Tischtennis-Nation China Minimalziel Weltmeister

Das chinesische Frauenteam steht schon wieder im Endspiel. Die Männer treten zur Stunde im Halbfinale gegen Deutschland an. China ist Abo-Weltmeister im Tischtennis, doch das Geheimnis ihres Erfolges ist weniger mysteriös als es scheint.

Von Klaus Teichmann, Bremen


Bremen – „Die Chinesen sind eine Macht für sich“, sagt Werner Schlager. Dennoch weiß der Österreicher: „Man kann sie aber auch schlagen.“ Er muss es wissen, schließlich hat er sie 2003 bei der WM alle abgehängt und ist Weltmeister geworden. Auf den ersten Blick verbirgt sich hinter den feurigen roten Trikots mit dem Kommunistenstern ein geheimnisvoller Mythos. Einsam und auf wundersame Weise schlagen sie für den Laien als anonyme asiatische Masse zu und holen Titel um Titel. Doch auch ihr Geheimnis lässt sich destruieren.

Weltranglistenerster Wang: Enorme Quantität der Qualität
DPA

Weltranglistenerster Wang: Enorme Quantität der Qualität

„Ich habe das Gefühl, dass die Chinesen sich in Europa immer etwas befangen und unwohl fühlen“, will Bundestrainer Richard Prause erkannt haben. Heute steht sein Team nach dem 3:0-Viertelfinalsieg gegen die Russen als nächstes dem Champion  gegenüber. „Ich vergleiche sie immer mit einem Schwergewichtsboxer, der versucht seinen Gegner gleich K.o. zu schlagen“, sagt Prause: „wenn dies aber nicht gelingt, werden auch sie nervös.“

Den Franzosen gelang dies am Samstag. 7:0 führte der Weltranglistenerste Wang Liqin schon gegen Damien Eloi. Doch dann stand es plötzlich 10:10, den nächsten Satz gab der Chinese sogar ab. Als Weltmeister Ma Lin 1:2 gegen Patrick Chila zurücklag, schien der Zeit reif, dass auch China sein erstes Einzel verlieren könnte. Der kleine Kraftprotz brüllte und tobte nach jedem gewonnen Ballwechsel, zitterte am ganzen Körper, tänzelte unruhig. Am Ende stand das 3:0 doch wieder. Doch die immense Anspannung war offensichtlich. Der Druck, der auf den chinesischen Spielern lastet, ist enorm - nicht zuletzt durch das eigene Lager.

Der interne Konkurrenzkampf um die begehrten Plätze im Nationalteam wird als härter beschrieben, als die eigentliche WM. „Dort ist Tischtennis der Volkssport Nummer eins. Die Quantität der Qualität ist einfach enorm“, beschreibt es der deutsche Cheftrainer Dirk Schimmelpfenning. Wang Hao ist die Nummer drei der Welt, gegen seinen potentiellen Gegner hat er das letzte Spiel verloren – prompt spielte gegen Frankreich Chen Qi. Der gilt als noch besser als die aktuellen Top-Drei, als nächstes Jahrhunderttalent. Auf der Bank sitz mit dem 17-jährigen Ma Long schon die nächste Generation.

Weltmeister war Deutschlands derzeit bester Tischtennisspieler Timo Boll noch nie, doch der Weltranglistenzweite kann mittlerweile gegen die scheinbar übermächtigen Asiaten bestehen. Vier Akteure aus ihrem fünfköpfigen Team hat der Weltcup-Sieger im aktuellen Klassement bereits hinter sich gelassen. Der Grund für die fernöstliche Dominanz ist vergleichsweise profan. „Weil sie schon in frühen Jahren sehr viel trainieren“, erklärt Boll.

Auch Wu Jiaduo bestätigt das. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr ist die deutsche Nationalspielerin in China aufgewachsen. Mit fünf, sechs Jahren würden die Kinder dort schon anfangen und gleich drei Stunden am Tag von gut ausgebildeten Trainern geschult. „Ab zwölf dann sechs Stunden mindestens“, sagt sie, „In Deutschland fängt man oft erst mit neun oder noch älter an. Das ist zu spät.“

Zudem ist das Fördersystem ein anderes, ein Vereinswesen gibt es nicht. Während hierzulande didaktisch oft nur mäßig kompetente Freiwillige sich dazu nötigen lassen den Jugendtrainer zu geben, werden in China nur kompetente Tischtennislehrer an den Nachwuchs gelassen. Dem wird von Kindesbeinen eine qualifizierte Technikschulung erteilt.

Außerdem gelten die Chinesen als Team, das sich am längsten und intensivsten auf eine WM vorbereitet – Methoden werden stets perfektioniert und es wird nach Innovationen gefahndet. „Dieses Jahr sind sie zum ersten Mal vor einer WM zu einem gemeinsamen Trainingslager ins Ausland gegangen“, zählt Schlager eine Neuerung auf. Öffentliche interne Ausscheidungsturniere sind ein weiteres Novum.

Das Land der Tischtennis-Asse öffnet sich immer mehr und ist auch an den Entwicklungen in Europa interessiert. China wandelt zwischen Öffnung und der gewohnten Abschottung und Disziplinierung. Nach ihrem Viertelfinalsieg saß das ganze Team einfach mitten im Publikum auf einer Treppe auf der Tribünenrückseite. Ein Star wurde hingegen jüngst aus dem Team geworfen, weil er betrunken war. Ein anderer musste live vor der gesamten Nation im Staatsfernsehen Abbitte leisten, weil er nach einer Niederlage den Schläger in die Ecke gefeuert hatte – eine Woche Militärlager plus eine Woche Landarbeit kamen außerdem dazu. „1995 war ich zum ersten Mal in China“, erzählt der Ex-Chinesen-Schreck Schlager, „was sich seitdem getan hat, ist ein Wunder. China wird weiter verwestlichen, außer von ganz oben wird die Reißleine gezogen.“



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.