Tour-de-France-Spitzenreiter Bernal Unangreifbar zum Triumph

Egan Bernal verteidigte das Gelbe Trikot in Val Thorens. Der Kolumbianer steht vor dem größten Triumph seiner Karriere. Vorjahressieger Geraint Thomas gratulierte noch vor der Ziellinie.

Egan Bernal (l.) wurde von Geraint Thomas (r.) geherzt
Gonzalo Fuentes / REUTERS

Egan Bernal (l.) wurde von Geraint Thomas (r.) geherzt

Von


Szene der Etappe: Vorjahressieger Geraint Thomas nahm Egan Bernal kurz vor der Ziellinie an der Hand und klopfte seinem Teamkollegen in Gelb anerkennend auf den Rücken. Bernal lächelte erleichtert und ballte die Faust. Er hatte das Maillot Jaune am schweren Anstieg von Val Thorens erfolgreich verteidigt und ist damit so gut wie sicher Sieger der Tour de France 2019. Im Ziel umarmten und herzten Bernals Familie und Freunde den kleinen Kolumbianer.

Was ist hier los? "Es wird Tage brauchen, bis ich realisiert habe, was passiert ist. Ich kann nicht beschreiben, was gerade passiert", sagte Bernal im Ziel: "In Kolumbien muss die Stimmung fantastisch sein." Der Ineos-Fahrer wäre der erste Kolumbianer, der die Tour de France gewinnt. Der jüngste Sieger wäre er aber nicht, den Rekord hält der Franzose Henri Cornet, der 1904 im Alter von 19 Jahren gewann.

Haialarm: Erster im Ziel war aber der Italiener Vincenzo Nibali, der Hai von Messina. Früh hatte der Tour-Sieger von 2014 sich mit einigen Ausreißern vom Peloton abgesetzt. Seine Begleiter wurden am finalen Anstieg allesamt eingeholt, doch Nibali hielt sich an der Spitze und fuhr mit einer starken Leistung zu seinem sechsten Etappensieg bei einer Frankreich-Rundfahrt.

Klassement der Etappe: Nibali gewann die 20. Etappe von Albertville nach Val Thorens vor Weltmeister Alejandro Valverde und Mikel Landa. Alle Augen richteten sich aber auf die Gesamtwertung: Bernal verteidigte das Gelbe Trikot mit 1:11 Minuten Vorsprung vor seinem Teamkollegen Thomas und dem Niederländer Steven Kruijswijk. Auf der letzten Etappe am Sonntag wird das Maillot Jaune traditionell nicht mehr attackiert. Aufgrund seiner erst 22 Jahre führt Bernal auch in der Nachwuchswertung. Der Franzose Romain Bardet wird das Bergtrikot nach Paris tragen, Topstar Peter Sagan das Grüne Trikot. Hier geht es zum Etappenbericht.

Abgekürzt: Ursprünglich sollte die 20. Etappe mit 130 Kilometern und drei Bergwertungen ein kräftezehrendes und actiongeladenes Tourfinale sein. Doch aufgrund der stürmischen Wetterbedingungen wurde die Strecke auf 59,5 Kilometer verkürzt, nur der letzte geplante 33 Kilometer lange Anstieg nach Val Thorens wurde befahren. Damit zählte der Tagestrip zu den kürzesten Etappen der Tourgeschichte.

Verzweifelte Flucht: 29 Fahrer flüchteten kurz nach dem Start vor dem Peloton. Ihr Ziel war klar: Vor dem Anstieg so viele Minuten Vorsprung wie möglich rausfahren, um am Berg nicht mehr eingeholt werden zu können. Der Plan ging aber nur bei Nibali auf. Einen verzweifelten Versuch, das Bergtrikot zurückzuerobern, startete Tim Wellens. Der Belgier wurde aber sehr schnell wieder eingefangen und Bardet nicht mehr gefährlich.

Durchgereicht: Bevor Thomas im Ziel Bernal die Hand schütteln konnte, hatte Julian Alaphilippe das schon längst erledigt. Kurz nach dem Start fuhr der ehemalige Führende zum Mann in Gelb und nahm seine Hand. Offenbar war Alaphilippe zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass er das Maillot Jaune am vorletzten Tag nicht zurückerobern würde. Am Anstieg konnte er mit der Gruppe der Favoriten nicht mithalten, verlor drei Minuten auf Bernal und flog sogar vom Podium auf den fünften Platz im Gesamtklassement. Bitter für den Mann, der das Gelbe Trikot auf 14 Etappen getragen hatte.

Podium + 1: Verausgaben sollte sich der deutsche Topfahrer Emanuel Buchmann, das hatte zumindest sein Teamchef von Bora-Hansgrohe angekündigt. Der Angriff des 26-Jährigen ließ dann aber lange auf sich warten, erst auf den letzten zwei Kilometern setzte er zur Attacke an. Thomas und Bernal hatten kein Problem, den Deutschen wieder einzuholen. Buchmann blieb Vierter im Gesamtklassement. "Der vierte Platz war eine Traumvorstellung. Das ist richtig geil", sagte er: "Mehr war nicht drin. Bernal, Thomas und Kruijswijk waren zu stark. Da muss man zufrieden sein, wenn andere stärker sind."

