Tour-de-France-Fahrer Buchmann Tritt für Tritt bergauf

Lange war kein Deutscher bei der Tour so gut platziert wie Emanuel Buchmann derzeit. Der 26-Jährige ist kein Spektakel-Fahrer. Aber immer zur Stelle, wenn es zur Sache geht. Seine Lieblingsetappen kommen erst.

Emanuel Buchmann wirkt noch ganz entspannt
Christophe Ena DPA

Emanuel Buchmann wirkt noch ganz entspannt

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Wer über Emanuel Buchmann schreibt, kommt ohne folgende Worte nicht aus: still, ruhig, zurückhaltend, scheu, schüchtern. Sie finden sich in jeder Beschreibung über ihn, die "taz" nannte ihn einen "Leisetreter", Buchmann gehört ganz offensichtlich nicht zu denen, die in der Radsportszene das große Wort führen. Man könnte auch sagen, der 26-Jährige lasse lieber Taten sprechen. Zum Beispiel bei der diesjährigen Tour de France, bei der der Deutsche sich bis auf Platz fünf im Gesamtklassement vorgearbeitet hat.

Wie es ihm gelungen ist, sich an der Spitze einzureihen, ist typisch Buchmann: Er hat keine Etappe gewonnen, er hat keine spektakulären Ausreißversuche gestartet, er hat sich bei den Zielsprints zurückgenommen. Er war stattdessen einfach bislang immer präsent, wenn es zur Sache ging.

Am Montag auf dem Weg nach Albi, als der gnadenlose Wind das Feld in Stücke zerriss und Favoriten wie Richie Porte und Jakob Fuglsang wertvolle Zeit verloren, war Buchmann aufmerksam und vorne dabei. Als es zu den ersten Bergprüfungen kam, spielte er seine Kletterqualitäten aus und hing sich, so gut es ging, an Titelverteidiger Geraint Thomas. Bis jetzt gab es noch keine entscheidende Situation bei dieser Tour, die Buchmann verschlafen hätte. Das ist fürs Klassement wichtiger, als bei einer einzelnen Etappe zu glänzen.

"Verrückte Dinge muss ich nicht machen, ich muss nicht selbst angreifen", sagte Buchmann am gestrigen Ruhetag, als er dann doch mal vor der Presse auftauchen muss. Bei der Tour ist er der Kapitän der Bora-Mannschaft, für die verrückten Dinge sind im Team andere zuständig: Peter Sagan, der Sprint-Superstar aus der Slowakei und unbestritten einer der größten Lautsprecher in der Branche. Der demonstrativ selbstbewusste Sagan als Zuarbeiter für den stillen Kapitän Buchmann - es gab einige, die nicht geglaubt hätten, dass das lange gut geht. Aber die beiden ergänzen sich bisher reibungslos.

Ab Donnerstag geht es in die Pyrenäen, später über die Alpen. Buchmann sagt: "Für mich geht die Tour jetzt erst richtig los." Die Berge, die sind sein Metier, das ist schon ungewöhnlich genug für einen deutschen Radprofi. In Deutschland konzentrieren sie sich normalerweise eher auf die Sprints wie Bora-Teamkollege Pascal Ackermann, der beim Giro überzeugte, oder auf die Tagesrennen wie Tony Martin oder John Degenkolb. Deutschland ist nicht das Land der Bergziegen, der Kletterer, Buchmann macht da die Ausnahme.

In aller Ruhe: Auch bei der Vuelta im Vorjahr
Alcoba Beitia DPA

In aller Ruhe: Auch bei der Vuelta im Vorjahr

Nur eine Minute und 45 Sekunden liegt Buchmann derzeit hinter dem Spitzenreiter Julian Alaphilippe zurück, das ist angesichts der bevorstehenden Bergetappen eigentlich so gut wie nichts, an das Gelbe Trikot will Buchmann dennoch nicht denken. Den Traum vom Gesamtsieg gebe es "nicht wirklich", sagt er. Bloß keine Euphorie.

Keine Vergleiche mit Ullrich und Klöden

Was im deutschen Radsport ja auch ganz vernünftig ist. Der letzte Deutsche, der es bei der Tour am Ende unter die besten Fünf geschafft hat, heißt Andreas Klöden - ein Name, der für die dunkle Seite dieses Sports steht, für die Zeiten, in denen das Team Telekom erst für nationale Besoffenheit sorgte und dann der ganz große Kater kam. Vergleiche mit Jan Ullrich oder Klöden wischt Buchmann dann auch ganz schnell vom Tisch: "Ich will in keine Fußstapfen treten. Ich fahre mein eigenes Rennen." Es gibt gute Gründe, sich nicht mit den Ullrichs und Klödens zu vergleichen.

Ein Rang unter den besten Zehn soll es am Ende sein, die Devise hat Buchmann schon vor der Tour ausgegeben. Er liegt im Plan.

Die Berge sind Buchmanns Metier
Valentin Flauraud DPA

Die Berge sind Buchmanns Metier

Sein ganzes Radsportleben folgt bisher einem Plan. Stück für Stück auf der Leiter weiter nach oben: Siege bei den Junioren, die Rad-Bundesliga, dann die ersten kleinen Rundfahrten. 2014 überlegt er kurz, ob er besser Maschinenbau studiert, als aufs Rad zu setzen. Den Studienplatz hat er schon, dann fährt er bei der Tour de l'Avenir auf Rang sieben. Die Entscheidung ist gefallen. Deutschland hat einen Maschinenbau-Ingenieur weniger.

