Manuel-Velazquez-Sammlung Tod im Boxring

Letzter Kampf: Jupp Elze (r.) am 12. Juni 1968 in Köln
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Letzter Kampf: Jupp Elze (r.) am 12. Juni 1968 in Köln

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Immer wieder sterben Boxer im Ring, wie zuletzt in Australien. Ein Datenarchiv sammelt die Fälle und zeigt, welche Gewichtsklasse die tödlichste ist.

Boxen ist ein gefährlicher Sport. Das hat zuletzt wieder der Fall des australischen Profis Braydon Smith gezeigt, der vergangene Woche an den Folgen eines Kampfes starb. Der 23-Jährige hatte noch seinem Gegner John Vincent Moralde zum Sieg gratuliert, war dann aber im Umkleideraum zusammengebrochen.

Immer wieder sterben Boxer in direkter Folge der Ausübung ihres Sportes, in den Vereinigten Staaten passiert das fast jedes Jahr. Der letzte Boxprofi, der in Deutschland starb, war der Kölner Jupp Elze vor 46 Jahren.

Es existiert keine vollständige Liste aller Boxer, die nach einem Kampf irgendwo auf der Welt gestorben sind. Aber es gibt die Manuel Velazquez Collection, die sich dem Ausmaß des Sterbens im Boxen anzunähern versucht - sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich.

Manuel Velazquez, geboren 1904, trieb sich als junger Mann gern in den Box-Gyms von New York herum und zog abends mit den Boxern um die Häuser. Als ein befreundeter Ex-Boxer 1938 einen Mann angriff, der ihn "punchy" genannt hatte - von den vielen Treffern nicht mehr ganz richtig im Kopf -, erklärte ein Richter den Boxer für geisteskrank und ließ ihn in eine Klinik einweisen. Manuel Velazquez begann daraufhin, Informationen über Boxverletzungen zu sammeln.

Er korrespondierte mit einem Boxhistoriker, sammelte Zeitungsausschnitte, beschriftete Karteikarten und tippte Listen von Boxern, die nach einem Boxkampf gestorben waren. Mehrere Hundert Todesfälle trug Velazquez zusammen. Er schrieb Briefe an Zeitungen und Kongressabgeordnete, um auf die gesundheitlichen Risiken hinzuweisen. Velazquez starb 1994 mit 89 Jahren. Seine Sammlung kam über Umwege zu Joseph Svinth.

Svinth, ein Armeeveteran, der heute für eine amerikanische Unfallversicherung arbeitet, hatte Material für das "Electronic Journal of Martial Arts and Sciences" gesucht. Die Unterlagen von Velazquez waren nicht nach wissenschaftlichen Standards geordnet, die Zeitungsausschnitte zum Teil undatiert. Svinth sortierte die Fälle in einer Tabelle und löschte Einträge, die nicht zu verifizieren waren. Und er fügte neue Namen hinzu, sodass die Velazquez-Sammlung inzwischen auf 2037 tote Boxer angewachsen ist.

SPIEGEL ONLINE liegt die von Svinth aktualisierte Fassung vor. Der erste Fall datiert auf den 20. September 1724, als der Engländer John Lambert eine Woche nach einem Kampf in der Nähe von Buckingham starb. Der letzte Fall ist ein knappes halbes Jahr alt: Am 10. Oktober starb die Südafrikanerin Phindile Mwelase nach einem Kampf in Pretoria.

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In Deutschland kam der erste Boxer laut der Velazquez-Sammlung am 14. Juli 1921 ums Leben: Johann Schmidt erlitt beim Sparring in Berlin einen Herzinfarkt. Der jüngste Fall hierzulande passierte vor 26 Jahren. Ein irischer Amateur, der Soldat Roy Hodgson, ging im Dezember 1988 bei einem Boxturnier seines Regiments im ostwestfälischen Lemgo zu Boden und starb innerhalb einer Stunde.

Einträge nach Ländern
Die Liste der Toten in Deutschland verweist auf eine Schwäche in der Velazquez-Sammlung - sie stützt sich vor allem bei älteren Einträgen auf englischsprachige Quellen. Deshalb tauchen beispielsweise nur drei in Russland verstorbene Boxer in seiner Liste auf, dagegen sind Amerikaner, Kanadier, Briten und Australier überrepräsentiert. Bei anderen Nationalitäten konnten sich außerdem Fehler einschleichen. So hat Velazquez nach Jupp Elze im Jahr 1968 einen weiteren toten Profi in Deutschland aufgeführt: Jürgen Krause, der am 14. Dezember 1978 in Essen K.o. ging. Doch tatsächlich überlebte Krause. Nach einem Monat erwachte er mit Hirnschäden aus dem Koma.

Die Velazquez-Sammlung ist also nicht repräsentativ. Sie dokumentiert dennoch, wie bis heute regelmäßig Boxer im Ring sterben und zeigt, wann der Tod eintritt und welche Gewichtsklassen am häufigsten betroffen sind. Hier liegen etwas überraschend nicht die hart zuschlagenden Schwergewichtler vorne, sondern die Leichtgewichtsboxer und Weltergewichtler. Über die Gründe dafür gibt die Velazquez-Sammlung jedoch keine Auskunft. Die Vermutung liegt nahe, dass es in diesen Gewichtsklassen schlicht die meisten Boxer gibt.

Mitarbeit: Kurt Jansson

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