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10. Juli 2001, 15:25 Uhr

Tour de France

Die Macht des kleinen Manns im Ohr

Seit rund vier Jahren sind die Radprofis während der Rennen ans Funksystem angeschlossen. Diese moderne Form der Kommunikation macht aber nicht alle glücklich.

Funk ist Trumpf: Telekom-Sportdirektor Pevenage (l.) und sein Schützling Udo Bölts prüfen, ob die Leitung frei ist
DPA

Funk ist Trumpf: Telekom-Sportdirektor Pevenage (l.) und sein Schützling Udo Bölts prüfen, ob die Leitung frei ist

Seraing - Erik Zabel fuhr der Schreck in die Glieder, als er über Funk von einem Massensturz auf der zweiten Etappe der diesjährigen Tour de France erfuhr. "Jan, bist du dabei?", hatte Telekoms Sportlicher Leiter Rudy Pevenage mehr geschrieen als gefragt. Zabel hatte "Jan ist dabei" verstanden und sich sofort mit Schrecken an die Frankreich-Rundfahrt von 1997 erinnert. Damals war sein damaliger Kapitän Bjarne Riis in einen schweren Sturz verwickelt worden. "Das", gesteht Zabel heute, "ist immer noch ein Trauma für mich."

Funkspruch machte Zülles Siegchancen zunichte


Im Normalfall allerdings sorgt die Funkverbindung zwischen Mannschaftsleitung und Fahrern für idealen Informationsaustausch. Radpannen können auf diese Weise schnellstmöglich behoben, Rückstände und Ausreißergruppen gemeldet werden. Die Verwirrung um Ullrich am Montag führte jedoch dazu, dass das Telekom-Team erst mit Verspätung die Verfolgung einer Ausreißergruppe aufnehmen konnte und sie vor dem Ziel auch nicht mehr erreichte.

Auch der nun für das deutsche Coast-Team fahrende Schweizer Alex Zülle hat bei der Tour de France vor zwei Jahren unschöne Erfahrungen mit der Macht des "kleinen Mannes im Ohr" machen müssen. Der damalige Banesto-Kapitän, als Mitfavorit gestartet, stürzte auf der glitschigen Passage nach Saint-Nazaire. Nur Sekunden später erhielten seine ärgsten Kontrahenten Lance Armstrong und Abraham Olano die Nachricht und zogen sofort das Tempo an. Zülle verlor im Gesamtklassement sechs Minuten und damit alle seine Chancen auf den Tour-Sieg.

"Der Renninstinkt verkümmert"


Bei dieser Tour de France fährt das Team Telekom erstmals komplett mit dem Knopf im Ohr. Keiner seiner neun Fahrer sei dazu verpflichtet, erklärt Rudy Pevengae, "aber die meisten sind zufrieden". Kritiker dieser Entwicklung beklagen, dass den Fahrern bei Vertrauen auf die Errungenschaften der modernen Kommunikation die strategischen und taktischen Fähigkeiten abhanden kommen. "Der Renninstinkt verkümmert", sagt beispielsweise der fünffache Tour-Gewinner Bernard Hinault, "die Fahrer verkommen zu reinen Tretmaschinen."

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