 Meter geworfen. Der 24-Jährige war der Favorit und wurde der internen und externen Erwartung gerecht. "Ich bin hierhergekommen, um zu gewinnen", war die klare Ansage gewesen.

Dabei hatte es Gründe für Röhler gegeben, Zweifel zuzulassen. In den Wochen vor dem Flug nach Rio hatte er Probleme in der Rückenmuskulatur, die sein Leistungsvermögen einschränkten. Bei den Europameisterschaften Anfang Juli reichte es deshalb nur zum fünften Rang, obwohl er nur zehn Tage zuvor im finnischen Turku mit einem Wurf auf 91,28 Meter eine neue Bestleistung aufgestellt hatte. Selbst im Training in Rio hatte er die Schmerzen noch gespürt, die aber rechtzeitig abgeklungen waren. "Ich bin heute mit einem guten Gefühl aufgewacht", sagte Röhler nach der Siegerehrung.

Dieses gute Gefühl hatte ihn während des Wettkampfes aber noch einmal kurz verlassen, als Julius Yego im ersten Versuch eine Weite von 88,24 Meter vorlegte. Der Weltmeister aus Kenia hatte keine gute Saison gehabt und schockierte die Konkurrenz im Olympiastadion, weil er seine Saisonbestleistung um fast vier Meter verbesserte. "Julius hat mich ganz schön gefordert", sagte Röhler, der mit 87,40 Meter in den Wettbewerb einstieg und damit auf dem zweiten Platz lag. Eine Medaille, das deutete sich früh an, war mit dieser Weite sicher, doch Silber reichte Röhler nicht. Röhler wollte Gold.

Ein Foto, das er vor der Qualifikation mit seiner Kamera aus dem Innenraum des Olympiastadions aufgenommen hatte, half ihm schließlich, Yego noch abzufangen und mit 90,30 Meter im fünften Durchgang den zweitweitesten Wurf der olympischen Geschichte zu erzielen. Anhand des Fotos suchte er sich einen Punkt im Stadion, auf den er mit seinem Speer zielte. "Das war diesmal eine Treppe", verriet er seinen Trick, um den Speer im richtigen Winkel auf die Flugbahn zu schicken.

"Ich habe mich darauf konzentriert, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren", erzählte der Goldmedaillen-Gewinner. Was meist als Metapher im Sprachgebrauch von Sportlern verwendet wird, war bei Röhler wörtlich gemeint. Weil er es im fünften Versuch schaffte, exakt auf die Treppe zu zielen, flog der Speer den perfekten Bogen und stach bei etwas mehr als 90 Metern in den Rasen des Olympiastadions ein. Yego, der seinen Wettkampf wegen einer Zerrung im Oberschenkel nach dem vierten Versuch beenden musste, hatte keine Möglichkeit mehr zu reagieren, alle anderen Finalisten waren dazu nicht in der Lage.

Thomas Röhler hatte Gold im Speerwurf gewonnen, 44 Jahre nach dem Triumph von Klaus Wolfermann bei den Spielen in München. "Wenn man diese Medaille in den Händen hält, darf man als Speerwerfer auch einmal das Wort perfekt in den Mund nehmen", sagte Röhler und berührte das Edelmetall, das an einem Band um seinen Hals hing.



insgesamt 11 Beiträge
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taglöhner 21.08.2016
1. Parsifal
Er heilt die Wunden der Deutschen Leichtathletik und des gesamten sauberen Sports ein wenig, indem er das kenianische Formwunder schlug.
johannesraabe 21.08.2016
2.
Starke Leistung von Röhler. Zu den angesprochenen Problemen: Wenn man die Ist-Förderung und die Ist-Fähigkeit der Athleten zusammenfasst, kommt man genau zu dem mageren Ergebnis. Wer Medallien in Rio sehen wollte, muss jetzt Geld für 2024 investieren. Kein Geld keine Medallien. Wo haben wir Medallien, Kanu, Rudern, Schießen, Fußball, Bahnrad. Hier haben wir auch optimalere Bedingungen geschaffen.
zaunreiter35 21.08.2016
3. Ein ganz Großer
dieser Thomas Röhler. Meinen herzlichen Glückwunsch zum Olympiasieg! Was die Leichtathletik ansonsten angeht: 6. Platz für Gesa Krause mit deutschem Rekord über 3000m-Hindernis 4. Platz für Malaika Mihambo im Weitsprung mit PB 4. Platz für Betty Heidler im Hammerwurf 5. Platz für Carolin Schäfer im Siebenkampf 6. Platz für Nadine Müller im Diskuswurf 4. Platz über 4x100m der Frauen 5. Platz für Christopher Linke im 20km Gehen 4. Platz für Kai Kazmirek im Zehnkampf 5. Platz für Cindy Roleder über 100m-Hürden Das sind doch auch gute Ergebnisse!
exilant64 21.08.2016
4. Wie viel denn noch?
Zitat von johannesraabeStarke Leistung von Röhler. Zu den angesprochenen Problemen: Wenn man die Ist-Förderung und die Ist-Fähigkeit der Athleten zusammenfasst, kommt man genau zu dem mageren Ergebnis. Wer Medallien in Rio sehen wollte, muss jetzt Geld für 2024 investieren. Kein Geld keine Medallien. Wo haben wir Medallien, Kanu, Rudern, Schießen, Fußball, Bahnrad. Hier haben wir auch optimalere Bedingungen geschaffen.
Bereits jetzt investiert der Bund jährlich über 300 Mio. in die Sportförderung. Das sind mehr als 7 Mio. pro Medaille. Dazu kommt noch die Sportförderung durch Länder und Kommunen sowie Mäzene und Sponsoren. Man muss sich schon entscheiden: will man Staatssport wie in der DDR oder mit seinen ganzen Exzessen jetzt in Russland, dann muss man konsequent in der Sichtung beginnen und darauf aufbauen und tatsächlich viel Geld, aber dann bitte zielgerichtet, ausgeben. Da freue ich mich in Zusammenhang mit der Sichtung schon auf die erste Klage von Eltern, deren Moppel von der Reckstange fällt... Will ich Pluralismus und freie Entscheidung des Einzelnen muss ich bei abnehmender junger Bevölkerung auch damit rechnen, im Medaillenspiegel nicht mehr ganz vorne zu sein. Ich bin bei Ihnen, dass optimale Bedingungen geschaffen werden sollten. Bei dem Gedanken aber, Sportverbände wie die Schwimmer noch mehr zu fördern, obwohl bei denen eher Rettungsschwimmer erforderlich sind, gruselt es mich als Steuerzahler.
rumsi 21.08.2016
5. Phänomenal..
sein Speerwurf. Was mir noch auffiel ind wohl bemerkenswert ist, dass es mit Röhler jemand geschafft hat, der eine exzellente Technik besitzt und kein Körpergewicht hat, das an eine "Kraftmaschine" aus dem Anabolikakeller erinnert. Einfach toll.Glückwunsch.
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