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06. Juli 2001, 19:22 Uhr

Tour de France

Das vergebliche Warten der Franzosen

Vor 16 Jahren hat letztmals ein französischer Radprofi das größte Sportereignis seines Landes gewonnen. Und die Gastgeber der Tour de France sind sicher, dass der diesjährige Sieger wieder kein Landsmann sein wird.

Dünkirchen - Die Worte der Zuneigung stehen weiß auf blau auf einem riesigen Banner am Strand: "Dunkerque aime le Tour de France". Dünkirchen, bereits zum 18-mal Etappenort der Großen Schleife, liebt die Tour. Aber lieben die Franzosen auch ihre Radprofis?

Als letzter Franzose hat Bernard Hinault 1985 das wichtigste Radrennen der Welt gewonnen. Seitdem musste die Grande Nation Jahr für Jahr Radlern aus Spanien, Amerika und sogar Deutschland und Dänemark den Vortritt lassen. Auch in diesem Jahr kommen die großen Favoriten nicht aus der Heimat der Anquetils, Bobets und Fignons. "Eine Schande", findet Bruno, der auf der Strandpromenade Dünkirchens einen Mittagsspaziergang unternimmt.

Der letzte erfolgreiche Landsmann: Bernard Hinault im Gelben Trikot 1985
AFP

Der letzte erfolgreiche Landsmann: Bernard Hinault im Gelben Trikot 1985

Hautenges Gummi-Outfit mit Helm


Der Blick des 27-Jährigen schweift ab zu zwei jungen Frauen, die im knallgelben und hautengen Gummi-Outfit mit Helm auf Promotion-Tour für die Firma Ricard sind. Das freut das Tour-de-France-Team der ARD, das im Café "L'Ecume" unverzüglich die Lagebesprechung mit Programmdirektor Werner Zimmer unterbricht, um die Güte des berühmten Anisschnaps' zu testen. Bruno verzieht keine Miene. Die Lage ist zu ernst.

Allzu gerne nämlich würde Bruno einen seiner Landsmänner ganz oben auf dem Podium stehen sehen, aber er glaubt nicht daran: "Wir haben keinen Champion." Dem französischen Meister Didier Rous (Bonjour) traut auch der 18-jährige Francois allenfalls einen Etappensieg zu. Laurent Jalabert (CSC World Online), zwischen 1995 und 1999 viermal Weltranglistenerster und letztes Jahr kurzzeitig im Gelben Trikot, hatte seine Hoffnungen auf den Tour-Sieg bereits 1997 begraben: "Die Tour ist zu stark für mich."

Der Liebling der Fans fehlt


Masse statt Klasse wird den französischen Fans in diesem Jahr geboten. Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc nominierte trotz heftiger Kritik aus dem Ausland acht einheimische Mannschaften. Insgesamt treten 51 Franzosen beim Grand Depart am Samstag in die Pedalen, 16 mehr als im Vorjahr. Der Liebling der Franzosen jedoch wird fehlen.

"Richard Virenque ist ein Volksheld", erzählt der Journalist Laurent Perrin, der für "Le Parisien" von der Rundfahrt berichtet. Dopingsünder Virenque, 1997 als Zweiter letzter Franzose auf dem Tour-Podium in Paris, ist noch bis Mitte August gesperrt und wird erst dann für Domo-Farm Frites wieder ins Renngeschehen eingreifen. "Die Franzosen", so Perrin über den Kletterkönig, "lieben seine Angriffslust, seine Emotionen. Ihnen ist egal, dass er gedopt hat. Er spricht die Sprache des kleinen Mannes."

Moreau kämpft nur um Platz zwei


In den Popularitätswerten weit hinter seinem Ex-Teamgefährten Virenque ist Festina-Profi Christophe Moreau, der als Gesamtvierter im letzten Jahr bester französischer Radfahrer war. "Das Jahr des Eroberns für Moreau ist gekommen", titelte die Sportzeitung "L'Equipe" am Freitag. Mit dem Sieg bei der Rundfahrt Dauphiné Libéré ist der 30-Jährige aus Belfort in den Kreis der Mitfavoriten gefahren. Siegansprüche indes hegt er keine: "Wenn Armstrong dabei ist, geht es immer nur um Platz zwei." Derlei Aussagen entfachen keine neue Leidenschaft. Der Liebe der Franzosen zur "Grande Boucle" tut das aber keinen Abbruch.

"Auch wenn die Fans von den französischen Fahrern enttäuscht sind, die Tour de France finden sie magnifique", sagt Journalist Perrin, "darauf warten sie das ganze Jahr. Die Tour ist schließlich das einzige Sportereignis, das zu ihnen nach Hause kommt."

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