Tour de France Armstrong kann den Champagner kalt stellen

Er kämpfte, stürzte und rappelte sich wieder hoch. Doch am Ende stand Jan Ullrich mit leeren Händen da. Lance Armstrong ließ sich beim Einzelzeitfahren nicht düpieren und muss am Sonntag nur noch heil in Paris ankommen, um seinen fünften Tour-Sieg in Folge perfekt zu machen.


Jan Ullrich: "Ich bin doch ein bisschen traurig"
DPA

Jan Ullrich: "Ich bin doch ein bisschen traurig"

Nantes - Jan Ullrich erreichte am Samstagnachmittag mit 54:30 Minuten den vierten Platz. Dritter wurde Lance Armstrong (54:19). Den Sieg sicherte sich der schottische Cofidis-Fahrer David Millar (54:05) vor dem CSC-Profi Tyler Hamilton (54:14) aus den USA.

In der Gesamtwertung baute Armstrong, der in strömendem Regen drei Minuten nach Ullrich um genau 16.02 Uhr als letzter auf die 49 Kilometer lange Strecke zwischen Pornic und Nantes gegangen war, seine Führung auf den Deutschen um weitere elf Sekunden auf insgesamt 1:16 Minuten aus. Damit ist dem US-Amerikaner der fünfte Tour-Sieg in Folge kaum noch zu nehmen. Eine Leistung, die bislang nur der Spanier Miguel Indurain (1991 bis 1995) erreichte.

Die 90. Frankreich-Rundfahrt endet am Sonntag mit der 20. Etappe von Ville d'Avray nach Paris über 152 Kilometer. Auf dem letzten Tagesabschnitt ("Tour d'Honneur") wird traditionell nicht mehr attackiert. Nur bei einem Rückstand von wenigen Sekunden hätte es beim Finale in Sachen Gesamtsieg noch einmal spannend werden könnnen.

Doch Ullrich, der beim ersten Zeitfahren in Cap Découverte Armstrong um 1:36 Minuten distanziert hatte, verpasste eine bessere Zeit durch einen Crash nach rund 37 Kilometern. Der Deutsche, der zum fünften Mal Zweiter bei der Tour werden wird, stürzte ohne Fremdeinwirkung in einer Kurve auf der regennassen Straße. Der Bianchi-Kapitän ("Durch den Sturz bin ich aus dem Rhythmus gekommen") konnte sich jedoch wieder aufrappeln und setzte das Rennen nach einer kurzen Pause fort.

Lance Armstrong: "Sofort langsamer und vorsichtiger gefahren"
AP

Lance Armstrong: "Sofort langsamer und vorsichtiger gefahren"

"Ich bin doch ein bischen traurig, denn den Tagessieg hätte ich schaffen können. Um den Gesamtsieg ging es wohl nicht mehr, das Gelbe Trikot war wohl eher ein Traum für mich. Dafür hätte Lance stürzen müssen, das hätte ich ihm nicht gegönnt", sagte der gestürzte Ullrich, "dieses Zeitfahren heute war nicht dazu geeignet, Armstrong noch eine Minute abzunehmen. Immerhin habe ich mir nichts gebrochen, sondern nur ein paar Schürfwunden erlitten."

"Das ging ruckzuck, ich bin aber nicht zuviel Risiko gegangen", kommentierte Ullrich seinen Sturz, "wahrscheinlich hat Öl auf der Straße gelegen." Ähnlich sah es Uwe Peschel vom Gerolsteiner-Team, der an der gleichen Stelle wie Ullrich gestürzt war, sich einen Rippenbruch zuzog und im Krankenhaus operiert werden musste: "An einigen Stellen war die Strecke glatt wie Schmierseife."

Nach 15 Kilometern, wo die erste Zwischenzeit genommen wurde, waren Ullrich und Armstrong mit jeweils 15:42 Minuten gleichauf. Bei der zweiten Zwischenzeit nach 32,5 Kilometern hatte der frühere Telekom-Fahrer mit 35:19 Minuten zwei Sekunden vor dem Sieger der vergangenen vier Jahre gelegen. Doch dann kam der Sturz. Armstrong war den Kurs am Morgen abgefahren, Ullrich hatte sich im Hotel mit einem Video über den Streckenverlauf begnügt.

Armstrong hielt sich nach Ullrichs Sturz zurück

"Der Sturz war ein Riesenpech, aber Jan ist trotzdem ruhig geblieben, obwohl er Probleme mit der Pedale hatte. Ich bin froh, dass er sich nicht verletzt hat", sagte Bianchi-Chef Rudy Pevenage. "Als ich über Funk von Jans Sturz hörte, bin ich sofort langsamer und vorsichtiger gefahren. Ich wollte heute nicht die Etappe gewinnen, sondern die Rundfahrt", sagte Armstrong zu seiner Taktik, von der Millar profitierte.

"Lance hätte mich bei einem normalen Rennverlauf packen können", gab der Tagessieger zu. Millar fuhr am Samstag eine Duchschnittsgeschwindigkeit von 54,36 Stundenkilometern. Die Bestmarke des dreimaligen Tour-Siegers Greg LeMond aus dem Jahre 1989 beträgt 54,54 Stundenkilometer. Allerdings hinkt der Vergleich, da die Strecke damals mit 24,5 Kilometern nur halb so lang war wie die des Jahres 2003.

Alexander Winokurow wurde mit einem Rückstand von 1:56 Minuten 16. In der Gesamtwertung ist der Telekom-Profi, der 4:29 Minuten hinter Armstrong liegt, Dritter. Winokurow war am Samstag von der für die kämpferische Leistung zuständigen Jury zum "aggressivsten Fahrer" der Jubiläums-Tour gewählt wurde. "Für das nächste Mal werde ich noch mehr trainieren, um in den Bergen noch mehr Zeit gutmachen zu können", versprach der Kasache.

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