Radprofi Froome Der unheimliche Favorit

Es war eine Machtdemonstration am Berg: Christopher Froome gilt nach seiner fulminanten Klettertour in den Pyrenäen als Anwärter auf den Sieg bei der Tour de France. Schon werden die obligatorischen Dopingfragen gestellt. Der Brite stellt sich seinen Kritikern - und doch bleiben Zweifel.

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Aus La Baule-Escoublac berichten und


So müssen Könige leben. Ein Schloss direkt am Meer, mit Türmchen auf dem Dach und Marmor auf dem Boden, die Türklinken vergoldet: Das britische Radsportteam Sky hat für die Pressekonferenz am ersten Ruhetag der Tour de France eine eindrucksvolle Kulisse ausgewählt, ein Fünfsterne-Hotel, vis-à-vis die Atlantikküste.

Mit der gebührenden Verspätung von einer Viertelstunde ziehen die Fahrer in den Saal ein und nehmen auf dem Podium Platz. In der Mitte der schmalste und drahtigste von ihnen: Christopher Froome.

Dieser schüchterne Kerl, auf dessen dünnen Armen und Schläfen man den Adern beim Pulsieren zusehen kann, soll die besten Chancen auf den diesjährigen Tour-Sieg haben?

Er scheint es selbst kaum zu glauben. Mit gesenktem Kopf und gerunzelter Stirn hört sich der 28-Jährige die Fragen der Journalisten an, er nickt verständnisvoll mit dem Kopf, wenn wieder einmal jemand seinen außergewöhnlichen Leistungen mit Skepsis begegnet. "Ich verstehe ja, dass ihr das fragen müsst", sagt er und blickt sein Gegenüber an. "Doch es ist die 'Vergangenheit', die euch diese Fragen diktiert." Er wisse ganz genau, wie hart er im Vorfeld der Tour de France gearbeitet habe und er könne sagen: "Ich bin zu 100 Prozent sauber."

Wie viele andere Radsportler dieser Generation nach Lance Armstrong hat auch der Brite Froome gelernt, Dopingfragen offensiv zu begegnen, um die Kritiker leiser werden zu lassen. Viermal baut Froome in seine Antwort das Wort "past" ein: Vergangenheit. Mit jedem Mal macht er deutlicher, dass er sich in der Gegenwart und damit in einer anderen Zeit wähnt.

Die Geschichte vom wütenden Flusspferd

Doch nicht alle Skepsis lässt sich so vertreiben. Manch einer spricht gar von Augenwischerei angesichts der Dominanz, die Froome während der ersten Pyrenäen-Etappe am Samstag an den Tag legte. 1:51 Minuten machte er auf seinen ärgsten Konkurrenten gut - den Spanier Alberto Contador, im Übrigen auch ein hervorragender Kletterer. Einen Tag später gelang es Contador und seinem Landsmann Alejandro Valverde zwar, Froome vom Rest des Teams Sky zu trennen, doch der Kapitän verteidigte das Gelbe Trikot mit aller Vehemenz, ohne Helfer.

Froome wurde als Sohn einer Kenianerin und eines Briten in Nairobi geboren, dort begann er mit dem Mountainbiken. Im kenianischen Hochland soll er die Basis für seine mentale und körperliche Stärke gelegt haben, sagt sein einstiger Trainer David Kinjah. Im Peloton erzählt man sich gern die Geschichte, dass sich Froome sogar einmal vor einem wütenden Flusspferd auf einen Baum retten musste.

Wie viel davon tatsächlich den heutigen Kämpfer Chris Froome geformt hat, ist schwer zu sagen. Es gibt aber offenbar etwas, das aus dem Athleten Froome tatsächlich einen anderen gemacht hat: Parasiten. In Afrika infizierte er sich demnach als Jugendlicher mit Bilharziose, erst 2010 soll die schwächende Tropenkrankheit erkannt worden sein. Seit er Medikamente dagegen nimmt, haben Froomes Leistungen einen erheblichen, von vielen Seiten argwöhnisch beäugten Sprung gemacht.

"Das ist Quatsch"

"Ich habe von dieser Verschwörungstheorie gehört, aber das ist Quatsch. Die Medizin bekämpft einzig die Parasiten", sagt Team-Manager Dave Brailsford SPIEGEL ONLINE. Er hat eine andere Erklärung für Froomes Leistungen parat: "Chris hat außergewöhnliche Gene, ein großes Herz und riesige Lungenflügel", sagt er. Außerdem verstehe es Froome mittlerweile, sich kontinuierlicher zu belasten, das habe er von seinem Teamkollegen und Tour-Vorjahressieger Bradley Wiggins gelernt.

Doch schafft man es so, trotz einer Fahrtechnik, die laut "Neuer Zürcher Zeitung" mehr an das "Schieben eines Einkaufswagens" erinnert, schneller als alle anderen zu sein? 23:14 Minuten benötigte Froome für den Aufstieg nach Ax-3 Domaines, es war die drittschnellste jemals gefahrene Zeit an diesem Berg. Nur wenige Sekunden langsamer als Lance Armstrong 2001 und ein paar Sekunden schneller als Jan Ullrich zwei Jahre später. Armstrongs Leistung lag über der "Mutanten"-Schwelle, die der französische Sportwissenschaftler Antoine Vayer berechnet hat, Ullrichs knapp darunter in der "Zone des Wundersamen". Und Froome? Ist demnach wundersam, Mutant aber (noch) nicht.

