Tour de France Der Geschwisterliebe verdächtig

Keine Zeitung der Welt berichtet so ausführlich über die Tour de France wie "L'Equipe". Pikanterweise sind Frankreichs wichtigstes Sportblatt und die Tour-Organisation Tochterunternehmen desselben Medienkonzerns.


Boulogne-sur-Mer - Auf dem Gipfel des Col du Tourmalet in den Pyrenäen ist dem im Dezember 2000 verstorbenen Jacques Goddet ein Denkmal errichtet worden. Monsieur Goddet, der Zeit seiner 95 Lebensjahre gerne Kolonialhelm zum Tropenanzug trug, personifizierte wie kein anderer die Symbiose von Tour de France und der Sportzeitung "L'Equipe", die beide zum französischen Medienkonzern Amaury gehören.

Ist kritischer Journalismus möglich?


Jahrzehntelang war Goddet Tour-Direktor und zugleich Chefredakteur von Frankreichs einziger Sporttageszeitung, ehe er 1988 im Zuge der Dopingaffäre um den Tour-Gewinner Pedro Delgado sein Amt bei der Société du Tour de France abgeben musste. Die Ära der Ämterdoppelung war damit oberflächlich zwar beendet, doch Goddets Nachfolger als Tour-Direktor entstammt ebenfalls der Familie Amaury: Jean-Marie Leblanc war zuvor Radsport-Redakteur und Ressortleiter bei "L'Equipe".

Claude Droussent, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des 16-köpfigen "L'Equipe"-Teams bei der diesjährigen Tour, muss sich deshalb kritische Fragen gefallen lassen. Kann sein Blatt - verkaufte Auflage im Jahresdurchschnitt 400.000 - kritisch über die Tour und die Arbeit der Veranstalter berichten? "Ja", behauptet Droussent gegenüber SPIEGEL ONLINE, "mein oberster Boss, Amaury-Chef Jean-Pierre Courcol, sagt 'L'Equipe' und die Société du Tour de France sollten so arbeiten, als seien sie keine Schwestern."

Auch im Internet vertreten: Frankreichs einzige Sporttageszeitung "L'Equipe"

Auch im Internet vertreten: Frankreichs einzige Sporttageszeitung "L'Equipe"

"Die beste Doping-Berichterstattung"

Früher, gesteht Droussent, habe die Tour-Direktion der "L'Equipe" Informationen exklusiv gesteckt. Das sei heute anders - was sich die Konkurrenz indes nur schwer vorstellen kann. "Wir kritisieren sehr wohl Entscheidungen von Leblanc", wehrt sich Droussent und gibt ein aktuelles Beispiel. "Als die Mannschaft von Marco Pantani nicht zur Tour zugelassen wurde, lautete unsere Schlagzeile auf der ersten Seite 'Die Tour vergisst Pantani'."

Vehement wehrt sich der "L'Equipe"-Mann gegen den häufig erhobenen Vorwurf, seine Zeitung vernachlässige die Berichterstattung über Doping. "Das ist nicht wahr. Wir arbeiten bei der Tour de France mit zwölf Radsportredakteuren, davon ist einer ausschließlich für das Thema Doping zuständig. Keine französische Zeitung ist in diesem Thema besser als wir."

Gegenkampagne


Manchmal beißt sich der von Droussent beschworene gute Journalismus aber doch mit den Interessen des Amaury-Konzerns. Als die Tageszeitung "Le Monde" anlässlich des Dopingskandals 1998 in einem Kommentar den Abbruch der Tour de France forderte, stärkte "L'Equipe" der Tour-Direktion den Rücken. Auf die bösen Unterstellungen aus dem liberalen Lager reagierte das Blatt mit einer Kampagne zur Fortsetzung des Rennens.



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