Wie geht es weiter? Die Trikots wechseln am Sonntag nur, sollte ihr aktueller Träger nicht ins Ziel kommen. Spannend wird es aber im Kampf um den prestigeträchtigen Etappensieg auf den Champs-Élysées (18.00 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Wenn das Peloton in den Abendstunden gegen 20 Uhr Paris erreicht, hoffen vor allem die Sprinter um Caleb Ewan und Peter Sagan auf einen abschließenden Erfolg.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aggro_aggro 27.07.2019
1. Comeback des deutschen Radsports
Ich habe seit mindestens 10 Jahren wieder mal wieder die Tour verfolgt, und ich hatte Spass. Dass die Spitze so eng beieinander ist macht die Sache spannend, allerdings scheint es als ob niemand attackiert, weil die Favoriten bei jedem Anstieg bis zum Ende zusammen bleiben. Im Grunde ist Bernal einmal weggekommen für eine Minute und Thomas und Krujswijk haben eine Minute beim Zeitfahren gewonnen. Ansonsten Gleichschritt. Aber außer Buchmann gibt es offensichtlich noch andere deutsche Talente, die aufs Klassement fahren könnten. Wenn ein deutscher Rennstall diese vereint kann Ineos einpacken.
luvschot 27.07.2019
2. So..
..sehr ich den Auschluss von Rowe und Martin bedauert habe, und auch der Meinung war, dass dies eine "bewusste" Entscheidung der Rennleitung war, so sehr fand ich die Entscheidung die Freitagsetappe mit der Wertung am Col d'Iseranzu beschliessen richtig. Meine Befürchtung, dass Alaphilippe bevorzugt wird, wurde nicht bestätigt. Heute hat er bei einer nicht wirklich anspruchsvollen Etappe nicht mehr mithalten können. Zugegeben, die Steigung war hammerhart, aber die eigentliche Idee dieser Etappe war durch die Entscheidung der Jury weniger scharf. Erstaunlich bleibt, dass die Abstände zu knapp waren. Das Poduim geht aber in Ordnung. Buchmann hat geliefert. Und wie! Wenn Bora-Hans-Grohe in eine entsprechende Mannschaft investiert, könnte man das gelbe Trikot in Angriff nehmen. Und Kämna scheint zu Höherem berufen zu sein. Tolle Leistung. Lediglich Katusha-Alpecin hat auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass Geld keine Etappen gewinnt. Immer vorne dabei, aber niemals wirklich vorne.
Prussia Culé 28.07.2019
3.
Zitat von luvschot..sehr ich den Auschluss von Rowe und Martin bedauert habe, und auch der Meinung war, dass dies eine "bewusste" Entscheidung der Rennleitung war, so sehr fand ich die Entscheidung die Freitagsetappe mit der Wertung am Col d'Iseranzu beschliessen richtig. Meine Befürchtung, dass Alaphilippe bevorzugt wird, wurde nicht bestätigt. Heute hat er bei einer nicht wirklich anspruchsvollen Etappe nicht mehr mithalten können. Zugegeben, die Steigung war hammerhart, aber die eigentliche Idee dieser Etappe war durch die Entscheidung der Jury weniger scharf. Erstaunlich bleibt, dass die Abstände zu knapp waren. Das Poduim geht aber in Ordnung. Buchmann hat geliefert. Und wie! Wenn Bora-Hans-Grohe in eine entsprechende Mannschaft investiert, könnte man das gelbe Trikot in Angriff nehmen. Und Kämna scheint zu Höherem berufen zu sein. Tolle Leistung. Lediglich Katusha-Alpecin hat auf eindrucksvolle Weise gezeigt, dass Geld keine Etappen gewinnt. Immer vorne dabei, aber niemals wirklich vorne.
Ich bin auch sehr gespannt wie Bora das Tour-Team 2020 aufstellen wird. Wenn Bora mit Sagan – oder vielleicht auch mal mit Ackermann – weiter auf Grün setzt UND mit Emu auf das Gesamtklassement gehen möchte, wird die Balance zwischen Anfahrer & Bergleute schwierig werden. Einzig Jumbo-Visma hat diese Doppelstrategie 2018 & 2019 ganz gut hinbekommen. Groenewegen gewann 4 Etappen in den letzten 3 Jahren, Roglic & Kruijswijk kamen 2018 am Ende auf Platz 4 & 5. Sunweb hätte dieselbe Strategie mit Doumulin und Matthews gehabt, wobei man Matthews klar sagte: In Sachen Grün bist du auf dich allein gestellt. ----- Sagan kommt gut mit wenig Hilfe klar, Ackermann braucht i.d.R. eher ein paar "Co-Piloten". Das Team hat für die Berge gute Leute: Großschartner, Konrad, Mühlberger, Schachmann, McCarthy, Majka. Insgesamt aber doch schwächer als Ineos, Jumbo-Visma, Mitchelton-Scott oder Movistar – wobei die seit Jahren ihre Stärke nicht gut ausnutzen. Der ein oder andere Transfer kommt sicher auch noch, vielleicht ein starker Edelhelfer, aber das "Gelb-Grün-Verhältnis" wird schwierig.
thomasbonn21 28.07.2019
4. an luvschot
Das Toni Martin rausflog habe ich sehr begruesst. Der hat sowieso ein riesiges Verhaltensproblem. Wer am groessten Radsportler aller Zeiten, an Eddy Merckx, der ihm nach dem gewonnenen Mannschaftszeitfahren gratulieren will, vorbeilaeuft ohne ihn wahrzunehmen, hat massiv einen an der Klatsche und definitiv kein Benehmen.
Davids und Del Piero 28.07.2019
5. Teamzusammensetzung
Endlich mal wieder eine Tour, an der ich richtig Spaß hatte, auch wenn die Alpenetappen nicht das gehalten haben, was sie versprochen haben. Zu Bora H.G.: Ich denke auch, dass Sagan alleine klar kommt und keine Sprinthelfer braucht. Daher könnten die restlichen Fahrer zur Unterstützung von Buchmann und im Hinblick auf das Teamzeitfahren ausgewählt werden. Für einen weiteren Sprinter wie Ackermann sehe ich allerdings keinen Platz, zumal er sicherlich 1-2 Anfahrer bräuchte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.