Geröll und Wetterkapriolen Rennabbruch verhagelt Frankreich die Tour

Eine Verletzung, Geröll, Hagel und ein starker Egan Bernal zerstören Frankreichs Traum vom ersten Toursieg seit 34 Jahren. Thibaut Pinot bricht noch auf dem Rad in Tränen aus.

Julian Alaphilippes Tage im Maillot Jaune sind gezählt
Thibault Camus / AP

Julian Alaphilippes Tage im Maillot Jaune sind gezählt

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Szene der Etappe: Tour-Direktor Christian Prudhomme lehnte sich weit aus dem Fenster seines Autos, schaute das Führungsduo Simon Yates und Egan Bernal an und schüttelte den Kopf. Abbruch. Die 19. Etappe der Tour de France wurde in der Abfahrt vom Col de l'Iseran gestoppt, nach gerade einmal 89 von 126,5 Kilometern. Denn weiter unten am Berg lagen Hagel und eine Gerölllawine auf der Straße. Ein Bagger räumte die Fahrbahn frei, damit wenigstens die Teamfahrzeuge durchfahren konnten.

Überraschendes Ziel: Vom Rennabbruch hatten die Fahrer bis zum Gipfel des Iseran nichts geahnt. Doch die Veranstalter erklärten, die Zeiten von der Bergwertung würden nun als Etappenergebnis zählen. Das ist nach dem Regelwerk des Radsportweltverbandes UCI möglich. Dort heißt es, im Falle eines außergewöhnlichen Vorfalls könne die Strecke durch die Veranstalter modifiziert oder Ergebnisse von einem Zwischensprint oder der Bergwertung verwendet werden.

Klassement der Etappe: Toptalent Egan Bernal hatte am Anstieg zum Iseran eine Attacke gegen alle anderen Favoriten gestartet und fuhr als Erster über die Kuppe des 2770 Meter hohen Berges. Durch seinen Vorsprung von mehr als zwei Minuten auf den abgehängten Gesamtführenden Julian Alaphilippe übernahm der Kolumbianer das Gelbe Trikot. In der Gesamtwertung hat er nun 45 Sekunden Vorsprung auf Alaphilippe, Geraint Thomas ist Dritter mit 1:03 Minuten Rückstand. Nach der Entscheidung der Rennleitung wurde aber kein Fahrer zum Etappensieger gekürt. Romain Bardet behielt das Berg-, Peter Sagan das Grüne Trikot. Hier geht es zum Etappenbericht.

Verständnis: Einige Fahrer wirkten in ihrer ersten Reaktion ungläubig und frustriert. Angesichts der Bilder der unbefahrbaren Straßen hatten sie aber Verständnis für die Entscheidung. "Das ist mir noch nie passiert, so viel Hagel auf der Straße habe ich noch nie gesehen, die Entscheidung war schon richtig", sagte der deutsche Topfahrer Emanuel Buchmann. Ralph Denk, Teammanager von Buchmanns Mannschaft Bora-Hansgrohe, stimmte zu: "Es ist die absolut richtige Entscheidung. Die Jury hat eine ganz gute Lösung gefunden, indem sie die Zeit auf dem Iseran genommen hat."

Herz gebrochen: Bis dato war das Thema des Tages ein anderes. Der französische Hoffnungsträger Thibaut Pinot musste das Rennen nach 30 Kilometern aufgrund einer Muskelverletzung aufgeben. Während der Fahrt verband der Tourarzt Pinots Oberschenkel, doch auch das half nicht, der 29-Jährige fiel weit hinter das Peloton zurück. Noch auf dem Rad fing der Fünftplatzierte an zu weinen und wurde von seinem Helfer William Bonnet in den Arm genommen. Dann gab er das Rennen auf. Lesen Sie hier weitere Einzelheiten.

Thibaut Pinot (l.) brach noch auf dem Rad in Tränen aus
Marco Bertorello / AFP

Thibaut Pinot (l.) brach noch auf dem Rad in Tränen aus

Rasanter Beginn: Schon mit dem scharfen Start schlug das Peloton ein rasantes Tempo an. Früh gingen müde Fahrer an den ersten Anstiegen verloren. Später sammelte sich eine große Fluchtgruppe um Topfahrer wie den zweifachen Etappensieger Simon Yates und Weltmeister Alejandro Valverde an der Spitze. Doch sie kamen nur knapp zwei Minuten vom Peloton weg.

Entscheidung am Col de l'Iseran: Der höchste Berg der Tour de France, das Dach der Frankreich-Rundfahrt, lud zu Attacken ein - und die Favoriten nahmen das gerne an: Sechs Kilometer vor dem Gipfel griff Geraint Thomas das Gelbe Trikot an, wurde aber eingeholt. Dann probierte es der Viertplatzierte Steven Kruijswijk, kam aber auch nicht weg. Den dritten Versuch startete dann Egan Bernal, und den 22-Jährigen konnte keiner aufhalten. Leichtfüßig fuhr er an den Ausreißern vorbei. Julian Alaphilippe ließ völlig abreißen und musste als Solist den Gipfel erklimmen - rund zwei Minuten hinter Bernal. Dass dies das Etappenergebnis sein würde, war da nicht abzusehen. In der Abfahrt hätte Alaphilippe wie am Vortag vielleicht noch aufgeholt.

