Tour de France Der alte Mann und das Nicht-Mehr

Bei der Tour de France hat Altmeister Erik Zabel keine Chance mehr gegen junge Sprinter wie den Briten Mark Cavendish. Doch ausgerechnet dessen Überlegenheit könnte dafür sorgen, dass der 38-jährige Zabel sein Karrierreende um ein weiteres Jahr verschiebt.

Von Jörg Schallenberg


Nîmes - Vergangene Woche in Toulouse hat sich Erik Zabel so richtig darüber gefreut, dass er zur Dopingkontrolle musste. "Das ist bestimmt ein Irrtum", hat er seinem Mannschaftsarzt noch zugerufen - doch dann tauchte der "Chaperon" auf und geleitete ihn zum Test. Die besten sechs Fahrer auf der achten Etappe waren von den Kontrolleuren einbestellt worden - doch Zabel war zutiefst überzeugt, den Endspurt dermaßen vergeigt zu haben, "dass ich maximal als Zehnter ins Ziel gekommen bin".

Sarkastischer Erik Zabel: "Das ist bestimmt ein Irrtum"
REUTERS

Sarkastischer Erik Zabel: "Das ist bestimmt ein Irrtum"

Es war dann aber doch der sechste Platz, und ein paar Tage später erzählt Zabel freudig und detailreich darüber, wie der Sprint anzog, wie er vom Hinterrad des Vordermanns aus rechts attackierte, wie der "Zug" des Belgiers Gert Steegmans auf der linken Seite "kurz vor dem Ziel stehengeblieben ist".

Es ist die Sprache der Sprinter, die Zabel spricht, und wer würde die besser verstehen als der 38-Jährige vom Team Milram, der während der Tour seinen Geburtstag feierte. Zum 14. Mal startet er in diesem Jahr bei der Tour de France, 12 Etappen hat er gewonnen und von 1996 bis 2001 sechsmal das Grüne Trikot des Punktbesten. Vielleicht auch nur fünfmal, je nachdem, wie man zählt.

Denn Zabel hat eingestanden, 1996 mit Epo gedopt zu haben, woraufhin ihm die Tour de France eigentlich das Trikot aberkennen wollte - doch in diesem Jahr wird er überraschend doch wieder in den offiziellen Siegerlisten geführt. Wie viele Triumphe waren es denn nun? "Ich glaube, ich habe genau fünf- bis sechsmal gewonnen", sagt der einstige Sprintkönig auf diese Frage und lacht.

Längst ist nichts mehr von jener Zerknirschung zu spüren, die Zabel noch im vergangenen Jahr zur Schau trug, nachdem er sein Dopinggeständnis live im Fernsehen abgelegt hatte. Damals gab er den reuigen Sünder, doch nun ist die Sache für ihn so offensichtlich abgehakt, dass es schon wieder gebührenfinanzierte Journalisten gibt, die sich erst entschuldigen, bevor sie ihm eine Frage zum Thema Doping stellen.

2008 geht es bei der Tour de France wieder um den Sprinter Zabel, doch es gibt wenig Gutes zu berichten. Nachdem mit Teamkollege Alessandro Petacchi und dem Belgier Tom Boonen zwei Hauptkonkurrenten wegen zu lockeren Umgangs mit Salbutamol bzw. Kokain gar nicht erst nach Frankreich anreisten, schienen die Chancen so gut wie lange nicht mehr, doch noch einmal in den Kampf um das Grüne Trikot einzugreifen oder nach sechs Jahren Durststrecke wieder eine Etappe zu gewinnen.

Aber nach 13 Etappen hat es bislang nur zu einem dritten Platz auf dem fünften Teilstück von Cholet nach Chateauroux gereicht, am Freitag langte es im Massenspurt von Nîmes sogar nur zu Rang acht für Zabel. Der Brite Mark Cavendish vom Columbia-Team feierte bereits seinen vierten Etappensieg - und der Altmeister aus Deutschland erkennt dessen Überlegenheit neidlos an: "Wir haben es heute im Sprint versucht, aber Cavendish ist einfach nicht zu schlagen." Schon ein paar Tage vorher hatte er festgestellt: "Cavendish ist der Mann, der hier die Maßstäbe setzt bei Endgeschwindigkeit und Durchsetzungsfähigkeit."

Kurioserweise könnte ausgerechnet der steile Aufstieg des Briten dafür sorgen, dass Zabel entgegen manchen Zeitungsmeldungen im kommenden Jahr doch noch einmal bei der Tour de France antreten wird. Das Szenario: Wenn der deutsche Columbia-Sprinter Gerald Ciolek, dessen Vertrag ausläuft, in der kommenden Saison zu Milram wechselt, dann hängt Zabel noch ein Jahr dran, um den 22-Jährigen auszubilden und den Anfahrer für ihn zu geben.

Die Frage ist zwar, ob Ciolek, der bereits seit vier Jahren Profi ist und in diesem Jahr zwei zweite Etappenplätze bei der Tour schaffte, überhaupt noch solch einen Mentor braucht, aber Teamchef Gerry van Gerwen erscheint die Konstellation perfekt: "Ich kann mir keinen besseren Lehrer vorstellen als Erik."

Und der tut alles, um Ciolek den Wechsel schmackhaft zu machen: "Cavendish, Ciolek und André Greipel sind eigentlich zu viele junge und ambitionierte Sprinter für ein Team. Bei Milram würde Ciolek als deutscher Rennfahrer die besten Aussichten haben. Für ihn wäre es ein guter Schritt zur richtigen Zeit." Doch all das sei ja noch lange nicht beschlossen, betont Zabel - und verkündet dann mit treuherzigem Blick: "So, wie es jetzt aussieht, bin ich nach dem 31.12.2008 Privatmann." Da müssen selbst ein paar Milram-Offizielle, die neben ihm sitzen, loskichern.

Es spricht vieles dafür, dass der ewige Erik auch 2009 wieder haarklein erzählen wird, warum dieser und jener Sprint so gelaufen ist - und warum die anderen mal wieder schneller waren als er selbst. Über einen sechsten Platz wie in Toulouse hätte sich der extrem ehrgeizige Zabel bislang kaum gefreut, aber in diesem Jahr scheint er endgültig zu akzeptieren, dass es nicht mehr für mehr reicht. Sein lang gehegter Wunsch, einmal die Schlussetappe nach Paris zu gewinnen, wird angesichts der überlegenen Konkurrenz auch in diesem Jahr nicht in Erfüllung gehen.

Ein Wechsel zu einem anderen Team erscheint deshalb unwahrscheinlich. "Es ist nicht so, dass ich keine Angebote hätte", sagt Zabel, "aber das hätte nur einen Sinn, wenn ich da sportliche Ziele erreichen kann, die ich bei Milram nicht verwirklichen kann." Doch für den zweitältesten Teilnehmer der Tour gibt es wohl nicht mehr viel zu erreichen, ganz gleich, für wen er startet.

Bleiben noch finanzielle Gründe - was wäre denn, wenn das neue russische, 15 Millionen Euro schwere, aber etwas zweifelhaft beleumundete Katiucha-Team ihm ein traumhaftes Angebot machen würde? "Da würde ich schwach werden", gibt Zabel zu - und grinst breit, als er fortfährt: "Aber nur wenn ich das ganze Geld für ein Jahr am ersten Tag bar ausgezahlt bekäme."



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