Tour de France 2012 Angriff aus der zweiten Reihe

Die ganz großen Namen fehlen bei der diesjährigen Tour de France. Andy Schleck kann nicht, Alberto Contador darf nicht. Einzig Vorjahressieger Cadel Evans ist geblieben. Aber selbst der Australier geht nicht als Top-Favorit an den Start. Es ist ein Brite, der eine neue Tour-Ära einläuten könnte.

AFP

Hamburg - Bisher galt bei der Tour de France meist das Credo, wer gewinnen will, muss in den Bergen überragend sein, dazu noch stark im Zeitfahren. In diesem Jahr gilt das nur zum Teil: Weniger Bergankünfte als 2011, dafür ein Prolog und zwei lange Einzelzeitfahren: Die Tour 2012 ist maßgeschneidert für exzellente Zeitfahrer, die sich auch in den Bergen nicht abhängen lassen. Einer, der diese Eigenschaften fast in Perfektion vereint, ist Bradley Wiggins. Der 32-Jährige geht bereits zum sechsten Mal bei der wichtigsten Rundfahrt der Welt an den Start. In diesem Jahr plant er den ganz großen Coup: Als erster Brite überhaupt will Wiggins den Gesamtsieg schaffen.

Die Chancen dafür stehen gut: Siege bei Paris-Nizza, der Romandie- und der Dauphiné-Rundfahrt zeigen seine Topform in diesem Jahr. Neben der Streckenführung hat der dreifache Bahn-Olympiasieger mit dem britischen Sky-Team zudem die wohl beste aller 22 Mannschaften hinter sich. "Ich bin stolz, in einer so starken Mannschaft zu fahren. Ich habe lange auf diesen Moment gewartet und werde mein Möglichstes tun, um zu gewinnen", so Wiggins.

Das Fehlen der Rundfahrtspezialisten Andy Schleck und Alberto Contador dürfte ihm zusätzlich in die Karten spielen. Der Luxemburger Schleck musste aufgrund von Verletzungen seinen Start absagen, der Spanier Contador darf wegen seiner Dopingsperre nicht teilnehmen. Wenn es nach den Experten geht, kann einzig Vorjahressieger Cadel Evans die Pläne des Briten bei der Tour ernsthaft in Gefahr bringen. Zwar präsentierte sich Evans in der bisherigen Saison noch nicht in Topform aber der Australier gilt als Fahrer, der sich auf den Punkt vorbereiten kann.

Umstrittener Rückkehrer Valverde

Der Mangel an den ganz großen Top-Stars bietet den Profis aus der zweiten Reihe die Chance, bei dieser Tour ins Rampenlicht zu fahren: Vincenzo Nibali vom Team Liquigas-Cannondale etwa oder Routinier Denis Mentschow aus der Katjuscha-Manschaft. Aber auch Rückkehrer Alejandro Valverde (Movistar) rechnet sich Chancen auf den Sieg aus. "Er ist in Topform, unser Anführer wird mit Sicherheit ums Podium mitfahren", sagt Movistar-Sportdirektor Eusebio Unzue.

Nachdem Valverde 2010 wegen Dopings verurteilt und für zwei Jahre gesperrt wurde, ist sein Comeback allerdings nicht unumstritten. Zu präsent ist auch in diesem Jahr das Thema Doping. Besonders die Vorwürfe der US-Anti-Doping-Agentur Usada gegen Lance Armstrong und dessen ehemalige Entourage haben in den Wochen vor dem Tour-Start für Aufregung gesorgt.

Die Konsequenz: RadioShack-Teamchef Johan Bruyneel verkündete, in diesem Jahr der Tour fernbleiben zu wollen. Die Mannschaftsleitung war auf Distanz zu dem 48-jährigen Belgier gegangen. Jahrelang soll Bruyneel unter anderem als Teamchef von Armstrong Doping gefördert und mit verbotenen Mitteln gehandelt haben. "So was kommt immer zum schlechtesten Zeitpunkt. Aber ich lasse mich von so was nicht runterziehen", sagte Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Quickstep). Martin ist einer von insgesamt 13 deutschen Startern in diesem Jahr.

Die größte deutsche Fraktion der 22 Teams stellt dabei Argos-Shimano mit dem Trio Johannes Fröhlinger, Patrick Gretsch und Marcel Kittel. Je zwei Fahrer stehen im Kader von Lotto-Belisol (André Greipel, Marcel Sieberg), Omega Pharma-Quickstep (Bert Grabsch, Tony Martin) und RadioShack-Nissan (Andreas Klöden, Jens Voigt). Außerdem sind Marcus Burghardt bei BMC und Christian Knees im Team Sky am Start. Danilo Hondo vom Rennstall Lampre und Neuling Dominik Nerz aus der Liquigas-Mannschaft komplettieren das deutsche Fahrerfeld.