Das betont auch Froome selbst immer wieder. Der Einbruch seines Teamkollegen Richie Porte auf der zweiten Pyrenäen-Etappe, durch den der Australier zwölf Minuten verlor, habe deutlich gezeigt, "dass wir alle menschlich sind. Mein Team hat am Vortag viel gearbeitet, um mich in Gelb zu bringen. Danach waren alle müde". Alle. Bis auf einen.

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Seite 1
gehlhajo_reloaded 09.07.2013
1.
Zitat von sysopGetty ImagesEs war eine Machtdemonstration am Berg: Christopher Froome gilt nach seiner fulminanten Klettertour in den Pyrenäen als Anwärter auf den Tour-Sieg. Schon werden die obligatorischen Doping-Fragen gestellt. Der Brite stellt sich seinen Kritikern - und doch bleiben Zweifel. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tour-de-france-christopher-froome-kaempft-gegen-dopinggeruechte-a-910091.html
Exakt die gleichen Erklärungen wie bei Jan Ullrich seinerzeit ;=)
l.augenstein 09.07.2013
2.
Zitat von sysopGetty ImagesEs war eine Machtdemonstration am Berg: Christopher Froome gilt nach seiner fulminanten Klettertour in den Pyrenäen als Anwärter auf den Tour-Sieg. Schon werden die obligatorischen Doping-Fragen gestellt. Der Brite stellt sich seinen Kritikern - und doch bleiben Zweifel. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tour-de-france-christopher-froome-kaempft-gegen-dopinggeruechte-a-910091.html
Ah ja, riesige Lungenflügel sind es diesmal also, und eine geheimnisvolle parasitäre Krankheit, welche ihn bis 2010 geschwächt hat. Und ein großes Herz! Bei Armstrong war es der Krebs, dessen Überwindung ihn dann derart "beflügelt" hat, dass er die Berg nur so hochgeflogen ist. Nun ja! Und wahrscheinlich wird er, im Gegensatz zu Contador, auch Steaks essen. Contador tut dies ja offensichtlich nicht mehr und muß dafür Leistungseinbußen hinnehmen. Tja ....! Wer soll solche Geschichten noch glauben?
Caffeine 09.07.2013
3.
Zitat von sysopGetty ImagesEs war eine Machtdemonstration am Berg: Christopher Froome gilt nach seiner fulminanten Klettertour in den Pyrenäen als Anwärter auf den Tour-Sieg. Schon werden die obligatorischen Doping-Fragen gestellt. Der Brite stellt sich seinen Kritikern - und doch bleiben Zweifel. http://www.spiegel.de/sport/sonst/tour-de-france-christopher-froome-kaempft-gegen-dopinggeruechte-a-910091.html
1. Alberto Contador ist sicherlich ein guter Fahrer der jedoch in dieser Saison nicht annähernd in der Form vergangener Jahre ist (aus welchen Gründen spielt keine Rolle). Beim Dauphine wurde dies deutlich. Hier von erstaunlicher Distanzierung zu schreiben spricht eher von fehlender Kenntnisse der Ergebnisse in diesem Jahr. 2. Die zitierten Zeiten von Ullrich und Armstrong müssen in den entsprechenden Kontext gesetzt werden. Damals hatten die Fahrer einige Anstiege im Verlauf der Etappe zu meistern, zudem befand die Tour de France sich in der 3. Rennwoche. Froome hatte bis zum Anstieg genau einen Berg auf der Etappe in den Beinen und zudem war dies die erste Etappe der laufenden Tour de France in der es ernsthaft ums Gesamtklassment ging. (Wenn man das MZF mal aussen vorlässt). Das Rennverlauf, Streckenführung und auch Zeitpunkt in der Tour de France eine gewisse Auswirkung auf die Frische und Form haben sollte verständlich sein. Ich kann die Skepsis nachvollziehen, die Leistung von Sky am Samstag hat mich auch staunen lassen - die Rechnung gab es am Sonntag. Das sollte man fairerweise mit betrachten.
cs01 09.07.2013
4.
Da einem als Radprofi eh kein Mensch mehr glaubt, selbst wenn man sauber fährt, kann man auch dopen. Es geht doch sowieso jeder davon aus, dass man zugedopt ist ohne Ende.
carolian 09.07.2013
5. Neuer medizinischer Trick
"Seit er Medikamente dagegen nimmt, haben Froomes Leistungen einen erheblichen, von vielen Seiten argwöhnisch beäugten Sprung gemacht." Mit seiner angeblichen Krebserkrankung hat es auch Armstrong jahrelang geschafft, sein Doping zu kaschieren. Es ist schon bewunderswert, was Ärzte zustande bringen, wenn es um viel Geld geht. Als Kassenpatient und Kranker hat man leider nie was von dieser Hochleistungsmedizin. Da muss man froh sein, eine stimmende Diagnose nach Monaten zu bekommen, Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen und bei Operationen bleibende Schmerzen und Verstümmelungen, weil diese mittelmässigen Ärzte auch pfuschen. Übrigens, die Tiermediziner, die Rennpferde betreuen, sind zumeist auch Millionäre. Auch wenn sie im Knast sitzen.
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