Die Tour de France vor zwei Jahren schließt er als Fünfzehnter ab. Bei der Vuelta im Vorjahr ist er erstmals von Beginn an Teamkapitän bei einer großen Rundfahrt. Jetzt führt er den Rennstall auch bei der Tour. Schritt für Schritt, Tritt für Tritt geht es für ihn aufwärts. Er ist eben ein Kletterer.

Die Topfavoriten auf den Gesamtsieg bei der Tour heißen nach wie vor anders: Geraint Thomas, der Brite, dessen Teamgefährte Egan Bernal aus Kolumbien, Alaphilippe will das Gelbe Trikot so lange behalten wie möglich. Den Deutschen hat so recht immer noch keiner auf dem Zettel. Emanuel Buchmann wird das sehr recht sein. Nur die Ruhe.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 17.07.2019
1. Jeder ein Held
Ich liebe sie, die oft so bescheidenen, stillen Stars der mit Abstand härtesten Nummer, die Leistungssport weltweit zu bieten hat. Der philosophisch-schüchterne schwäbisch-akribische Arbeiter Emi Buchmann und der wirklich coole, extrovertierte und gleichzeitig faire Teamplayer und Sportsmann und atemberaubende Rad-Akrobat Peter Sagan sind eine tolle Kombination dieses Jahr. Da hat Bora ein glückliches Händchen bewiesen. Heute kann Sagan nochmal Punkte sammeln, vielleicht am Ende aufblitzen, dann kommt Buchmanns Woche. Ich freu mich.
lana.berger 17.07.2019
2. Gerade diese Ruhe und Bescheidenheit ...
macht ihn so sympathisch. Weiter so, Schritt für Schritt! ^^
M. Vikings 17.07.2019
3.
Zitat von taglöhnerIch liebe sie, die oft so bescheidenen, stillen Stars der mit Abstand härtesten Nummer, die Leistungssport weltweit zu bieten hat. Der philosophisch-schüchterne schwäbisch-akribische Arbeiter Emi Buchmann und der wirklich coole, extrovertierte und gleichzeitig faire Teamplayer und Sportsmann und atemberaubende Rad-Akrobat Peter Sagan sind eine tolle Kombination dieses Jahr. Da hat Bora ein glückliches Händchen bewiesen. Heute kann Sagan nochmal Punkte sammeln, vielleicht am Ende aufblitzen, dann kommt Buchmanns Woche. Ich freu mich.
Peter Sagan hat sich bei mir nach den zwei Vorfallen bei der letztjährigen Tour, vor Allem dem mit Mark Cavendish, aus der Sympathieliste herausgeschossen. Der fährt für mich auf "Bewährung", mal abwarten ob der es wieder in meine Liste schafft. Sein kurz angebundenes und beleidigtes Interview, nach seinem zweiten Platz am Ende der dritten Etappe, zeugt nicht unbedingt von großem Sportsgeist und hat jedenfalls nicht dazu beigetragen. Was allerdings die bescheidenen durch sportliche Leistungen glänzenden Sportler angeht, schließe ich mich Ihnen an. Das sind auch meine Lieblingssportler. Emanuel Buchmann gehört unbedingt dazu.
taglöhner 17.07.2019
4.
Zitat von M. VikingsPeter Sagan hat sich bei mir nach den zwei Vorfallen bei der letztjährigen Tour, vor Allem dem mit Mark Cavendish, aus der Sympathieliste herausgeschossen. Der fährt für mich auf "Bewährung", mal abwarten ob der es wieder in meine Liste schafft. Sein kurz angebundenes und beleidigtes Interview, nach seinem zweiten Platz am Ende der dritten Etappe, zeugt nicht unbedingt von großem Sportsgeist und hat jedenfalls nicht dazu beigetragen. Was allerdings die bescheidenen durch sportliche Leistungen glänzenden Sportler angeht, schließe ich mich Ihnen an. Das sind auch meine Lieblingssportler. Emanuel Buchmann gehört unbedingt dazu.
Das Ding mit Cavendish im Sprint hat sich doch später als völlig korrekt herausgestellt. Sagte Cavendish selbst ja auch sofort danach. Da war er für mich auch erst mal gestorben, aber es war wirklich nichts dran, die Perspektive täuschte und er wurde auch rehabilitiert von der UCI. https://spectator.sme.sk/c/20711471/sagans-crash-with-cavendish-during-the-tour-was-unintentional-cycling-association-acknowledgesd.html Sein gelegentliches Maulen mit sowieso immer finsterem Blick nehme ich meist als ironisch auf. Sprinter sind direkt danach eh nicht zurechnungsfähig. Aber ich spielte auch eher auf seinen Teamgeist und seine Kollegialität im Peloton an, wo er wohl echt mit allen gut kann und allgemein sehr beliebt ist, was bei Superstars eher nicht die Regel ist.
hooge789 17.07.2019
5. Ich freue mich auch auf die Bergetappen.
Ohne Zweifel ist er Deutschlands bester Kletterer. Ob das reicht um mit den weltweit besten Kletterern bei JEDER Bergetappe mitzuhalten, wird sich erst noch zeigen. Ich wünsche ihnen viel Glück, Herr Buchmann.
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