Jörg Roßkopf im Interview Ist Deutschland eine Tischtennis-Nation, Herr Bundestrainer?

Früher war Jörg Roßkopf Weltklassespieler, heute ist er Tischtennis-Bundestrainer. Vor der Heim-WM spricht er über die übermächtigen Chinesen und neue Spielformen.

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    Jörg Roßkopf, Jahrgang 1969, war bis April 2010 aktiver Tischtennisspieler und wurde wenige Monate später Trainer der Nationalmannschaft. Im Doppel gewann Roßkopf mit Steffen Fetzner 1989 den WM-Titel - bis heute sind die beiden die einzigen deutschen Tischtennisweltmeister.

SPIEGEL ONLINE: Verspüren Sie schon Euphorie, Herr Roßkopf?

Roßkopf: Vorfreude auf jeden Fall, eine Heim-WM erlebt man nicht so oft.

SPIEGEL ONLINE: In der Bevölkerung hingegen ist davon noch nicht so viel zu spüren. Ist Deutschland eine Tischtennis-Nation?

Roßkopf: Sollte man meinen, bei unseren Erfolgen. Timo Boll gehört zu den wenigen Spielern, die jemals die Dominanz der Chinesen durchbrechen konnten. Auch davor haben schon deutsche Spieler Erfolge gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie zum Beispiel, als Sie 1989 gemeinsam mit Steffen Fetzner den WM-Titel im Doppel gewonnen haben. Aber Tischtennis ist immer eher eine Nischensportart geblieben.

Roßkopf: Schauen Sie sich doch die Berichterstattung an. Wenn man bei einer Weltmeisterschaft immer nur Halbfinale und Endspiel zeigt und die Vorgruppenspiele weglässt, ist das ein Problem. Nehmen Sie als zweites Beispiel das Skispringen: RTL hat den Sport in den Neunzigerjahren innerhalb kürzester Zeit bekannt gemacht und für einen Boom gesorgt. Oder Handball: Die Heim-WM wurde live in der ARD gezeigt. Das macht einen Unterschied. Wir haben heute Digitalfernsehen. Es wäre doch denkbar, Tischtennispartien ab der ersten Runde zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich mit dem Nebenschauplatz in der Sportwelt abgefunden?

Roßkopf: Nein. Im Moment testen wir frische Ideen. Im kommenden Sommer beginnt in Singapur eine neue Turnierserie. Dort spielen die Sportler zum ersten Mal auf Zeit. Es ist ein Versuch, und wir werden sehen, ob es klappt. Zu viele Veränderungen tun unserer Sportart aber auch nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es um den Nachwuchs?

Roßkopf: Wir hoffen natürlich auch, dass es bald wieder einen neuen Timo Boll gibt. Wir müssen dringend neue Talente finden. Wir sichten Kinder und hoffen, viel mehr dazu zu bewegen, mit unserer Sportart zu beginnen. Auch Jugendtrainer sind sehr wichtig. Die holen die Kinder beispielsweise ab und motivieren sie.

SPIEGEL ONLINE: An den Sportlern kann es nicht liegen: Bei der Team-WM 2012 in Dortmund gab es rekordverdächtige 808 Aktive aus 148 Ländern. Nun hat der Tischtennis-Weltverband ITTF die Zahl reduziert, um überhaupt noch geeignete Hallenkomplexe als Austragungsort zu finden. Jetzt nehmen "nur" noch 96 Herren- und 96 Damenteams teil. Eine gute Entscheidung?

Roßkopf: Ja, wir müssen mit der Zeit gehen. Als ich anfing, wurden in der Haupthalle 32 Tische aufgebaut. Jeder durfte mit Jedem spielen. Heute haben wir in der Haupthalle nur noch vier Tische. Auch, um eine Centre-Court-Atmosphäre wie beim Tennis aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Heim-WM bringen?

