100. Tour de France Totgesagte radeln länger

Was bleibt von der 100. Tour de France - außer schweren Beinen? Im Ausland wundert man sich über die Deutschen, die trotz ihrer erfolgreichen Fahrer das Event nicht mal übertragen. Die Doping-Diskussion hat eine neue Ebene erreicht.

Radprofis bei der Tour: Traditionelles Finale in Paris
AFP

Radprofis bei der Tour: Traditionelles Finale in Paris

Aus Paris berichtet


Manchmal ist es in Ordnung, sich selbst zu feiern. Nach drei Wochen harter Arbeit, nach vielen schlaflosen Nächten, nach Tausenden Kilometern auf der Straße: Frankreich hat es sich verdient, über die Stränge zu schlagen. Die 100. Tour de France ist vorbei, begossen wird sie mit einem rauschenden Fest, erst auf Schloss Versailles, dann auf den Pariser Champs-Elysées, mit Champagner und mit Feuerwerk.

Was bleibt von dieser Jubiläumsrundfahrt, außer einem Kater und schweren Beinen?

Zunächst einmal die Feststellung, dass die Tour lebendig ist wie eh und je. Während sich in Deutschland viele Menschen enttäuscht vom Radsport abgewendet haben, atmen die Franzosen diesen Sport. Die Tour ist Frankreich. Fast eine Million Menschen versammelte sich am vergangenen Donnerstag entlang der 21 Serpentinen hinauf nach Alpe d'Huez, so viele wie bei vielleicht 15 Fußballspielen auf einmal.

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100. Tour de France: Die große "Tortour" durch Frankreich
Fans aus aller Welt reisten nach Frankreich, um dabei zu sein, wenn sich ihre schmalen Helden die Alpenpässe hinaufquälten; Kolumbianer, Australier, Kenianer, Japaner und, natürlich, die Holländer. Manche von ihnen zogen dem Tour-Tross drei Wochen lang hinterher, übernachteten im Auto und waren schon zufrieden, wenn das Bier nicht warm wurde und die Fahrer einmal am Tag für fünf Sekunden an ihren Campingstühlen vorbeirauschten.

Über tausend Journalisten aus der ganzen Welt begleiteten die Tour in die kleinsten französischen Dörfchen, berichteten von diesem Mikrokosmos der Superlative. Und wunderten sich, dass das Rennen in Deutschland nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurde. "Ihr habt doch so gute junge Fahrer", sagten sie, und wenn man erklärte, dass es mit den Skandalen irgendwann zu viel war, mit Telekom, T-Mobile, Gerolsteiner und Lance Armstrong, war ihre Antwort simpel: "Mais c'est le Tour!", aber es ist doch die Tour! Als ob das mehr zählt als alles andere.

Neue Kommunikationsstrategien über Doping

Es wurde auch über Doping gesprochen bei dieser Tour de France. Doch es entstand der Eindruck, dass die Diskussion über das eigentliche Problem immer häufiger einer Diskussion über die richtige Kommunikationsform weicht. "Wir wissen ja, dass ihr diese Fragen stellen müsst, wir kennen die Vergangenheit. Aber das hat mit uns nichts mehr zu tun", waren einige der am häufigsten gebrauchten Sätze der Radprofis auf Pressekonferenzen - der Gesamtsieger Christopher Froome wiederholte sie immer wieder. Als gehörten die Doping-Fragen zu einer früheren Zeit des Radsports und als müsse man sich als Profi der ausgerufenen "neuen Generation" eben noch eine Weile damit abfinden.

Dabei ist es ausgerechnet Froome, der das Streitthema Doping mit seiner Dominanz auf eine neue, eine sportwissenschaftliche Ebene hebt. An seinen Leistungen scheiden sich die Geister. Kann einer wie er wirklich sauber sein? Jede seiner Bewegungen wurde mit Argusaugen beobachtet, und siehe da: Froomes Wattzahlen am Berg ließen innerhalb der drei Wochen tatsächlich ein wenig nach. Trotzdem war er noch immer stärker als alle anderen. Das Misstrauen gegenüber dem Sieger ist, wie wohl in jedem Jahr, groß.

Über all dem schwebte während der drei Wochen zudem das Wissen, dass der französische Senat am 24. Juli den Untersuchungsbericht zu Doping im Jahr 1998 veröffentlicht. Auf den Listen könnten Namen auftauchen von Fahrern, die noch immer aktiv sind. Die internationale Fahrervereinigung wollte verhindern, dass die Namen genannt werden - ohne Erfolg. Bei allen Parolen für einen neuen, sauberen Radsport, zeigt das: Es ist nicht vorbei.

Deutsche Fahrer setzen Ausrufezeichen

Auch deshalb gibt es solche, die sich das offensive Sprechen über Doping zur Aufgabe gemacht haben, allen voran drei junge Deutsche, die gemeinsam gegen den Betrug kämpfen: Tony Martin, Marcel Kittel und John Degenkolb. Der Sprinter Kittel gewann die erste Etappe auf Korsika, anschließend folgten drei weitere Siege, unter anderem der prestigeträchtige auf den Pariser Champs-Elysées. Martin war Schnellster beim Einzelzeitfahren nach Mont Saint-Michel, Degenkolb raste einmal auf den zweiten Platz. Alle drei schleppten sich in der letzten Woche durch die Alpen, das Gesamtklassement schlossen sie auf den Rängen jenseits der 100 ab.

