Tony Martin über Ausschluss von der Tour de France "Bin mir ziemlich sicher, dass ein Franzose nicht disqualifiziert worden wäre"

Tony Martin zeigt Unverständnis über seinen Ausschluss von der Tour de France. Im Interview mit dem SPIEGEL mutmaßt der Radprofi, dass die Jury sich profilieren wollte - und einen Franzosen wohl nachsichtiger behandelt hätte.

Tony Martin
Luc Claessen/ BELGA/ picture alliance/ DPA

Tony Martin

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Zur Person
    Tony Martin, Jahrgang 1985, ist Polizeimeister - verdient sein Geld aber seit 2008 als Radprofi. Viermal wurde er Weltmeister im Einzelzeitfahren, dreimal gewann er WM-Gold mit der Mannschaft. Bei der Tour de France konnte Martin, Spitzname "Panzerwagen", bisher insgesamt fünf Etappen gewinnen. In diesem Jahr fährt er für das Team Jumbo-Visma.

SPIEGEL ONLINE: Herr Martin, die Entscheidung der Rennjury, Sie und den Briten Luke Rowe von der Tour de France auszuschließen, bezieht sich auf ein Gerangel bei der Etappe am Mittwoch. Was ist aus Ihrer Sicht genau passiert?

Martin: Das Ganze hat sich im Finale der Etappe abgespielt, in der Anfahrt zum finalen Berg. Die Spitzengruppe war schon durch, es ging also nicht mehr um den Tagessieg, aber eben noch darum, meinen Kapitän gut zu platzieren, falls Attacken von weiter hinten kommen. Rowe hatte das gleiche Ziel für seinen Kapitän. Dabei ist es zu Positionskämpfen gekommen, wie sie fast auf jedem Kilometer stattfinden. Dieser Positionskampf hat sich erhitzt und wurde zu einem kleinen Gerangel, was man dann auch auf den TV-Bildern sehen konnte. Ich kann zur Entschuldigung einfach nur sagen: Wir waren zu diesem Zeitpunkt fünf Stunden gefahren, bei 35 Grad, wir waren alle mit den Nerven am Ende. Und dann ist es zu dieser unschönen Situation gekommen.

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SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann auf der Strecke weiter?

Martin: Wir haben schon erst mal heftig diskutiert, uns dann aber ausgesprochen und sind sogar händeschüttelnd über die Ziellinie gefahren. Wir haben uns verabschiedet und haben gesagt: Morgen auf ein Neues. Wir waren wieder völlig klar, denn wir wissen, so etwas passiert im Eifer des Gefechts. Das ist das Business.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich die TV-Bilder von dem Zwischenfall danach angeschaut?

Martin: Ja. Denn ich wollte mich auch prüfen. Manchmal hat man ja Ereignisse auch anders in Erinnerung, als sie tatsächlich waren. Und ich wollte auch sehen, wie die Bilder auf Außenstehende gewirkt haben können.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die TV-Bilder auf Sie gewirkt?

Martin: Es war eine heftige Auseinandersetzung, der einiges vorausgegangen ist. Sie wirkt sehr unsportlich. Da gehe ich auch völlig mit. Wobei ich nicht mitgehe, ist die aus meiner Sicht sehr, sehr harte Entscheidung, uns auszuschließen, und uns keine Möglichkeit zu geben, uns zu erklären. Oder uns eine zweite Chance zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie gestern von dem Rennausschluss erfahren?

Martin: Wir hatten unser Hotel direkt am Ziel. Als ich dort eintraf, kam der Sportliche Leiter, Grischa Niermann, zu mir und sagte: "Tony, erklär mir die Situation, die Rennjury hat die Sportlichen Direktoren zu sich gebeten." Später erzählte er, dass er dort angekommen sei und ihm gleich signalisiert worden sei, dass ich raus bin. Eine Anhörung hat also im Prinzip nicht stattgefunden. Die Sache war für die Rennjury zu dem Zeitpunkt schon gegessen. Es stand fest, dass ich nicht fahren kann. Wir haben dann versucht, es medial geradezubiegen, auch mit einem gemeinsamen Interview von mir und Luke, um unsere Sicht der Dinge darzulegen (zu sehen im unten stehenden Video, Anm. d. Red.). Wir haben auch versucht, die Sache rechtlich zu prüfen mit unseren Teams. Und ja, wir hatten zumindest eine kleine Hoffnung. Deshalb bin ich heute Morgen auch mit zum Start gefahren, habe mich vorbereitet, hatte meine Hose und mein Renntrikot an. Dass, sofern das Go gekommen wäre, ich dann innerhalb von drei Minuten auf dem Rad hätte sitzen können. Als dann aber 20 Minuten vor dem Start immer noch keine Reaktion kam, da war mir schon klar, dass das nichts wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die Jury-Entscheidung?

Martin: Ich denke, die Jury wollte ein Exempel an uns statuieren. Es gab ja schon im Vorfeld Szenen, in denen Fahrer andere behindert hatten, indem sie ihnen etwa in den Weg gefahren sind. Das wurde aber nur mit Geldstrafen sanktioniert. Ich weiß nicht, ob das der Jury zu viel geworden ist, oder ob sie sich nur profilieren wollte. Es gibt jetzt ja auch neuerdings eine Video-Jury, die braucht ja auch ihre Berechtigung, vielleicht hat sie diese mit der Aktion von gestern gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Die Streckenkommissare, die an die Rennjury berichten, sind überwiegend Franzosen. Glauben Sie, ein französischer Fahrer wäre auch disqualifiziert worden?

