Tour de France Blanke Wut über den Fall Sinkewitz

T-Mobile im Schockzustand: Fahrer Gerdemann reagiert entsetzt, Sportdirektor Aldag befürchtet nach der positiven Dopingprobe seines Schützlings Sinkewitz Häme von der Konkurrenz. Doch vor dem Start der 10. Touretappe war im Startort Tallard vor allem eines zu spüren: blanke Wut.
Von Jörg Schallenberg

Als der Bus des T-Mobile-Teams heute Morgen auf den sonnenüberfluteten Parkplatz des Ortes Tallard einbog, in dem die zehnte Etappe der Tour de France gestartet wurde, da kauerten Bob Stapleton und Rolf Aldag mit blassen Gesichtern neben dem Busfahrer und lauschten der bösen Nachricht, die sie gerade über das Handy erreichte.

T-Mobile-Teamchef Bob Stapleton: Betroffen im Bus

T-Mobile-Teamchef Bob Stapleton: Betroffen im Bus

Foto: Getty Images

Dann geschah fast eine halbe Stunde lang gar nichts. Die Türen des magentafarbenen Gefährts blieben verschlossen, während sich draußen die ersten Reporter drängelten. Drinnen hielten Teamchef Stapleton und der Sportliche Leiter Aldag eine erste Krisensitzung, um zu beraten, wie sie mit der Ergebnis der positiven A-Probe von Patrik Sinkewitz umgehen sollten, die ihnen der Bund Deutscher Radfahrer nach den ersten Telefonaten nun auch per Fax bestätigt hatte.

Schließlich wagte sich Stapleton heraus, zwang mühsam ein Lächeln auf sein Gesicht und versuchte, den Doping-GAU, den sein Team soeben erlitten hatte, möglichst gut zu verkaufen: "Er ist nur einer von mehreren Athleten, die in den Wochen vor der Tour positiv getestet wurden. Der Sport braucht so etwas: Die Fahrer müssen wissen, dass die Gefahr, beim Dopen erwischt zu werden, immer größer wird."

Auf die Frage, warum denn ausgerechnet ein T-Mobile-Fahrer gesündigt hatte, obwohl der Bonner Rennstall stets damit wirbt, das härteste interne Kontrollprogramm aller Profiteams durchzuführen, entgegnete Stapleton: "Wir führen keine Anti-Dopingtests im Team durch. Das liegt in der Verantwortung der deutschen Nationalen Antidopingagentur und der anderen Anti-Dopingagenturen." Der überhöhte Testosteronwert Sinkewitz' hätte intern sowieso nicht entdeckt werden können. "Wir kontrollieren das Blutvolumen und führen langfristrige Tests durch, aber wir testen nicht intern auf Testosteron. Wenn wir Antidopingtests im eigenen Team durchführen würden, könnte man uns vorwerfen, dass wir gezieltes Doping betreiben und das Verhalten der Fahrer damit steuern."

Weitaus weniger gefasst als Stapleton wirkte der neue T-Mobile-Star Linus Gerdemann, den das Team am vergangenen Wochenende noch als Vorzeigehelden für den erfolgreichen eigenen Kurs angepriesen hatte. Für den 24-Jährigen muss die Situation absurd gewirkt haben: Während er gerade reichlich Autogramme für die vielen angereisten deutschen Fans schrieb, musste er zugleich Fragen nach seinem mutmaßlich gedopten Teamkollegen beantworten.

Mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Verzweiflung und Abscheu schwankte, sagte er: "Ich tue mich noch schwer damit, jetzt einfach draufzuhauen. Aber wenn die B-Probe auch positiv ausfällt, habe ich kein Mitleid mit ihm. Das schadet dem Team enorm." Gerdemann war gemeinsam mit Sinkewitz am 8. Juni im Trainingslager in den Pyrenäen getestet worden.

Wie sehr der Fall Sinkewitz dem einstigen deutschen Vorzeigeteam schadet, werden wohl erst die nächsten Tage zeigen. Während ARD und ZDF ankündigten, ihre Übertragungen von der Tour de France einzustellen, bleibt Sponsor T-Mobile den Radfahrern wohl erhalten - zumindest vorerst.

Denn T-Mobile-Sprecher Christian Frommert kündigte an, "dass wir jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Das ist ein Tiefschlag für den Radsport, das ist ein Tiefschlag für unser Programm." Aldag, der selbst Epo-Doping in den neunziger Jahren gestanden hatte, gab sich gegenüber SPIEGEL ONLINE überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit seines Teams nicht unter der neuen Affäre leiden würde: "Ich habe der Nada selbst die Listen zugesandt mit unseren ganzen Aufenthaltsorten, dann sind die Kontrolleure unangemeldet angereist und haben ihre Proben genommen. Das zeigt ja, wie sehr wir dieses Vorgehen unterstützen. Und wir müssen noch viel, viel mehr kontrollieren."

Aldag befürchtet allerdings "viel Häme aus dem Feld in den kommenden Tagen". Die dürfte wohl aus Richtung jener Mannschaften kommen, denen das Vorgehen und die Selbstdarstellung von T-Mobile als klinisch reines Team suspekt vorkommt.

Doch neben Häme herrscht auch blanke Wut. Die Teamchefs der französischen Rennställe und von Gerolsteiner diskutierten auf dem Parkplatz von Tallard wenige Meter vom T-Mobile-Bus entfernt erregt. Diese Mannschaften gehören mit T-Mobile zu jenen acht, die eine eigene Gruppe innerhalb der ProTour-Teams bilden und, etwa im Gegensatz zu den spanischen Rennställen, einen härteren Anti-Dopingkurs forcieren.

Nun werden erste Zweifel daran laut, wie ernst es die einzelnen Mitglieder der "Gruppe der Acht" mit ihrem Kurs meinen. Denn während sechs dieser Teams bei der Tour eher hinterherfahren, liefern der französische Rennstall Ag2R und T-Mobile weiter gute Ergebnisse ab. Noch werden solche Verdächtigungen nicht offen geäußert, doch die Gräben zwischen den einzelnen Mannschaften werden immer größer. Unter den neun Führenden der Tour befand sich vor der zehnten Etappe mit Christoph Moreau nur ein Fahrer aus einem Team der "Gruppe der Acht". Auf Platz zehn folgt, mit etwas Abstand, T-Mobile Fahrer Kim Kirchen aus Luxemburg.

Während die Fans hinter den Absperrungen des Parkplatzes immer fassungsloser dem Treiben zusahen und sich die Fahrer auf die Räder schwangen, lief dem stets betont lockeren Stapleton nach endlosen Interviews mit diversen Fernsehteams längst der Schweiß in Strömen von der Stirn. Natürlich ist dem US-Amerikaner, der gern den positiv denkenden Sunnyboy gibt, klar, dass dieser Schlag sein Team viel härter trifft, als er vor den Kameras zugeben mag. Irgendwann, nach dem x-ten Statement, stellt Stapleton frustriert fest: "Ich bin sehr, sehr enttäuscht. Aber es existiert eine ganz miese Kultur des Dopings im Radsport, und es wird Jahre dauern, um sie zu ändern."

Das eine Problem ist, ob T-Mobile seinem Team als Sponsor diese Zeit lassen wird. Die andere, größere Schwierigkeit, besteht darin, dass sowohl das unselige Team Telekom als auch dessen Nachfolger T-Mobile ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur waren. Und offensichtlich noch sind.

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