Kanadischer NBA-Meister Toronto Sieg der Vielfalt

Kanada entwickelt sich immer mehr zur Basketball-Nation. Nun haben die Toronto Raptors erstmals den NBA-Titel geholt - und auf dem Weg dorthin eine Euphorie ungeahnten Ausmaßes ausgelöst.
Torontos NBA-Champions Serge Ibaka (l.) und Pascal Siakam (r.)

Torontos NBA-Champions Serge Ibaka (l.) und Pascal Siakam (r.)

Foto: Ezra Shaw/AFP

Eine solche Sport-Euphorie hat es in Kanada seit Jahrzehnten nicht gegeben. Am Donnerstag erreichte sie ihren vorläufigen Höhepunkt, nachdem die Toronto Raptors als erstes kanadisches Team überhaupt die NBA-Meisterschaft gewannen.

In Downtown Toronto hatten sich wie schon während der gesamten Playoffs wieder Zehntausende Fans im sogenannten Jurassic Park versammelt, um gemeinsam das sechste Finalspiel ihrer Mannschaft bei den Golden State Warriors auf Großbildleinwänden zu verfolgen. Auch in anderen kanadischen Städten gab es Public Viewing. Die TV-Einschaltquoten lagen während der Finals zudem auf Rekordniveau für NBA-Spiele, phasenweise sahen mehr als 20 Prozent der Kanadier zu.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Nach dem Schlusspfiff begann im "Jurassic Park" die Siegesfeier der Fans, zu denen sich auch Rap-Superstar Drake gesellt hatte. Bis in die frühen Morgenstunden feierten die Anhänger den Titel auf den Straßen Torontos. 26 Jahre hatte Kanada auf eine Meisterschaft in einer der vier großen nordamerikanischen Profiligen gewartet. In der Nationalsportart Eishockey gewannen zuletzt die Montreal Canadiens 1993 den Stanley Cup, im gleichen Jahr sicherten sich die Toronto Blue Jays die World Series im Baseball.

Leonard-Trade zahlt sich aus

"Ich habe versprochen, dass wir mit Toronto einen Titel gewinnen können, und das haben wir getan", sagte Masai Ujiri. Der Präsident der Raptors, der seit sechs Jahren für die Teamzusammenstellung verantwortlich ist, hatte im Sommer eine bei den Fans kontrovers diskutierte Entscheidung getroffen: Er hatte den bis dato besten Spieler und Publikumsliebling DeMar DeRozan abgegeben, um im Tausch Kawhi Leonard zu bekommen. Leonard galt zwar als besserer Spieler, wollte aber eigentlich unbedingt nach Los Angeles wechseln und kann in diesem Sommer aus seinem Vertrag aussteigen. Ujiris Risiko wurde belohnt: Leonard war der überragende Spieler der Playoffs und wurde als wertvollster Spieler (MVP) der Finalserie ausgezeichnet. "Ich wollte hier Geschichte schreiben", sagte Leonard. "Das habe ich geschafft."

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Toronto, das in den Vorjahren in den Playoffs stets hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, profitierte zudem vom Pech der Warriors. Golden State musste in den Finals verletzungsbedingt bis auf zwölf Minuten auf Superstar Kevin Durant (Achillessehnenriss) verzichten, in Spiel sechs erlitt zudem Klay Thompson einen Kreuzbandriss. So wurde es nichts mit dem dritten Titel hintereinander und dem vierten in fünf Jahren für die vor der Saison als sicherer Meister gehandelten Warriors.

SPIEGEL ONLINE SPORT

Nach Spielende verlor Ujiri trotz aller Freude das Gesamtbild nicht aus den Augen. "Wir wollten beweisen, dass es einen Grund hat, warum es eine Mannschaft außerhalb der USA gibt." Sein Team steht symbolisch für die Vielfalt des Einwanderungslandes Kanada. Ujiri ist aus Nigeria, die Spieler haben ihre Wurzeln in Afrika, Europa, den USA und China. Die Wurzeln des einzigen Kanadiers im Team, von Ergänzungsspieler Chris Boucher, liegen in der Karibik. In Toronto und seinen Vororten gehört rund die Hälfte der Bevölkerung einer sogenannten sichtbaren Minderheit an, in den anderen kanadischen Metropolen Vancouver und Montreal gilt das für mehr als ein Drittel der Bevölkerung.

Kanada hat sich zur Basketballnation entwickelt

Kaum jemand hat die Entwicklung der Raptors so intensiv verfolgt wie Nav Bhatia, der offizielle "Super-Fan" des Teams. Der 67-Jährige hat inklusive des Debüts des Klubs 1995 kein einziges Heimspiel verpasst. "Damals gab es noch nicht viele dunkelhäutige Zuschauer bei den Spielen. Und ich war der Einzige mit Turban", sagte er kürzlich über die Anfangszeit der Raptors, in der es der neu gegründete Klub schwer hatte: Das Team, dessen Name vom Blockbusterfilm "Jurassic Park" inspiriert wurde, musste die ersten drei Jahre in einem Baseball- und Footballstadion spielen und wurde für sein damaliges Logo mit einem großen lilafarbenen Dinosaurier belächelt.

Siegesfeier im "Jurassic Park"

Siegesfeier im "Jurassic Park"

Foto: Nathan Denette/The Canadian Press via AP

Ab 1998 änderte sich das mit der Ankunft von Vince Carter, der sich in kürzester Zeit dank seiner spektakulären Spielweise zu einem Superstar entwickelte. Der Erfolg setzte ein und Carter und seine Teamkollegen lösten damit einen Basketballboom aus - insbesondere bei den Minderheiten.

Seitdem hat sich Kanada zu einer Basketballnation entwickelt: Derzeit stammen elf NBA-Profis aus Toronto und Umgebung. Nicht zuletzt durch den Titelgewinn der Raptors dürfte die Tendenz weiter steigend sein.