Fotograf Tino Pohlmann "Ich sage nach jeder Tour de France, dass ich keinen Bock mehr habe"

Seit 15 Jahren fotografiert Tino Pohlmann die Tour de France. Im Interview spricht der Berliner über seine Enttäuschung nach den Dopingskandalen - und warum die Tour für ihn trotzdem "fast wie ein Weltwunder" ist.

Romain Bardet (l.) bei der Tour de France - für ein anderes Projekt fotografierte Tino Pohlmann die Stars der Rundfahrt
Tino Pohlmann

Romain Bardet (l.) bei der Tour de France - für ein anderes Projekt fotografierte Tino Pohlmann die Stars der Rundfahrt

Ein Interview von



Zur Person

Tino Pohlmann, Jahrgang 1976, arbeitet als Fotograf in den Bereichen Porträt, Sport, Landschaft und People. Mit Begeisterung fotografiert er die Tour de France. Kurz vor dem Grand Départ 2019 hat er seinen dritten Bildband "arena" zur Tour veröffentlicht.


SPIEGEL ONLINE: Herr Pohlmann, seit Jahren reisen Sie als Fotograf zur Tour de France. Woher kommt Ihre Liebe zur Tour?

Tino Pohlmann: Ich saß schon als Neunjähriger selbst im Rennsattel und fuhr erste kleine Radrennen. Ich bin auch im Juniorenbereich Rennrad gefahren. Die Tour war schon immer das Größte für mich. Irgendwann habe ich gemerkt, ich werde kein Profi, ich werde Fotograf. Vor 15 Jahren habe ich mir für meine Diplomarbeit den Wunsch erfüllt, zur Tour de France zu fahren und einen Bildband zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Was begeistert Sie am Radsport?

Tino Pohlmann: Die Zuschauer, diese wahnsinnige Landschaft, dieses Unmaß an Tour-Tross und Presseleuten. Dass so etwas in diesem Ausmaß seit über 100 Jahren funktioniert, ist fast wie ein Weltwunder für mich. Es gibt diese Analogien, die ganz nah an unserer Gefühlswelt verschraubt sind. Du kannst als Fahrer und Zuschauer ganz viel Freude, aber auch großes Leid empfinden. Du hast immer wieder einen Wechsel aus Aufbäumen und Niederschlägen, das fasziniert mich.

Fotostrecke

9  Bilder
Fotograf Tino Pohlmann: Tour de France "fast wie ein Weltwunder für mich"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Diplomarbeit blieb nicht das einzige Projekt zur Tour de France.

Tino Pohlmann: Ich habe mir damals gesagt: Eine Tour, das geht nicht, du musst mindestens zehn Jahre dabei sein, um dir ein Bild zu machen. Nach zehn Jahren habe ich gemerkt: Ich muss weitermachen. Ich sage nach jeder Tour, dass ich keinen Bock mehr habe, weil das so eine Strapaze ist. Man hat 13-Stunden-Tage, man ist nur auf den Beinen, im Auto, im Stau, das Timing ist extrem knapp und man ist am Ende echt kaputt. Aber schon im November merke ich, dass ich wieder dahin muss.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie den nächsten Bildband herausgebracht, er trägt den Namen "arena". Bei dem Wort denken die meisten Menschen wahrscheinlich an große Fußballstadien oder Sporthallen. Was unterscheidet die "Arena" Tour de France von anderen Sportarten?

Tino Pohlmann: Es ist eine der letzten Arena der Welt, in der die Zuschauer, ohne Eintrittsgelder zu zahlen, ihren Helden zum Anfassen nah sein können. Die Fans flippen total aus, wenn sie mal einen Fahrer fünf Meter den Berg hochschieben. Das Besondere für mich an dieser Sportart ist, dass die Arena durch ein ganzes Land getragen wird und dass man dort alle Gesellschaftsschichten trifft.

SPIEGEL ONLINE: Im Prolog Ihres Buchs heißt es, es soll eine Hommage an die Zuschauer sein. Was meinen Sie damit?

Tino Pohlmann: Ich wähle hochdefinierte Landschaftsaufnahmen, ein sehr großes Format. Wenn man vor so einer Aufnahme steht, entdeckt man viele Details. Das möchte ich dem Zuschauer zurückgeben: Dass er Dinge entdeckt, die er vor Ort nicht sieht. Andererseits ist es auch eine Hommage an die Leute, die sich aus Begeisterung tagelang ins Auto setzen, in Staus begeben und auf Bergen ausharren.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:43 Uhr
Ohne Gewähr

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Tino Pohlmann
Arena: Le Colisée du Tour de France

Verlag:
Collected Art
Seiten:
64

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft bei Ihnen ein Tag bei der Tour de France ab?