Roßkopf: Bis heute gibt es in Deutschland nur zwei Weltmeister: Steffen Fetzner und mich. Es wäre toll, wenn es einen Dritten gäbe. Das wäre ein Traum. Aber es wäre auch schon ein Erfolg, wenn der ein oder andere chinesische Spieler geschlagen werden würde. Es ist immer schlecht, wenn eine Nation eine Sportart derart dominiert.

SPIEGEL ONLINE: Was macht den Erfolg der Chinesen eigentlich aus?

Roßkopf: Tischtennis ist dort Volkssport - und es ist nunmal ein riesengroßes Volk. Bei wichtigen Spielen schalten 30 bis 40 Millionen Menschen den Fernseher ein, mindestens zehnmal mehr als bei uns. Und jedes Kind will dort Weltmeister werden. Schon im Alter von fünf bis sechs Jahren wird dort professionell gearbeitet. Wenn unsere Kinder mit 13 Jahren beginnen, haben die Spieler aus China einen Vorteil, der kaum noch aufzuholen ist.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste sich noch ändern, um die Dominanz der Chinesen zu brechen?

Roßkopf: Es wäre schon schön, mehr finanzielle Möglichkeiten zu haben und mehr Trainer. Der Verband macht professionelle Arbeit und unsere Spieler können gut davon leben. Sie müssen aber bedenken: Das gesamte Schulsystem hat sich verändert. Wer kommt heute noch um 13 Uhr aus der Schule? Jeder will das Abitur machen, jeder will studieren. Generell haben wir das Problem, dass die Kinder heute eher Sport auf der Playstation betreiben, als in der Turnhalle. Und: Es kann nicht sein, dass in den Sommerferien die Turnhallen für sechs Wochen geschlossen sind, weil außer dem Hausmeister keiner einen Schlüssel hat. Und der Mann ist im Urlaub. Das geht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb haben Sie eigentlich mit dem Tischtennis angefangen?

Roßkopf: In meinem Ort gab es damals nur zwei Sportarten: Tischtennis und Fußball. Mich motivierte ein toller Trainer, deshalb sind die ja so wichtig. Auch die Geschwindigkeit der Sportart gefiel mir sehr. Es war ein Fest, und das ist es für mich bis heute geblieben.



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womo88 29.05.2017
1. Tischtennis ist nichts für`s TV!
Das ist das Problem. Tischtennis ist zu schnell, genau wie Squash etc. Ich habe beides gespielt, beides mit Leidenschaft, aber beide Sportarten sind nichts für`s TV, nichts für`s Auge.
winnie.l 29.05.2017
2. Nischen Sport
Lieber wird in den Medien in Deutschland ein Kreisklassen Fussballspiel kommentiert als eine Tischtennis-WM. Genau wie Badminton und anderen tollen Sportarten. Und das, obwohl doch in einigen Haushalten eine Platte vorhanden ist.
Toecutter 29.05.2017
3. Heim WM
Vielleicht ist Tischtennis wirklich nur eine Randsportart, aber es wäre ja mal ein Anfang bei so einem Interview etwas Werbung dafür zu machen. Kein Wort über die kommende Heim WM, ja Spon hat es sogar geschafft einen Hinweis auf Datum und Ort zu vermeiden. Große Leistung, Spon;( Deshalb mach ich das jetzt einfach: Tischtennis WM in Düsseldorf vom 29. Mai – 5. Juni 2017.
Dark Knight 29.05.2017
4. @womo88
In China laufenbei einer Tischtennis-WM oder Asienmeisterschaft den ganzen Tag rauf und runter alle Spiele, und die Einschaltqouten sind wie bereits genannt hoch. Ich glaube eher, dass es an den Deutschen liegt und nicht am Tischtennis.
henry.miller 29.05.2017
5.
Als Kind habe ich gerne Tischtennis gespielt. Nach Fußball aber, waren wir alle verrückt. So ist das halt mit Tischtennis, Kanu et.al.
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