Tour-de-France-Favoriten Die Jagd auf Contador

Die 102. Tour de France könnte für Alberto Contador zum großen Triumph werden. Der Giro-Sieger ist in Top-Form, sein Team gilt als stärkstes der Welt. Doch er hat namhafte Konkurrenz.

Radprofi Contador: Nach dem Giro-Sieg auch der Tour-Triumph?
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Radprofi Contador: Nach dem Giro-Sieg auch der Tour-Triumph?


Etwa 50 Kilometer vor dem Ziel wollte es Alberto Contador noch mal allen zeigen, am Fuß der einzigen Bergwertung des Tages, einer der ersten Kategorie. Er ging aus dem Sattel, in seinem bekannen Wiegetritt. Über zehn Kilometer schoss der Spanier bergauf. Fast schon tänzelnd und scheinbar mühelos.

Seine Führung in der Gesamtwertung war scheinbar ungefährdet, sein Rückstand auf die Spitzengruppe der Etappe war viel zu groß. Was sollte also diese Attacke? Sie wirkte wie eine Demonstration seiner Klasse, meisterhaft ausgeklügelt und beeindruckend umgesetzt. Vor allem war sie aber äußerst wertvoll.

Es war die 18. Etappe des Giro d'Italia. Mit dem Ausgang hatte Contador nichts zu tun. Doch die 1:15 Minuten, die der spätere Gesamtsieger auf seinen ärgsten Konkurrenten Fabio Aru herausfahren konnte, waren entscheidend. Auf den folgenden Etappen ging der Spanier nicht mehr voll mit, sein italienischer Rivale gewann sie beide - und machte fast fünf Minuten gut. Im Ziel fehlten ihm 1:53 Minuten. Ohne Contadors Fahrt am Monte Ologno wäre es noch einmal eng geworden.

So konnte sich der 32-Jähirge auf den letzten 600 Kilometern schonen. Für das nächste große Ziel: Die Tour de France.

"Es ist offensichtlich, dass es unser Hauptziel ist, mit Alberto die Tour zu gewinnen", sagt Steven de Jongh, Sportdirektor vom Contador-Team Tinkoff-Saxo. Der Tour-Sieger von 2007 und 2009 ist daher nicht nur wegen seiner Form Top-Favorit, sondern auch aufgrund seiner Mannschaft - auf dem Papier ist sie die stärkste.

Sky-Fahrer Froome: Tour-Sieger 2013
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Sky-Fahrer Froome: Tour-Sieger 2013

Auf 88 Grand-Tour-Starts kommen die neun Tinkoff-Saxo-Leute. Es sind unter anderem Ivan Basso, Roman Kreuziger und Michael Rogers, allesamt wurden in der Vergangenheit schon als Tour-Favoriten gehandelt. Sein wichtigster Helfer im Hochgebirge wird jedoch Rafal Majka werden. Der Pole hat im Vorjahr die Bergwertung und zwei Etappensiege geholt, er ist vielleicht sogar der stärkste Kletterer im Team.

Contador wird diese Hilfe brauchen, denn ein breites Favoriten-Feld könnte die Tour so spannend machen wie lange nicht mehr. Im Vorjahr mussten sowohl er als auch der Tour-de-France-Sieger von 2013, Christopher Froome, früh aufgeben. Der spätere Sieger Vincenzo Nibali profitierte davon. Er wird der Welt zeigen wollen, dass er nicht nur deswegen gewonnen hat. Sein Vorsprung vor Jean-Christophe Péraud (7:37 Minuten) und Thibaut Pinot (8:15) auf Platz zwei und drei war deutlich - alle fünf sind dieses Jahr wieder dabei.

Astana-Fahrer Nibali: Titelverteidiger bei der Tour
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Astana-Fahrer Nibali: Titelverteidiger bei der Tour

Zu den Favoriten zählt auch Nairo Quintana, der die Tour nach dem Giro-Sieg 2014 ausgelassen hatte. 2013 überraschte er mit seinem zweiten Platz, als er - unbeachtet von allen Experten - eine Etappe, die Nachwuchswertung und das Bergtrikot gewann. Statt Quintana wurde im Vorjahr Alejandro Valverde als Kapitän aufgestellt, der Gesamtvierte wird seinem Movistar-Leader bei dieser Tour ein starker Helfer sein.

Froome stehen Richie Porte, Nicolas Roche und Leopold König zur Seite. Nibali hat Michele Scarponi und Jokob Fuglsang. Quintana kann auf Valverde setzen. Tejay van Garderen hat mit Samuel Sanchez zumindest Außenseiterchancen. Aber die zweite Reihe trennt Sky, Astana, Movistar oder BMC dann eben von jenem Tinkoff-Saxo-Team, denn die stärksten Helfer hat Contador.