Aussichtsreichster Starter aus deutscher Sicht ist Martin. Beim Prolog zum Auftakt am Samstag (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und bei den beiden Einzelzeitfahren zählt er zu den Favoriten. Das Gesamtklassement will der 27-Jährige aber diesmal außer Acht lassen. Sein großes Ziel in dieser Saison sei die Goldmedaille im Zeitfahren bei den Olympischen Spielen in London.

Einer seiner ärgsten Kontrahenten in London dürfte dann Tour-Favorit Wiggins sein. Denn neben dem Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt hat auch er Gold im Visier - zwei Vorhaben, die innerhalb von fünf Wochen allerdings nur schwer zu realisieren sein werden.

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Seite 1
spon-facebook-10000298787 30.06.2012
1. Vorfreude
Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
hahewo 30.06.2012
2. Tour der Pharmazie
Diese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
Pollowitzer 30.06.2012
3. Zu einer Rummelveranstaltung verkommen
Dieser Sport ist leider schon lange nicht mehr ernst zu nehmen und er ist unglaubwürdig wie Rummelboxen - Wenn man sich das Alter einiger deutscher Teilnehmer ansieht dann geht automatisch die Dopingwarnlampe an - die pedalierenden Velogreise kommen doch ohne entsprechende Hilfsmittel weder über die Berge noch nach Paris. Die Aufmerksamkeit der Presse haben die nicht verdient - Ich glaube es wird garnichtmehr ernsthaft der Gebrauch von Doping kontrolliert - Brot und Spiele auf unterstem Niveau - leider!!!
Ostwestfale 30.06.2012
4. Zustimmung
Zitat von spon-facebook-10000298787Ich freue mich schon riesieg auf die Tour. Aber ihr habt leider einige Favoriten außen vorgelassen wie z.B Samuel Sanchez, Robert Gesink oder Ivan Basso
Ich freue mich auch, die drei Genannten zähle ich allerdings nicht zu den Favoriten, da diese Tour recht zeitfahrlastig ist und da sind Wiggins und Evans einfach zu stark, als dass ein Basso oder Sanchez das in den Bergen kompensieren könnte.Ich könnte mir deshalb sogar vorstellen, dass Klöden aufs Podium fährt. Wer die letzte Tour verfolgt hat, dem werden auch die tollen Entwicklungen nicht entgangen sein. Die Fahrer fahren endlich wieder wie "Menschen". Jeder Topfahrer hatte bei der letzten Tour einen schwachen Tag, was in einer dreiwöchigen Rundfahrt normal ist. Die Maximalwattzahlen, die die Fahrer in den Anstiegen treten sind stark zurückgegangen.Dass Jean-Christophe Peraud, Tourzehnter des vergangenen Jahres absolut sauber war gilt als ziemlich warscheinlich. Sein Blutbild war während der gesamten Tour öffentlich zugänglich und es gab keinerlei Auffälligkeiten.Aber so was ist natürlich keine Schlagzeile wert, denn Deutschland war noch nie ein Radsport-Land. Auch nicht zu Ullrichs Zeiten.Hier hat man sich noch nie für Details des interessiert. Völlig absurd finde ich, wenn in der Zusammenhang mit der Tour davon gesprochen sind, die Leistungen wören "übermenschlich" oder sonstwas. So nach dem Motto: Alles was ich nicht kann, kann auch kein Anderer. Da hat ein quasi nie im Training kontrollierter Usain Bolt nur 100 Meter läuft. Das kann ja jeder...
LuisCortez 30.06.2012
5.
Zitat von hahewoDiese Tour kann nur der gewinnen, der den besten Vertrag mit der Pharmaindustrie und deren Logistik hat. Das diesem Dopingspektakel immer noch soviel Raum in den Medien gegeben wird, ist schon verwunderlich.
So ist es. Sie haben die Situation erkannt. Ich als ehemaliger Roche Mitarbeiter kann bestätigen dass Roche um die 70 Mitarbeiter beschäftigt die sich um die besten Verträge und Logistik mit den "Sportlern" kümmert. Interessanterweise handelt es sich bei den Kunden nur um Radsportler. Was für ein Blödsinn!
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