NBA-Profi Pascal Siakam Publikumsliebling statt Priester

Er war auf dem Weg, Priester zu werden, bis ein Prinz sein sportliches Talent entdeckte: Pascal Siakams Weg in die NBA verlief märchenhaft - die meiste Kraft aber zieht der Kameruner aus einer Tragödie.

Pascal Siakam (l.): "Dinge, die mich motivieren, sind größer als Basketball"
Frank Gunn / AP

Pascal Siakam (l.): "Dinge, die mich motivieren, sind größer als Basketball"

Von Philipp Awounou


"M-I-P! M-I-P! M-I-P!"

Wieder und wieder dröhnen diese drei Buchstaben am 14. Februar durch die Arena der Toronto Raptors. Sie gelten dem Publikumsliebling Pascal Siakam, der gerade einen neuen Karrierebestwert in Punkten auflegt - schon zum sechsten Mal in dieser Saison. 44 Punkte sind es in diesem Fall, dazu zehn Rebounds, vier Assists und drei Blocks. Zweifellos der Arbeitsnachweis eines "MIP" - eines würdigen Kandidaten für den "Most Improved Player"-Award der NBA.

Dass ausgerechnet Siakam einmal um solch eine Auszeichnung spielen würde, schien vor nicht einmal sechs Jahren noch undenkbar. Sein Vater Tchamo war schon immer glühender NBA-Fan, seine Liebe zum Basketball übernahmen aber zunächst nur seine Söhne Boris, Christian und James. Bei Pascal sprang der Funke nicht über. Während Siakam Senior seine drei Älteren auf eine Zukunft im Basketball vorbereitete - alle drei erhielten Sportstipendien an US-Colleges - schickte er Pascal im Alter von elf Jahren auf das St. Andrews Seminary in Bafia: ein katholisches Internat, das Priester ausbildet.

In Bafia, knapp 130 Kilometer entfernt von seiner Familie in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, begann für Siakam ein neues Leben. Zunächst fügte er sich gut ein, doch mit zunehmendem Alter entwickelte er sich zum Rebellen. "Ich wollte nicht dort sein. Ich versuchte alles, um rauszukommen", sagt der 25-Jährige dem TV-Sender ESPN. Sein Wunsch ging in Erfüllung - allerdings erst durch royale Unterstützung.

Der Ruf des Prinzen

Aufgrund seiner Größe und seines in Basketballkreisen nicht unbekannten Namens erhielt Siakam im Sommer 2011 eine Einladung in das größte Basketballcamp des Landes. Ausgerichtet wurde es von Luc Richard Mbah a Moute, einem NBA-Profi der L.A. Clippers, der nicht nur einen klangvollen Namen besitzt, sondern auch einen Adelstitel: Er ist der Prinz von Bafia.

Zur Überraschung aller gehörte Siakam zu den großen Entdeckungen des Camps: Sein Spiel war roh an allen Ecken und Enden, doch seine herausragende Physis war nicht zu übersehen. Siakam fing Feuer, und als er ein Jahr später mit Schulabschluss und rundum verbesserten Fähigkeiten noch einmal beim Camp antrat, waren der Prinz und die anwesenden Scouts überzeugt: Der Power Forward wurde in ein internationales Förderprogramm vom Basketballweltverband Fiba und der NBA aufgenommen.

Von da an ging es schnell: Erst mit 18 Jahren begann Siakam, unter professionellen Bedingungen zu trainieren, vier Jahre später holten ihn die Toronto Raptors in die NBA. Mittlerweile gilt der 25-Jährige als unersetzbare Stütze in einem Team, das vor dem Start der Playoffs zum engeren Kreis der Titelkandidaten gehört.

Es scheint, als hole Siakam in der NBA nach, was andere Talente im Teenageralter lernen. Seine Dreierquote etwa stieg binnen drei Jahren von 14,2 auf 36,8 Prozent, seine Punkteausbeute von 4,2 auf 17,0. Seine "Defensive Win Shares", die den Einfluss seiner Verteidigung auf den Erfolg seines Teams messen, liegen bei 0,145. Nur acht Spieler kommen in der gesamten NBA auf einen besseren Wert.

"Ich wünschte, mein Vater wäre hier"

Siakams größte Stärke jedoch ist statistisch nicht direkt erfassbar: Es ist sein Antrieb, seine Energie. "Er hat den besten Motor, den ich je bei einem Spieler gesehen habe", sagt etwa Ex-Raptors-Coach Dwayne Casey über die Willenskraft seines ehemaligen Schützlings. Siakam selbst erklärte gegenüber Sportsnet: "Die Dinge, die mich motivieren, sind größer als Basketball."

Um diesen Satz zu verstehen, muss man noch einmal zurückblicken: auf die schwerste Zeit in Siakams Leben.

Im Spätsommer 2014, kurz vor Siakams Collegedebüt an der New Mexiko State University, starb sein Vater an den Folgen eines Autounfalls. Der damals 19-Jährige war schwer getroffen, doch um sein Visum in den USA nicht zu gefährden, blieb er der Beerdigung in Kamerun fern. Stattdessen kritzelte er "RIP Dad" auf seine Basketballschuhe und konzentrierte sich auf den großen Traum des basketballbegeisterten Vaters: einen Sohn in der NBA.

Erfüllt hat Siakam diesen Wunsch längst, doch auch fünf Jahre nach dessen Tod ist der Gedanke an Papa Tchamo allgegenwärtig. Seine Social-Media-Posts versieht der 25-Jährige meist mit dem Hashtag #doingitforyou, und als der Power Forward nach seiner 44-Punkte-Show auf die "M-I-P"-Rufe der Fans angesprochen wurde, antwortete schlicht: "Ich wünschte, mein Vater wäre hier."



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