Ausgezogen: Alaphilippe verlor das Maillot Jaune nach 14 Tagen, länger hatte das Trikot bei einer Tour de France seit Bernard Hinault 1985 kein Franzose mehr getragen. Damit ist wohl auch der Traum vom ersten französischen Toursieger seit 34 Jahren geplatzt. Dass Alaphilippe am Samstag zurückschlagen kann, ist unwahrscheinlich.

Auf dem Sprung: Emanuel Buchmann hielt bis zum Gipfel das Hinterrad von Vorjahressieger Thomas. In der Gesamtwertung liegt der Deutsche auf dem fünften Platz, 1:42 Minuten hinter Bernal. Das Gelbe Trikot wird Buchmann nicht mehr erobern, aber der Sprung auf das Podium ist mit zwölf Sekunden Rückstand auf Thomas noch möglich. "Am Samstag wird Emanuel ans Limit gehen. Wir werden sehen, wozu es reicht. Jetzt muss er keine Kraft mehr sparen und nichts mehr absichern. Jetzt kann er das fahren, was der Körper hergibt", sagte der Sportliche Leiter von Bora-Hansgrohe Enrico Poitschke dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Wie geht es weiter? Die letzte Chance auf einen Wechsel des Gelben Trikots gibt es am Samstag: Auf der 130 Kilometer langen Etappe mit einem abschließenden 33 Kilometer langen Anstieg nach Val Thorens wird sich das Rennen um das Gelbe Trikot entscheiden. "Da wird jeder fahren, was geht. Ich denke, das ist der Showdown", sagte Buchmann. Denn auf dem Weg nach Paris am Sonntag wird das Gelbe Trikot traditionell nicht mehr attackiert.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, dass Schneefälle zum Abbruch der Tour geführt hätten - so berichten es auch mehrere Nachrichten- und Fotoagenturen, die vor Ort sind. Laut Wetterexperten war es in der betroffenen Region aber zu warm für Schneefälle, es müsse sich demnach um Hagel handeln. Bislang herrscht keine eindeutige Klarheit.



insgesamt 14 Beiträge
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peter-11 26.07.2019
1. Sehr schade
aber der Rennabbruch war die absolut richtige Entscheidung. Morgen wird es richtig spannend und spätestens am letzten Berg geht es richtig rund. Emanuel Buchmann könnte das Podium noch erreichen. Ich gönne es ihm und traue es ihm auch zu. Er hat Thomas schon mal distanziert.
DiegoMarlasca 26.07.2019
2. Diese Tour de France begeistert
Keine Ruhetage am Wochende, tolle Strecken und ein sehr nah zusammenliegendes Spitzenfeld. Ich habe auch die heutige Etappe mit Begeisterung verfolgt. Der Abbruch war absolut richtig. Alaphillippe hätte auf der letzten Abfahrt kaum Zeit gut gemacht znd hätte wohl am letzten Anstieg noch mehr Zeit verloren. Ich drücke Buchmann die Daumen für das Podium. Er war bisher immer bis zum Schluss in der Spitzengruppe und hat am Tourmalet gezeigt, dass er auch angreifen kann.
ulaij 26.07.2019
3. @Peter - 11
Sie haben Kruijswijk vergessen, der ja auch noch vor Buchmann liegt. Ich denke sogar, dass die Tour zwischen Kruijswijk und Bernal entschieden wird. Thomas wird wohl nicht sein eigenes Teammitglied attackieren, solange buchmann und Kruijswijk noch dran sind. Alaphilppe schreibe ich fürs Podium ab. Die besten Chancen hat (und wohl Form) hat klar Bernal!
tempolimit 26.07.2019
4. Live-Ticker
Wäre toll, wenn die Punkte für die Etappenzwischenwertungen (Bergwertung, Sprint) in der Karte vom Live-Ticker halbwegs korrekt angezeigt würden - war schon mehrmals total falsch. Die Bergwertung der höchsten Kategorie wäre demnach heute nicht erreicht worden, wegen dem Abruch. Nun auf den beiden letzten Etappen wird das auch keine große Rolle mehr spielen und bis nächstes Jahr wird SPON doch jemand finden der sich geografisch etwas besser auskennt - oder darauf vertrauen, dass das eh keinen interessiert(?)
cahill 26.07.2019
5. Abbruch richtig - Wertung falsch
So richtig der Abbruch ist, so falsch ist die Entscheidung,die Etappe mit "Stand Iseran" in die Wertung eingehen zu lassen. Die Mannschaften richten ihre Strategie auf derartigen Etappen auf die Gesamtstreckenführung aus, nicht auf Zwischenziele. So wird die Tour komplett verfälscht. Was bei Sprintetappen oder sog. Übergangsetappen problemlos ist, wirkt sich hier fatal aus. Wenn Alaphilippe nicht betroffen gewesen wären, hätte die Jury das Rennen wohl nicht gewertet. So wollte man wohl vor allem den Eindruck vermeiden, Alaphilippe soll bevorteilt werden.
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