Tino Pohlmann: Morgens geht es früh raus. Ich schaue in die Roadbooks, da steht das genaue Streckenprofil drin. Dann hat man einen Fahrplan, der aber beispielsweise durch Stürze durcheinanderkommen kann. Es ist spannend, weil du nichts richtig planen kannst. Du musst sehr flexibel sein. Manchmal geht es auch nur um einen Fahrer und darum, einen Streckenabschnitt zu finden, an dem ich ihn isoliert fotografieren könnte. Wo könnte es eine entscheidende Attacke geben? Wo fällt die Entscheidung an dem Tag?

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich in 15 Jahren Tour de France verändert?

Tino Pohlmann: Für mich persönlich ist es ein Selbstexperiment: Wie verändert sich mein Sehen? Ich habe das Gefühl, dass ich dem Thema gegenüber nicht abgeklärt bin, sondern mir eine Naivität bewahre, jeden Tag als unvorhergesehen zu betrachten. Gleichzeitig verändert sich aber die Tour: Sie wird immer größer, die Sponsoren werden größer, die politischen Themen verändern so ein Rennen. Der mediale Einfluss verändert sich auch.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Skandale der Tour, insbesondere die Dopingenthüllungen wahrgenommen?

Tino Pohlmann: Intensiv. Ich hatte 2006 meine ersten Aufträge als Fotograf für bekannte deutsche Tageszeitungen und Magazine. Und dann schlagen diese Nachrichten ein. Das war der Fuentes-Skandal. Ich hatte einen ökonomischen Verlust, weil mir dann die Aufträge abgesagt wurden. Und ich war auch sehr enttäuscht, weil Figuren, die durch ihre Leistung eine Übermenschlichkeit für mich dargestellt haben, absolut entmystifiziert und sterblich geworden sind, dadurch dass sie des Betrugs überführt wurden. Das hat mich damals sehr traurig gemacht. Die Skandale waren da, überschatten die Tour bis heute und sind ein Teil des Sports.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei "Arena" ein Lieblingsmotiv oder ein Motiv mit einer besonderen Geschichte?

Tino Pohlmann: Der kleine Held des Buchs ist das Titelmotiv, dieser Berg vor den dunklen Wolken mit der Gruppe Menschen obendrauf. Das ist für mich eigentlich das elementarste Bild im Buch und in der Ausstellung. Es versinnbildlicht den Wahnsinn. Wie kommen die Menschen mit der französischen Fahne da hoch? Es hat für mich fast schon so eine Unwirklichkeit und etwas gemäldeartiges. Ich war eigentlich auf dem Weg zum Auto, weil ich dem Tross folgen musste. Dann habe ich dieses Bild gesehen und noch mal alles ausgepackt und alles fotografiert.



insgesamt 3 Beiträge
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Le Commissaire 05.07.2019
1. echter Sport und gute Unterhaltung
Die Tour de France (ebenso wie der Giro d'Italia oder die Vuelta a Espana) bieten einfach viel Unterhaltung -- zumindest im Fernsehen. Tolle Landschaften; Kühe, die plötzlich über eine Abfahrt trotten; Fahrer, die es über Zäune oder Böschungen haut; Hunde, die vor das Peloton laufen; Hitze, Regen, teilweise noch Schnee; Reiter, die zu Pferd die Fahrer ein Stück begleiten; Windkanten; mechanische Defekte; Zuschauer in schrägen Kostümen. Und natürlich Sportler, die im Gegensatz zu Ballspielern, die alle paar Tage mal für 90 Minuten (unterbrochen von einer 15 minütigen Pause!) ein bisschen kicken, echte Arbeit leisten. Die Fahrer können währen einer Etappe keine Pause machen (sonst fliegen sie durch den Kontrollschuss raus), können nicht eingewechselt werden und müssen über 21 Tage lang jeden Tag (mit zwei Ruhetagen, in denen aber trainiert wird) im Schnitt um die 190 km fahren.
dr_gb 05.07.2019
2. Diese Ruhetage
die sind schwer durchzustehen. Als Konsument. Als Tour-Addict. Optimal : selbst trainierend auf dem Heimtrainer/Rad/Crosstrainer m TV die Tour verfolgen. Vom Anfang, bis zum Ende. Leider zu oft Ärgernis und Wut kommt auf, des Dopings wegen. Einzig dieses wunderbare Land, dieses Frankreich : unglaublich beeindruckend. Jedesmal neu. Und natürlich gleichzeitg immer wieder fasziniert von der Arbeit der exquisiten Film- und MedienTeams der Tour : formidabel !
wayki 05.07.2019
3. Bitte keine Vergleiche mit anderen Sportarten!
Wer Fußball gegen Radsport stellt der scheitert! Die Belastungen und Ansprüche sind so gegensätzlich das jeder Vergleich daneben geht.
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