Neben dem Gesamtsieg ist Zugang Peter Sagan für Sprintwertung und Tagessiege zuständig. Der slowakische Dauermeister hat das Grüne Trikot seit 2012 immer gewonnen, sucht aber derzeit seine Form. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sie bei der Tour wiederfindet. Sein ärgster Rivale Marcel Kittel muss aus ebendiesem Grund zu Hause bleiben. André Greipel und Mark Cavendish sind dafür dabei, beide haben nach enttäuschenden Auftritten 2014 etwas gutzumachen. Alexander Kristoff wird hingegen an seine starke Vorsaison anknüpfen wollen. Einer von ihnen wird Grün nach Paris tragen.

Ohne Kittel gehen zehn Deutsche an den Start, dazu sind mit Bora-Argon 18 und Giant-Alpecin zwei Teams aus Deutschland dabei. Hoffnung auf den Gesamtsieg gibt es nicht, Etappenerfolge sind dafür umso wahrscheinlicher. Das Zeitfahren in Utrecht ist eine Angelegenheit für Tony Martin, dem bei einem Erfolg ein paar Tage in Gelb winken. Im Sprint haben Greipel, John Degenkolb und Marcel Sieberg Chancen, Klassik-Terrain sagt Simon Geschke zu. Emmanuel Buchmann wird als Deutscher Meister starten, er und Paul Voss könnten eventuell sogar im Hochgebirge mithalten.

Bei den großen Auftritten der Klassement-Fahrer werden das aber nur Nebenschauplätze sein, denn bei der Tour de France zählt nur der Gesamtsieg. Für Contador ist in diesem Fall ein besonderer Platz in den Geschichtsbüchern frei, er wäre der achte Fahrer überhaupt und der erste seit Marco Pantani 1998, der den Giro d'Italia und die Tour de France in einem Jahr gewinnt.



insgesamt 38 Beiträge
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klabeuter 04.07.2015
1. Degenkolb
Wo ist in ihrer Aufzählung bei den Favoriten für das grüne Trikot John Degenkolb geblieben. Ich denke mal, dass er ganz bestimmt eine realistische Chance hat um dieses zu gewinnen. Außerdem vermisse ich hier noch die Meinungen der Dopingsexperten. Sie werden doch wohl diesen Bericht nicht übersehen haben. Also nichts wie drauf. Ich auf jeden Fall freue mich schon, wenn es gleich endlich losgeht.
PowlPoods 04.07.2015
2. Man
wird sehen, wie die "Einspritzung" dieses Jahr bei Dopador funktioniert. Und wie er über das Kopfsteinpflaster kommt. Ich persönlich halte Nibali für genauso stark. Er hat einen - wenn nicht den Experten für "Zusatzbeschleunigung" im Team, denn wenn einer weiss, wie man "Gas" gibt, dann Vino. Ausserdem ist Astana das am besten "gefüllte" Team der Pro- Tour. Die können alle kaum laufen vor Kraft. Froome und Quintana haben nur eine Chance, wenn die Favoriten schwächeln oder der Arzt krank ist. Oder Froome kriegt einen seiner Berühmten Asthmaanfälle und muss "Inhalieren": Auf jeden Fall wirds am Berg spannend, wenn vier solche Mutanten am Horn ziehen.
kraußi-mausi 04.07.2015
3. Warum darf der überhaupt starten?
Wurde er nicht des Dopings überführt?
Herrmann der Verräter 04.07.2015
4. Tour-Favorit ist Nibali
Spiegel auch im Sport keine Ahnung, dafür aber große Klappe. Nibali hatte letztes Jahr sowohl Froome als auch Contador bevor diese ausgeschieden sind schon deutlich distanziert. Nibali bleibt nach wie vor der Favorit und die stärkste Mannschaft hat er mit Astana. Wie auf dem Giro d'Italia wird sich die Astana -Überlegenheit sehr schnell zeigen. Ich würde eher auf Froome gecken, wenn es dabei geht einen zweiten Favoriten zu nennen. Er ist ja schließlich kein Radfahrer, sondern ein Zirkusphänomen auch wenn sowohl er als auch Contador unverschhämt gedopt haben!
fonkw 04.07.2015
5.
Ich denke das contador gute chancen hat allerdings ist Froome im Zeitfahren stärker und Quintana in den Bergen besser als er.Es wird auf jeden Fall spannend :)
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