Doch sie haben kleine Ausrufezeichen gesetzt, die in der Heimat durchaus wahrgenommen wurden. Bis sich dort wieder Sponsoren finden, die ein neues deutsches Profiteam unterstützen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Aber vielleicht hilft es, dass Martin ankündigte, sich fortan auf das Gesamtklassement konzentrieren zu wollen, die wohl faszinierendste aller Disziplinen, und derzeit fest in britischer Hand.

Nun aber ist Zeit, Wäsche zu waschen, Wunden zu lecken und den Pariser Kater zu vertreiben. 16-mal, so wie sein Kollege Jens Voigt, müsse er sich das sicher nicht antun, sagt Degenkolb, für den es die erste Tour de France war. Aber ein paar Mal noch: auf jeden Fall. "Vive le Tour!"

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onkendonk 22.07.2013
1. Und wer hat gewonnen?
Wie lange es wohl diesmal dauern wird bis der Gewinner feststehen wird, und für wie lange er seinen Titel behält wenn neue Analyse- und Nachweismethoden sich durchsetzten und die B-Proben geöffnet werden? Die Tour ist eine einzige Farce, alleine Cantadope war diesmal wohl halbwegs sauber (sonst hätte er "vorläufig" gewonnen).
spiegelmo 22.07.2013
2. Soll am deutschen Wesen der Radsport genesen?
Das öffentlich rechtliche Fernsehen will 2014 ganz aus der Tour aussteigen. Begründung: Dopingverdacht. Soll die Tour am deutschen Wesen genesen? Dann muss aber auch aus anderen Sportarten ausgestiegen werden, denn fast bei allen wichtigen Sportarten tauchen bestimmte Namen von Ärtzen auf. Diese Listen sind aber nicht offen. Anders herum, je mehr Geld im Spiel ist, desto weniger wird öffentlich. Der Radsport hat viel geändert und ist auf einem besseren Weg. Dass die Intendaten des Fernsehens die politische Dimension des deutschen Ausstiegs nicht erkennen, zeigt, wie einspurig gedacht wird. Die Tour ist das wichtigste Sport- Gesellschaftsereignis in Frankreich. Weit vor Fußball oder Rugby. Um die französische Seele etwas zu verstehen, muss man die Tour verstehen. Und wer aus den Fernsehübertragenungen aussteigt, der steigt aus dem Geist des deutsch-französischen Vertrags aus. Meine Meinung: Über Doping reden und es bekämpfen aber, Weiter intelligent die Tour übertragen, auch in Deutschland.
chico 76 22.07.2013
3. Einige selbstkritische
Sätze über unsere Medien, die einer Art Sippenverhaftung frönen, wären durchaus angebracht gewesen, liebe Sportredakteure. Die hohen Einschaltquoten beweisen, dass Radsport, trotz vergangener Dopingvergehen, nichts an Attraktivität eingebüsst hat.Das ständige Anklagen und Verdacht kolportieren wird diesem spannendem Sport nicht gerecht, schon garnicht ...zigtausenden Nachwuchssportlern. Mal sehen, welche Klimmzüge die ÖR veranstalten, weil sie trotzdem 100m-Läufe bei Olympia übertragen, anstatt wie bei der Tour auf Frauenfussball ( gähn ) setzen, mit durchschnittlich 800 Zuschauern/BL-Spiel (incl.Bekannt-Verwandtschaft).
sbollien 22.07.2013
4.
Ich glaube HIER liegt ein Missverständnis vor. Fahrer wie Kittel oder Greipel sind SPRINTER. Ihnen ging es nie darum, die Tour zu gewinnen oder unter die Top 20 zu kommen, sondern um Etappensiege bei Flachetappen. Genauso wie Tony Martin (Zeitfahrweltmeister) seine Qualitaeten gegen die Uhr demonstrieren wollte (und trotz Verletzung konnte}. An seinem Kommentar "im naechsten Jahr vllt. aufs Gesamtklassement" erkennen Sie, dass je nach Zielvorgabe/Fahrertyp und eigene Rolle im Team trainiert wird. Ich finde die Leistung der deutschen Fahrer bei der diesjaehrigen TdF beachtlich.
justanotherusername 22.07.2013
5.
Es wird langsam Zeit, das der Giro, die Tour und die Vuelta in D wieder übertragen werden, genügend Fans sind definitiv vorhanden. Das Problem sind eher die Leute in den "Entscheiderpositionen", denen die Heldenverehrung von Ulle, Armstrong und Co. immer noch peinlich ist. Anstatt die enormen Leistungen kritisch zu hinterfragen, hat man sich mit Supermännern wohlgefühlt und ihnen jede Menge Kohle hinterher geworfen. Ja wir Fans wollen einen sauberen Radsport, das heißt aber auch zu ertragen, das Betrüger entlarvt werden.
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