Martin: Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wäre diese Entscheidung bei anderen Radrennen vorstellbar?

Martin: Das glaube ich auch nicht. Die Fälle, dass Fahrer von Rennen ausgeschlossen werden, sind ja sehr, sehr rar gesät. Es gibt immer mal wieder Dispute zwischen Fahrern, bei denen es im Ansatz auch mal handgreiflich wird, ohne dass dabei jemand verletzt wird. Dafür gibt es sicher mal eine Abmahnung, aber dass bei anderen Rennen jemand so hart sanktioniert wird, für eine Aktion, die aus meiner Sicht absolut ungefährlich war, das kann ich mir nicht vorstellen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben eben schon skizziert, dass Sie sich heute früh startklar gemacht hatten, für den Fall, dass die Jury doch grünes Licht gibt.

Martin: Ja, ich war beim Frühstück, habe meine Sachen gepackt, war rennbereit. Aber ganz ehrlich, die Nacht war beschissen. Das Ganze hat mich natürlich auch mental mitgenommen. Gerade in der dritten Woche der Tour zählt jedes Korn, und Erholung ist da das Wichtigste. Wer weiß, in welcher Form ich überhaupt gewesen wäre, wenn ich hätte starten dürfen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Reaktion erfahren Sie? Bekommen Sie viel Zuspruch?

Martin: Auf diese ganzen Social-Media-Kommentare gebe ich überhaupt nichts. Aber vom engsten Bekanntenkreis kriege ich sehr viel Zuspruch. Und auch von Leuten, die sehr viel vom Radsport verstehen. Die sind empört. Viele sagen: Wer so etwas entscheidet, hat nie auf dem Rad gesessen.



insgesamt 16 Beiträge
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marthaimschnee 25.07.2019
1. lächerliche Strafen
bei Eurosport wurde vorhin auch betont, daß die Jury mit sehr zweifelhaften Strafen wie zB für das Verhindern der Entstehung von Fluchtgruppen, oder dem Verhindern, daß weitere Fahrer in Fluchtgruppen gelangen, also eigentlich ganz normales taktisches Verhalten im Radsport, die Meßlatte für Bestrafungen eh schon immens niedrig gelegt und die Preise damit sozusagen verdorben hat. An der Stelle ließ das Strafmaß also praktisch gar nichts anderes mehr zu, als die Fahrer wegen dieser sicherlich sanktionswürdigen, aber keinesfalls zu Ausschluß tauglichen Aktion rauszuschmeißen.
barlog 25.07.2019
2.
Ich finde es sehr schön, daß Herr Martin deutlich klarstellt, daß ihn das ganze Social Media Geschnatter nicht interessiert - die beste Antwort zu dieser Thematik.
mick richards 25.07.2019
3.
Vorhin machte ein teilnehmer bei der tour mal mit einer faust eine sich selbst antreibende geste... Direkt raunte einer der moderatoren von "euro-sport" auf,..."wow, was für eine mächtige geste". Jetzt war der vorfall mit den beiden ausgeschlossenen bestimmt nicht so gravierend, auch nicht das man großartig geschockt von den bildern war. Aber als ich heute vormittag nochmal die zusammenfassung sah fiel mir auf, wie bestürzt die moderatoren darüber reagierten in dem moment als sie diese kleine und kurze rempelszene der beiden sahen... Als hätte er ihm mit der faust ins gesicht geschlagen. Bestimmt waren die moderatoren so betroffen, weil ihnen das reglement genau bekannt ist, und sie wußten was diese rempelei bedeuten kann. Die fahrer sind keine roboter oder kühlschränke, auch sie sind nur menschen. Das wird alles zu sehr durchs mikroskop betrachtet. Und manchmal hat man das gefühl, das sie auch unter den widrigsten bedingungen nicht den kleinsten mucks machen dürfen.
christian.cuenoud 25.07.2019
4. Aber klar doch,
Anstatt sich einfach für seinen Ausraster zu schämen, wirft man den Tour-Verantwortlichen unfaire Regelauslegung vor. Dumm nur, dass die DEUTSCHEN Live-Kommentatoren ("uiuiui, wenn das nur keinen Ausschluss zur Folge hat") es schon kommen sahen
Prussia Culé 25.07.2019
5. Harte Entscheidung & fehlende Begründung
"Die Streckenkommissare, die an die Rennjury berichten, sind überwiegend Franzosen". Aber nicht die Rennjury selbst, da ist nur EIN Franzose vertreten. Ich finde es schade, dass Martin glaubt bzw. behauptet, dass ein Franzose nicht ausgeschlossen werden würde, das aber anscheinend nicht ansatzweise begründet. Ich finde das sollte er schon tun, wenn er so etwas behauptet. ----- Die Entscheidung war hart, weil die Sanktionen nicht immer gleich sind, wobei aber Strafen auch in anderen Sportarten oft Ermessenssache und nicht nach Schema F vergleichbar sind. Die UCI sollte aber da transparenter werden, sonst wird über so etwas ewig diskutiert und ein klarer Strafenkatalog ist ja eigentlich auch vorhanden Das andere durch diese Aktion nicht gefährdet wurden spielt keine Rolle. Eine Unsportlichkeit bleibt sie ja trotzdem.
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