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Wieses Wrestling-Debüt Die Maschine hält mit

Früher fing er Bälle, jetzt rammt er Gegner aus drei Metern Höhe auf den Ringboden: Tim Wiese hat sein Debüt als Wrestler gefeiert. Der Ex-Torhüter gab sich ziemlich brav, das Publikum war dennoch begeistert.

Vor ihm sind schon Einhörner in psychedelisch schillernden Lackanzügen durch den Ring getobt, ein maskierter Kämpfer im goldenen Ganzkörperdress hatte seinen Gegner hypnotisiert und eine Dame das Publikum mit dem schönen Satz begrüßt: "Was für ein erbärmliches Dorf das hier ist. Ich bin wirklich überrascht, wie scheiße München ist!"

Klassisches Wrestling-Entertainment, aber das Publikum hatte vor allem auf ihn gewartet: Tim Wiese, pardon, "The Machine".

Nachzulesen war das auf Wieses Muskelshirt, Gold auf Weiß auf Sonnenstudiobraun stand dort sein Kampfname, als er mit zwei Teamkollegen ("Sheamus" und "Cesaro") gegen die "Shining Stars" und "Bo Dallas" zu seinem Debüt antrat. Dazu eine neue Frisur, eine knallenge Jeans und Turnschuhe - so sieht der neue Tim Wiese aus, vergleichsweise langweilig also, gemessen an Wrestling-Maßstäben. Das Publikum hatte es kaum erwarten können, den Ex-Torhüter bei seinem ersten Einsatz zu sehen. Als Wiese dann kam, wurde er durchgehend mit "Wiese, Oh-hoooooo"-Rufen gefeiert.

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Tim Wieses Wrestling-Debüt: Die Maschine ist angelaufen

Foto: Adam Pretty/ Bongarts/Getty Images

Die Show beginnt

Dass diese ziemlich zart klangen, lag am Altersschnitt in der bei Weitem nicht ausverkauften Olympiahalle: Im Vergleich etwa zu Boxkämpfen der Klitschkos war der Testosteronspiegel deutlich niedriger, viele Kinder und Jugendliche waren mit der vorgeschriebenen Begleitung gekommen. Auch der erwachsene Wrestling-Zuschauer grölt weniger als der Durchschnittsfan in den Bundesliga-Stadien. Nimmt man München als Maßstab, geht zum Wrestling eher der Typ Nerd denn der Typ Superproll.

Nicht nur die Experten waren gespannt, wie Wiese sich schlagen würde, oder besser gesagt: wie er es so aussehen lassen würde, als schlüge er zu.

Schließlich ist alles am Wrestling Show. Nicht nur die Sieger stehen von Anfang an fest, auch die einzelnen Kampfelemente sprechen die Akteure im Vorfeld ab. Sonst wäre es viel zu gefährlich - vor allem für Anfänger wie Wiese.

Video: Wieses Metamorphose zum Wrestler

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2014 hatte er mal einen Gastauftritt am Rande einer WWE-Veranstaltung. Er wollte damals noch gar nicht kämpfen, nur sich präsentieren, den neuen Wiese in der Massephase, knapp 140 Kilogramm schwer. Es war ein Test, ob die Leute Lust haben, sich diesen Typen im Ring anzuschauen. Sie hatten. Seitdem äußerte sich Wiese alle paar Wochen in der "Bild"-Zeitung zu seinen Plänen.

Im Juni diesen Jahres kündigte er tatsächlich an, in den Ring steigen zu wollen. Auch wenn alles nur Show ist - auch Show will gelernt sein.

Ab September trainierte Wiese in Orlando, Essen und Bremen für sein Debüt, Würfe, Schläge, Tritte und das So-tun-als-sei-man-getroffen-worden. "Brutal" sei das Training, richtig heftig, Wiese nahm mehrere Kilo Muskelmasse, zuvor mühsam draufgeschafft, wieder ab.

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Wrestling-Legenden: Muskelberge mit Flair

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Er, der in seinem Leben mehr als eine Million Mal durch die Luft gesegelt und auf den Boden geknallt war, musste auch neu lernen, zu fallen. Bis vor zwei Jahren war der 34-Jährige als Torhüter bei Kaiserslautern, Werder Bremen und Hoffenheim Bällen hinterher gesprungen und war zwischenzeitlich sogar in der Nationalmannschaft gelandet. Die Fans in Bremen feierten ihn wegen seiner 1,93 Meter und seines Könnens als "Riese Wiese", die Fans der Gegner besangen ihn als "geilste Frau der Welt", weil er mal in einem pinkfarbenen Trikot spielte. Dem Hamburger Ivica Olic sprang er mit den Stollen voran ins Gesicht, bei Hoffenheim wurde er aussortiert, kassierte weiter gutes Geld und tat nicht so, als würde ihn das stören. Wiese fiel oft auf. Immer seltener, weil er gut hielt.

Lesen Sie hier den SPIEGEL-Artikel: Die wahre Geschichte des Tim Wiese

Wiese hat immer polarisiert als Mensch, jetzt geht es damit weiter als Maschine. Er wolle seine Gegner vernichten, hatte Wiese angekündigt, für ihn komme in seinem neuen Berufsleben nur die Rolle als der Böse infrage.

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Den Zuschauern gefällt es. Wiese gewinnt den Kampf natürlich und auch das entscheidende Duell. Dabei hechtet er in die Seile, schleudert Gegner durch die Luft und stürzt spektakulär zu Boden. Hat Wiese vielleicht tatsächlich Talent als Wrestler? Zumindest fällt er nicht negativ auf. Und es scheint ihm Spaß zu machen, am Ende steht er schnaubend und schwitzend auf den Ringseilen und reckt beide Hände gen Himmel. Ist das noch Show oder Erleichterung?

Wahrscheinlich beides.

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