Tour de France Anti-Doping-Agentur kritisiert Sonderstatus für Astana

Bevorzugt behandelt: Bei Astana sollen während der Tour de France Dopingtests erst mit großer Verzögerung durchgeführt worden sein, heißt es in einem Zeitungsbericht. Die Ergebnisse der Nachtests von 2008 sollen unterdessen am Mittwoch veröffentlicht werden.

Astana-Team: Ärger um Kontrollen
AP

Astana-Team: Ärger um Kontrollen


Hamburg - Das Team Astana von Tour-Sieger Alberto Contador aus Spanien und Rekordchampion Lance Armstrong (USA) soll bei den Dopingkontrollen während der Frankreich-Rundfahrt im Juli eine Vorzugsbehandlung durch den Radsport-Weltverband UCI bekommen haben. Das berichtete die französische Zeitung "Le Monde" am Montag in ihrer Online-Ausgabe. Der Vorwurf gehe aus einem noch nicht veröffentlichten Bericht der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD hervor, zu dem man Zugang gehabt habe, so das Blatt. Die Fahrer des kasachischen Teams hätten sich bei der Tour de France unter anderem mit einem Zeitverzug von bis zu 45 Minuten bei den Dopingkontrollen präsentieren dürfen.

Der Weltverband UCI hat sich gegen die im AFLD-Bericht erhobenen Vorwürfe vehement gewehrt. Man sei "überzeugt, dass keinem Team bei der Tour eine Vorzugsbehandlung gewährt wurde", so der UCI auf der Internetseite cyclingnews.com mit.

"Eine solche Toleranz, die ohne eine richtige Rechtfertigung bewilligt wurde, gestattet es bei Abwesenheit von Begleitpersonal nicht, dass man sich der völligen Ordnungsmäßigkeit des Verfahrens vergewissert und insbesondere jegliche Manipulation ausschließt", heißt es in dem AFLD-Dokument, das laut "Le Monde" am Montag der UCI, der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, den französischen Sport- und Gesundheitsministern sowie den Tour-Organisatoren zugeschickt wurde.

Die AFLD bemängelt auch, dass die UCI während der Wettkampfvorbereitungen zwar die Aufenthaltsorte aller Teams zwecks Durchführung von Dopingkontrollen durchgegeben habe. Bei Astana sei der Weltverband aber in dieser Sache weniger effizient gewesen. "Ein solcher Informationsentzug entspricht nicht dem Sinn des Anti-Doping-Kampfes", klagte die französische Anti-Doping-Behörde. Bereits während der Tour hatte es vor der achten Etappe in Andorra Ärger zwischen der AFLD und dem UCI wegen einer Kontrolle bei Astana gegeben.

Astana wurde zuletzt durch mehrere Abgänge geschwächt. Armstrong und Ex-Teamchef Johan Bruyneel werden in der kommenden Saison im neuen US-Rennstall RadioShack zusammenarbeiten. Auch Contador verkündete in den vergangenen Wochen mehrfach, er wolle das kasachische Team verlassen.

Am Mittwoch Ergebnisse von Nachtests

Die mit Spannung erwarteten Ergebnisse der Dopingnachtests zur Tour de France 2008 werden am Mittwoch veröffentlicht. Man werde an diesem Tag um 10 Uhr den Bericht für das vergangene Jahr vorstellen, kündigte die AFLD am Montag an. Zudem soll die Bilanz der Kontrollen für das erste Halbjahr 2009 präsentiert werden. AFLD-Präsident Pierre Bordry hatte am Schlusstag der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt angekündigt, die Proben von 15 Radprofis der Tour 2008 nochmals untersuchen zu lassen.

BDR fordert Gerdemann zum Handeln auf

Unterdessen hat der Bund Deutscher Radfahrer nach den in der ARD-"Sportschau" geäußerten Dopingverdacht gegen Linus Gerdemann den Milram-Kapitän zum Handeln aufgefordert. "Für uns gibt es derzeit nichts anderes, als Herrn Gerdemann darauf hinzuweisen, dass er sich sachkundig machen und sich dann äußern soll", sagte BDR-Präsident Rudolf Scharping am Montag. Zuvor hatte Gerdemann in dem am Sonntag ausgestrahlten TV-Bericht, in dem von Hämoglobin-Schwankungen bei dem Radprofi im ersten Halbjahr 2006 die Rede war, Doping entschieden dementiert: "Ich habe aber auf jeden Fall nicht manipuliert."

Juristische Folgen dürfte es vermutlich nicht geben. "Ich halte es für wahrscheinlich, dass das Blut nicht mehr existiert", sagte Hans Joachim Schäfer, Vorsitzender der Untersuchungskommission Freiburg: "In meinem Bericht taucht der Name Gerdemann nicht auf. Ich hatte mich um die Ärzte zu kümmern. Ich habe Fakten zusammengetragen und analysiert."

Der Bayreuther Sportphysiologe Walter Schmidt bezeichnete die Hämoglobin-Werte "auf den ersten Blick" als "nicht normal". Für Klaus Völker, Sportmediziner an der Universität Münster, liegen Gerdemanns Daten dagegen im normalen Bereich. "Solche Schwankungen können auftreten nach einem Infekt oder nach Dehydrierung", sagte Völker der Tageszeitung "Westfälische Nachrichten" Gerdemann erklärte in der ARD, er sei zum fraglichen Zeitpunkt nicht krank gewesen.

"Wir kennen nicht die Details der Vorwürfe an Linus Gerdemann. Wenn uns die gesamten Fakten vorliegen, werden weitere Schritte folgen", sagte Milram-Teamchef Gerry van Gerwen. Man verfolge in dieser Thematik aber "grundsätzlich eine klare Linie", so der Niederländer.

mti/sid/dpa



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