Tour de France Die Erben des Kannibalen bitten ans Büffet

In seinem Heimatland fuhr der Belgier Marc Wauters ins Gelbe Trikot. Die Begeisterung auf und neben der Tour-Strecke Richtung Antwerpen war aber schon vorher sensationell.


Antwerpen - Die Belgier und ihre Radfahrer haben ein ganz besonders Verhältnis zueinander. Zuweilen führt es sie bis ins Standesamt, wie 1997, als Belgiens bester Sprinter der Gegenwart, Tom Steels (Mapei), seinen größten Fan Leen zur Frau nahm.

Die Liebe genährt hatte rund drei Jahrzehnte zuvor auch Eddy Merckx. Fünfmal gewann Belgiens bester Radfahrer aller Zeiten die Tour de France. Merckx' Spitzname war "Kannibale". Er konnte nie genug bekommen: 1969 gewann er das Gelbe, das Grüne und das Berg-Trikot auf einer Tour. Sein Rekord von insgesamt 34 Etappensiegen ist bis heute unangetastet.

Belgischer Feiertag


Radsportfans zwischen Calais und Antwerpen: "Extreme Begeisterung"
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Radsportfans zwischen Calais und Antwerpen: "Extreme Begeisterung"

Seit 1976, als der Kletterspezialist Lucien van Impe siegte, gewann kein Belgier mehr die "Grande Boucle". Und obwohl unter Merckx' Erben noch heute kein Rundfahrspezialist ist - auch nicht dessen leibhaftiger Sohn Axel (Domo-Farm) -, begingen die Menschen in Flandern am Montag die zweite Etappe der Tour de France 2001, die über 218,5 Kilometer von Calais nach Antwerpen führte, wie einen Feiertag.

Jedes zweite Fenster entlang der Strecke durchs flache Land war mit der belgischen Flagge oder der Fahne mit dem flämischen Löwen drapiert. Kleine Dörfer hatten Zuschauertribünen aufgestellt, alte Männer ihre Sessel im Vorgarten platziert. Wer noch gut auf den Beinen war, hatte sich zum Ziel am Schelde-Ufer aufgemacht, wo sich die Menschen schon sechs Stunden vor der erwarteten Ankunft des Pelotons wie bei einem Rockkonzert um die besten Plätze vor der Absperrung drängelten. Rudy Pevenage, Sportlicher Leiter von Team Telekom, sagt: "Radsport ist für uns Belgier neben Fußball die Sportart Nummer eins."

Mit 60 Stundenkilometern am Büffet vorbei


Das schwarz-gelb-rote Treiben am Straßenrand empfand Erik Zabel (Telekom) als "extreme Begeisterung". Für Zabel, der im Ziel das Grüne Trikot an den Esten Jaan Kirsipuu (AG2R) verlor, ist es "ein Phänomen der Tour de France, das immer dann auftritt, wenn sie Frankreich verlässt." Es ist aber ganz besonders ein belgisches Phänomen.

So informierte Nico Mattan unterwegs die Kollegen, dass sein Fanclub einen Kilometer hinter der französisch-belgischen Grenze ein Büffet aufgebaut hat, und bat das Peloton zum zweiten Frühstück. Eine Ausreißergruppe schlug die nette Einladung jedoch aus und raste mit 60 Stundenkilometern an den flämischen Spezialitäten vorbei. Cofidis-Profi Mattan dagegen wusste, was sich gehört, und stieg kurz vom Rad.

Kurioser Ausflug ins Dorf der Eltern


Sein Landsmann Paul van Hyfte ließ sich 60 Kilometer vor dem Ziel, mit einer Minute Vorsprung allein in Führung liegend, von seinen Fans feiern, als habe er soeben hintereinander den Giro, die Tour und die Vuelta gewonnen. Immer wieder riss der Belgier die Arme hoch und winkte ins frenetisch applaudierende Publikum, um kurz danach von den Verfolgern eingeholt zu werden. "Van Hyfte hat uns gebeten, ihn kurz vorfahren zu lassen, damit er die Zuschauer im Dorf seiner Eltern grüßen kann", verriet Zabel die Vorgeschichte des kuriosen Auftritts vom Fahrer aus dem belgischen Lotto-Team.

Selbst die Königsfamilie fiebert mit


Beim Finale in Antwerpen hatten die Fans auf die Spurtqualitäten von Steels gesetzt, der in den letzten drei Jahren neun Tour-Etappen für sich entscheiden konnte, aber der 29-jährige Sprintstar ist nach seinem Pfeifferschen Drüsenfieber am Jahresanfang immer noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte und landete schließlich abgeschlagen auf Position 45. Doch zur Freude von König Albert und Königin Paola, die in der Ehrenloge mitfieberten, sprang ein anderer Belgier in die Bresche.

Ein Traum wird wahr


Marc Wauters (Rabobank) zog als Erster den Spurt an und hatte damit Erfolg. Der 32-Jährige verwies den Franzosen Arnaud Pretot (Festina) und den Südafrikaner Robert Hunter (Lampre) auf die Plätze zwei und drei. "Dieser Etappensieg war mein Traum. Dass ich dazu noch das Gelbe Trikot gewonnen habe, ist phantastisch", resümierte Wauters überglücklich.

Pevenage hält große Stücke auf seinen Landsmann, sähe ihn gerne im Team Telekom: "Marc Wauters ist ein Edelhelfer. Er arbeitet viel, ist nicht schlecht in den Bergen und kann auch Rennen gewinnen. Ich glaube nicht, dass man ihm am Dienstag das Gelbe Trikot abnehmen kann."

Mit Prognosen bei den Rennen der radsportverrückten Belgier sollte man allerdings vorsichtig sein. Die dritte Etappe am Dienstag führt von Antwerpen nach Seraing, vorbei an Wauters Heimatort Lummen. Der Mann in Gelb hat bereits angekündigt: "Ich werde dort anhalten, um meine Familie zu grüßen."

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